Wittenberge

Vision: Wittenberge als Hotspot der Transformation

Die brandenburgische Landesgartenschau 2027 soll Wittenberge beleben. Zugleich stoßen die Pläne für den früheren Nähmaschinenstandort auf Skepsis.

Dagmar Möbius
7 Min
Der Uhrenturm des früheren Nähmaschinenwerkes Veritas (Singer).

Der Uhrenturm des früheren Nähmaschinenwerkes Veritas (Singer).

© Soeren Stache/dpa

5,4 Millionen Gäste reisten 2025 ins Land Brandenburg. Die Zahlen sind relativ stabil, aber die Aufenthalte verkürzen sich – wie im Bundestrend. Bei Tagesreisen werde am meisten gespart, sagte Christian Woronka, Geschäftsführer der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH, bei einer Tourismusfahrt mit der seit März dieses Jahres amtierenden Ministerin für Wirtschaft, Energie, Klimaschutz und Europa des Landes Brandenburg, Martina Klement (CSU). Was die Statistik auch weiß: Ruhe ist das Hauptanliegen für 60 Prozent der Übernachtungsgäste.

Stadt im Wandel mit vielen Gesichtern

Die Nähmaschinenstadt Wittenberge gelte als Motor der Region, auch wenn die Zeiten längst vorbei sind, als von hier aus Singer- und später Veritas-Nähmaschinen in alle Welt exportiert wurden. Das 1903 erbaute Werk wurde 1992 geschlossen. Nun soll der ehemalige Industriestandort ein attraktives Reiseziel werden. Die Stadt an der Elbe habe „einen tiefgreifenden Transformationsprozess durchlaufen und sich zu einem Standort entwickelt, an dem Stadtentwicklung, Wirtschaft, Kultur, Naturerlebnis und Tourismus eng ineinandergreifen“, heißt es vom Tourismus-Marketing.

Mehr als 33.000 Einwohner hatte Wittenberge nie. Das Maximum war 1978. Seit 2011 liegt die Einwohnerzahl stabil bei 17.000 Menschen. „Wir brauchen mehr Impulse als in den Metropolen“, sagt Bürgermeister
Dr. Oliver Hermann, seit 2008 im Amt. Die Stadt auf dem 53. Breitengrad wirbt heute mit dem Untertitel „das Tor zur Elbtalaue“ – und mit viel Platz. Probe-Wohnen wurde hier zuerst angeboten, andere Städte folgten. Der Summer of Pioneers erregte 2019 bundesweit Aufmerksamkeit. Die Geschäftsstraße sei heute viel zu groß. Das Ärztehaus hat die Kommune gekauft. Hermann weiß: „Ärzte und Investoren wollen individuell betreut werden.“

Gedanken, wie man die touristische Saison in der Stadt ohne wirkliches Zentrum verlängern könne, gebe es schon lange. Natur- und Sternbeobachtungen, Wellness, Sport. Die Unternehmerfamilie Lange, die 2007 die überwiegend ruinöse Hinterlassenschaft der einstigen Märkischen Ölwerke kaufte und zu einem 38.000 Quadratmeter großen Urlaubsressort mit zahlreichen Attraktionen und zum einzigen Sternehaus in Wittenberge verwandelte, kann ein Lied davon singen. Aus geplanten 2,5 Millionen Euro Investition seien im Lauf der Zeit 17 Millionen Euro geworden.

Alle hätten ihn damals für verrückt gehalten. „Die Zeit ist vorbei, dass jemand isst, trinkt und schläft“, sagt Lutz Lange, der mit seinem Sohn Jan Lange die Geschäfte des Familienbetriebs mit 107 Mitarbeitenden und acht Auszubildenden führt. Heute ist die Alte Ölmühle sehr gut ausgelastet. 59 selbst verfasste touristische Thesen sind neben dem Eingang zum Kletter- und Tauchturm angeschlagen. Ein Höhepunkt reiche heute nicht, weiß Lange und lacht: „Ein Pärchen aus Berlin hat erst nach dreieinhalb Tagen bei uns gemerkt, dass sie nicht in Lutherstadt Wittenberg waren.“

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In der Region, in der das Knotenpunkt-Radfahren, auch Radeln nach Zahlen genannt, eingeführt wurde, soll die Landesgartenschau Wittenberge 2027 „das längste Sommerfest zwischen Berlin und Hamburg“ werden. Es wird die erste LaGa sein, bei der Besuchende ihren Hund mitnehmen dürfen. Und bitte nicht zu verwechseln mit der Landesgartenschau, die 2028 in der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt stattfinden wird.

Veritas zwischen Wahrheit und Vision

Veritas ist in der römischen Mythologie die Göttin der Wahrheit. Im Nähmaschinenwerk Wittenberge, das den Namen zu DDR-Zeiten trug, nahm man das nach der Wende nicht immer so genau. Vor allem bezüglich der Liegenschaft. Ein Grund, warum ehemalige Nähmaschinenwerker von der baldigen Landesgartenschau nicht so begeistert sind.

Der 16 Hektar große Veritas-Park wurde im Jahr 2021 verkauft. Nicht zum ersten Mal nach 1990 und diesmal an die Investorengruppe Eurinvest aus Luxemburg. Ein Zwangsversteigerungsvermerk mit einem geschätzten Wert von rund vier Millionen Euro findet sich unter anderem im Amtsblatt für Brandenburg vom 16. Juni 2010. Damals war der Zuschlag versagt worden, „weil das abgegebene Meistgebot einschließlich des Kapitalwertes der nach den Versteigerungsbedingungen bestehenbleibenden Rechte die Hälfte des entsprechenden Grundstückswertes nicht erreicht hat“.

Als derzeitiger Geschäftsführer des Veritas-Parks tritt Renaud Vercouter auf. Der 59-jährige Franzose ist unter anderem Chef der BKLV Management GmbH und der Veritas Beteiligungsgesellschaft mbH, von Beruf Jurist und Betriebswirt, vor allem aber Fotograf mit eigener Galerie in Berlin. Warum er in Wittenberge investieren will? Er habe mehr als 100 Projekte in vier Ländern ausgewertet und findet: „Die Lage ist top. Natur, Architektur, ICE‑Anschluss.“ Die Stadt sei dank des Bürgermeisters gut gepflegt, doch sie müsse aus dem Schlaf erwachen, der Tourismus boome. Die Preise seien günstiger als in Hamburg oder Berlin und die Nachfrage sei vorhanden.

Vercouter will das Areal des einstigen Nähmaschinenwerkes mit 250 Millionen Euro wiederbeleben und ein „Zentrum von Weltklasse für Kreativwirtschaft, Gastgewerbe, nachhaltige Entwicklung und kulturellen Austausch“ sowie Hunderte Arbeitsplätze schaffen. Bis 2027 soll auf 9000 Quadratmetern ein Kultur- und Veranstaltungshub mit Konferenzzentrum, Tiny-Häusern und Info-Pavillon entstehen. Die Phasen 2, 3 und 4 sehen die Eröffnung der Gebäude 13, 14 und 47 mit Co-Working-Spaces, Hotel, Wellness und Gastronomie auf 18.000 Quadratmetern, die Entwicklung einer „Future Factory“ auf 30.000 Quadratmetern und schließlich die Fertigstellung des 25.000 Quadratmeter großen Veritas-Parks vor – alles noch ohne Termin. Das Projekt sei langfristig angelegt, nicht nur für zehn Jahre.

Die Hälfte des Parks ist umstrukturiert und viel Fläche am Wasser wurde wieder begehbar gemacht. Was schon feststeht: Das Hotel wird zur Landesgartenschau nicht fertig werden. Auflagen des Denkmalschutzes sind nur ein Grund.

Die Skepsis der Nähmaschinenwerker

Lothar Wuttke fühlt sich verschaukelt. Der 74-Jährige hat ab 1973 im Nähmaschinenwerk Wittenberge gearbeitet, ab 1976 den Jugendklub aufgebaut und bis zur Wende geleitet. Viele Veranstaltungen organisierte er, die „DDR-weit nachgemacht wurden“, darunter eine der ersten Miss-Wahlen. „Nach der Wende war Wittenberge die schlimmste Stadt, nicht Eisenhüttenstadt, nicht Guben“, sagt er. Er fand mit seiner Frau Arbeit in Berlin. Heute ist er Rentner im Unruhestand. Den Veritasklub führt er weiter.

„Ich habe über die Jahre fünf oder sechs Investoren erlebt. Von Herrn Vercouter habe ich erstmals im Oktober 2024 gehört, als die Brandenburgische Ingenieurskammer den Fabrikbau als historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland auszeichnete“, erzählt er. „Er hielt sich im Hintergrund und ließ seinen Pressesprecher große Pläne verkünden.“ Doch die leise Bemerkung, wenn sich Sponsoren für 200 bis 300 Millionen Euro finden, könne es etwas werden, hörte Wuttke. Vom Hausverbot des früheren Verwaltungsleiters später auch. Anschreiben des Veritasklubs ignorierte der Investor bisher. Dabei bewahrt der Kulturmanager mit noch sechs aktiven Klub-Mitstreitern die Geschichte des Werkes, forscht, vernetzt und publiziert.

Die Pläne für den Veritas-Park als Teil der LaGa und weit in die Zukunft hinein findet auch er visionär. Einen Ausblick gab Sylvia Ahrens, Leiterin kultureller Projekte des Veritas-Parks. Große „Ausstellungen mit Bildern, die noch niemand auf der Welt gesehen hat“, sind angekündigt. Ein Festival mit 25 Wochenend- und zehn Programmschwerpunkten, von Mode über Theater bis zu Workshops. Man wolle an die Geschichte anknüpfen. Nachhaltigkeit ist auch ein Thema. Das erste Gebäudedach werde im Herbst mit Photovoltaik ausgestattet. Am Ufer der Stepenitz sollen 28 Tiny-Häuser mit 56 Betten eröffnet werden. Bisher liegen dort nur Flatterbänder.

Lothar Wuttke glaubt nicht, dass er die vollendete Wittenberger Vision noch erlebt. „Dass man nicht alles auf einmal schafft, ist klar“, sagt er und fürchtet: „Was die DDR mit Singer gemacht hat, machen die mit Veritas. Man muss die ehemaligen Nähmaschinenwerker mitnehmen“, wünscht er sich und verspricht: „Wir sind die Ersten, die auf dem Uhrenturm die Flagge hissen – wenn das Projekt realisiert wird.“

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