Kommentar

Volkswagen braucht einen Neustart: Sein Machtapparat steht ihm im Weg

Volkswagen muss radikal produktiver werden. Das verlangt Einschnitte von allen Seiten – vom Management, vom politisch geprägten Aufsichtsrat und auch von den Arbeitnehmervertretern.

Ralf M. Ruthardt
Ralf M. Ruthardt
6 Min
Volkswagen streicht nicht nur Stellen und schließt Werke in ganz Deutschland, auch fast alle Tarifverträge wurden gekündigt.

Volkswagen streicht nicht nur Stellen und schließt Werke in ganz Deutschland, auch fast alle Tarifverträge wurden gekündigt.

© Swaantje Hehmann/imago

Volkswagen hat einen Großteil seiner Haustarifverträge gekündigt. Das kam auch für die Arbeitnehmervertreter überraschend. Der Konzern spricht von einem „gravierend verschärften“ wirtschaftlichen Umfeld, von China, Zöllen und Kostendruck. Die Konzernleitung erklärt, dass man bei den Kosten nicht wettbewerbsfähig sei. Und: Volkswagen sei „überkomplex geworden“ und personell zu groß. Das ist eine ungewöhnlich offene Diagnose und dennoch keine, die Branchenkenner überrascht.

Die IG Metall widerspricht schon der Ausgangsthese. Auf Anfrage dieser Zeitung schreibt Jan Mentrup, Pressesprecher der IG Metall Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, die bestehenden Tarifverträge hätten „genügend Instrumente, um auf wirtschaftliche Herausforderungen zu reagieren“. Mentrup spricht von einem „tiefen Bruch mit der jahrzehntelangen Volkswagen-Kultur“ und einer „klaren Kampfansage an die Belegschaft“. Ab Januar könne ein Arbeitskampf drohen.

Ein Mangel an Perspektivwechsel

Genau an diesem Punkt wird der Konflikt schief. Wer im internationalen Wettbewerb an Boden verliert, sollte nicht zuerst mit Arbeitskampf drohen. Es stellt sich vielmehr die Frage, wozu auch Arbeitnehmervertreter und nicht zuletzt die mächtige IG Metall über Jahrzehnte dazu beigetragen haben, dass Produktivität und internationale Wettbewerbsfähigkeit unter Druck geraten sind. Es war absehbar, dass ein Mangel an Perspektivwechsel sich irgendwann als naiv oder als fehlende Weitsicht herausstellen wird. Alleine der Umstand, dass die Entgelte bei VW und anderen Autoherstellern oft deutlich höher sind, als bei deren Zulieferern, zeigt, dass hier etwas unrund ist.

Gerade Arbeitnehmer haben das Interesse, dass ihre Jobs erhalten und auch für ihre Kinder gesichert bleiben. Es grenzt an Selbstzerstörung, durch stetigen Zuwachs an Entgelt und zu oft bequemen Arbeitsbedingungen sich den sprichwörtlichen Ast abzusägen, auf dem man sitzt. Dieser Ast waren Innovation, Produktivität und die Fähigkeit, begehrte Autos zu entwickeln und zu produzieren. Die Frage nach der Innovationskraft und die Frage, ob man die Wünsche der Kunden verstanden hat, muss das Management bei VW beantworten. Die Frage nach Produktivität geht nicht zuletzt an die Beschäftigten und ihre Vertreter in Betriebsrat und Gewerkschaften.

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Nun sollten die Arbeitnehmervertreter dringend wirksame Vorschläge machen, wie das Unternehmen wieder konkurrenzfähig wird. Arbeitsplätze werden dauerhaft weder in Wolfsburg noch in Zwickau und Chemnitz am Verhandlungstisch gesichert. Sie werden durch Produkte gesichert, die Kunden kaufen wollen, also durch Innovation, Qualität – und durch Produktivität.

Das entlastet allerdings das Management keinen Millimeter. Volkswagen ist nicht alleine deshalb in diese Krise geraten, weil die Beschäftigten plötzlich zu viel Urlaub entdeckt hätten. Die strategischen Fehler wurden an anderer Stelle gemacht. Das Management ließ sich über Jahre von einer zunehmend politisierten Vorstellung der Mobilitätswende treiben. Der Weg zur Elektromobilität wurde nicht vom Kunden, von Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit her gedacht, sondern zu oft vom regulatorisch gewünschten Endzustand. Das Ergebnis war vorhersehbar: Milliardeninvestitionen trafen auf Märkte, die sich regional höchst unterschiedlich entwickelten.

VW-Chef Blume hat nun das Mandat, den Konzern grundlegend umzukrempeln (Archivbild).

VW-Chef Blume hat nun das Mandat, den Konzern grundlegend umzukrempeln (Archivbild).

© Michael Kappeler/dpa

Toyota zeigt, dass ein anderer Weg möglich war. Der japanische Rivale hat früh elektrifiziert, aber gerade nicht alles auf eine Karte gesetzt. Seine sogenannte Multi-Pathway-Strategie hält batterieelektrische Fahrzeuge, Hybride und andere Antriebe parallel im Angebot und richtet sie stärker nach Märkten und Kunden aus. Volkswagen dagegen bewegte sich lange so, als ließe sich industrielle Realität per Zieljahr organisieren. Das war keine mutige Transformation, sondern in Teilen widersinnig. Ein Weltkonzern muss Politik berücksichtigen. Er darf sich aber von der deutschen Politik nicht das unternehmerische Urteil abnehmen lassen.

Auch der Aufsichtsrat ist Teil des Problems. Bei Volkswagen treffen Eigentümerinteressen, Arbeitnehmermacht und Politik in einer Konstruktion aufeinander, die in ruhigen Zeiten als Sozialpartnerschaft glänzen kann und in der Krise Entscheidungen erschwert. Das Land Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte und darf zwei Mitglieder in den Aufsichtsrat entsenden. Einer davon ist Ministerpräsident Olaf Lies von der SPD. Zugleich besteht die Hälfte des 20-köpfigen Aufsichtsrats aus Arbeitnehmervertretern. Die IG-Metall-Chefin Christiane Benner ist stellvertretende Vorsitzende. Diese Struktur ist historisch gewachsen. Aber sie schafft einen offensichtlichen Zielkonflikt: Wer zugleich Standorte, Wählerinteressen, Beschäftigung und Unternehmensrendite im Blick behalten muss, entscheidet nicht unter denselben Bedingungen wie ein unabhängiger Eigentümervertreter.

Der Verteilungserfolg wird ein Wettbewerbsproblem

Wie konkret dieser Konflikt wird, zeigte sich erst im September. Reuters berichtete, dass Lies als Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat zwischen dem notwendigen Konzernumbau und politischem Druck angesichts drohender Stellenverluste und bevorstehender Kommunalwahlen lavieren musste. Dies ist ein Beleg dafür, wie eng Unternehmensaufsicht und Parteipolitik bei Volkswagen miteinander verschränkt sind. Ein Aufsichtsrat aber ist nicht dazu da, regionale oder parteipolitische Schmerzen zu verwalten. Er muss kontrollieren, ob das Unternehmen langfristig überlebensfähig geführt wird.

Die Erfolge vergangener Zeiten scheinen die Entscheidungsprozesse und -fähigkeit träge gemacht zu haben. Und der Verteilungserfolg wird ein Wettbewerbsproblem, sobald Produktivität und Ertrag nicht Schritt halten. Es gilt daher nicht, Besitzstände zu verteidigen. Es muss heute geklärt werden, wie Arbeitskosten sinken, Arbeitszeit flexibler wird und Produktivität steigt. Unternehmer verzichten in schwierigen Phasen auf Ausschüttungen, Gesellschafter lassen Gewinne im Unternehmen, Investitionen werden verschoben und Vermögen wird gebunden, um Liquidität zu sichern. Es ist nicht unzumutbar zu verlangen, dass auch Arbeitnehmer ihren Teil beitragen: durch mehr produktive Arbeitszeit, durch Verzicht auf einzelne Zusatzleistungen oder durch moderate Entgeltentwicklung, wenn genau das Arbeitsplätze langfristig sichert.

Die Streikdrohung der IG Metall wirkt wie aus einer anderen Zeit. Mentrup erinnert gegenüber dieser Zeitung daran, Volkswagens Stärke habe bis 2024 darin gelegen, Probleme „mit der Belegschaft zusammen zu bewältigen, nicht gegen sie und niemals ohne sie“. Das ist ein guter Satz. Man sollte ihn ernst nehmen – in beide Richtungen. VW-Chef Oliver Blume darf sich nicht hinter China, Zöllen und Regulierung verstecken. Chinesische Hersteller sind nicht über Nacht entstanden. Dass Entwicklungsgeschwindigkeit, Software, Kosten und Kundennähe dort Maßstäbe setzen, war lange sichtbar. Wenn Volkswagen heute feststellt, „überkomplex“ zu sein, ist das vor allem eine Anklage gegen die eigene Führung der vergangenen Jahre. Ein Vorstand wird schließlich dafür bezahlt, Probleme zu erkennen, bevor sie zur Krise werden.

Deshalb ist die Kündigung der Tarifverträge weder Skandal noch Befreiungsschlag. Sie ist eine schallende Ohrfeige für ein System, in dem Management, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertreter zu lange glaubten, Volkswagens Größe werde strategische Fehler, politische Rücksichtnahmen und steigende Kosten schon irgendwie auffangen. Diese Zeit ist vorbei.

Volkswagen braucht jetzt keinen Arbeitskampf, sondern einen Neustart. Das Management muss wieder unternehmerisch führen. Der Aufsichtsrat muss Unternehmensinteressen vor politische Nebenrechnungen stellen. Und die Arbeitnehmervertreter müssen Produktivität endlich als Voraussetzung guter Arbeit begreifen, nicht als Bedrohung derselben. Wer Arbeitsplätze retten will, muss zuerst die Wettbewerbsfähigkeit retten.

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