Mailand-Fashionweek

Roboter kapern den Mailänder Laufsteg: Mode-Publikum reagiert pikiert

Auf einer Modenschau der Vogue sorgen Humanoiden für pikierte Blicke in der Front Row – und für Häme im Netz.

4 Min
Donatella Versace (Versace) und Pierpaolo Piccioli (Balenciaga) bei ihrer Ankunft zur Vogue World 2026 in Mailand.

Donatella Versace (Versace) und Pierpaolo Piccioli (Balenciaga) bei ihrer Ankunft zur Vogue World 2026 in Mailand.

© IMAGO/Piovanotto Marco/ABACA

Es war eine Szene wie aus dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Zwei der Models auf der gestrigen Show des Magazins Vogue in Mailand trugen schlichtweg gar nichts. Sie waren vollkommen nackt – aus Metall, Plastik und Gelenken.

Die Rede ist von  zwei humanoidrobotischen Gestalten der chinesischen Marke Unitree Robotics, die auf ihre unbeholfene Roboterart über den Catwalk in der Galleria Vittorio Emanuele II, dem berühmten Einkaufsziel der Stadt, staksten. Dazu lief der Partyhit „L’amour toujours“ von Gigi D’Agostino. Wie Animateure hoben die Roboter die mechanischen Arme über den Kopf und begannen starr im Takt zu klatschen.

Vor den Augen der versammelten Fashion-Elite entstand so eine Szene, die bizarrer kaum sein könnte: Versace-Chefdesignerin Donatella Versace und Balenciaga-Kreativdirektor Pierpaolo Piccioli begannen zögerlich zu klatschen. Andere Branchen-Schwergewichte verzichteten direkt auf falsche Höflichkeiten: Valentino-Kreativdirektor Alessandro Michele schaute fassungslos drein, und Miuccia Prada, Mit-Chefdesignerin von Prada und Miu Miu, beobachtete das Spektakel mit einem pikierten Augenaufschlag. Die Roboter ließen sich davon nicht beirren und zogen ihr Programm stur durch.

Genau diese Momente machen im Netz gerade die Runde. Das Video auf dem offiziellen Instagram-Kanal von Vogue verzeichnet bereits über 1,6 Millionen Aufrufe. Schaut man in die Kommentarspalten, herrscht seltene Einigkeit darüber, dass dieser Auftritt alles war – nur nicht chic:„The death of fashion shows right here people!“ („Der Tod der Modeschauen genau hier, Leute!“) schreibt da etwa jemand. Oder: „BOOOOO throwing tomatoes“ („BUUUU wirft Tomaten“). „La Honte“ („Die Schande“, so der knappe Kommentar des französischen Modekritikers Lyas).

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Nichts als ein PR-Coup?

Der Rahmen für diesen Auftritt war das Vogue World Event – kein klassisches Defilee eines Traditionshauses, sondern eine global inszenierte Multi-Brand-Show des Condé Nast Verlags, die primär als PR-Maschine und Spektakel für digitale Kanäle fungiert.

Dass die Maschinen derart präsent und ohne einen einzigen Faden Stoff über den Laufsteg geschickt wurden, lässt die Vermutung eines Werbedeals laut werden. Immerhin dürfte für das Tech-Unternehmen eine so präsente Platzierung direkt im Herzen der Modewelt sehr gelegen kommen.

Roboter erobern die Laufstege

Ein Blick in die jüngere Modegeschichte zeigt, dass der Roboter auf dem Catwalk nicht neu ist. Erst im Mai 2026 liefen bei der „MACH33 Physical AI Fashion Show“ in Seoul ebenfalls humanoid-robotische Modelle des Herstellers Unitree Paar an Paar mit menschlichen Models – dort allerdings im passenden Outfit. Und auch auf der jüngsten London Fashion Week hatten Roboter bei avantgardistischen Designerinnen wie Tulasi ihren großen Moment.

Doch modisch wirklich gelungen bleibt einzig die legendäre Show im Jahr 1999 von Alexander McQueen: Er ließ zwei Industrie-Roboterarme das weiße Kleid von Shalom Harlow live mit Farbe besprühen – und legte damit eine dramatisch-poetische Inszenierung vor, die bis heute fest im Modegedächtnis verankert ist. Genau dieses Meisterwerk wurde von Coperni für Frühling/Sommer 2023 zitiert, als Bella Hadid live mit Spray-Fasern ein Kleid auf den Körper gesprüht wurde – in diesem Fall allerdings von Menschen.

Der Laufsteg als Bastion des Menschlichen

Dass das Publikum bei der Vogue World Show so empfindlich reagiert, ist kein Zufall. Wir leben in einer Zeit, in der kreative Berufe zunehmend von Algorithmen, KI und Automatisierung bedroht werden. Die hohe Mode und der Laufsteg waren stets das genaue Gegenteil davon: eine Zelebrierung des Menschgemachten, des Schneiderhandwerks, des Gefühls und des individuellen Ausdrucks.

Wenn Roboter ohne erkennbar höhere Idee auf den Laufsteg geschickt werden, bleibt nicht viel übrig außer zwei ungelenken Möchtegern-Kaisern ohne Kleider.

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