Auf dem Plakat zur Diskussion im Lehndorfer Gasthof Zur Linde stand ein Fragezeichen: „Die Lausitz – vom Braunkohlerevier zur Verteidigungsdrehscheibe?“ Es war, rückblickend, der ehrlichste Teil des Abends. Denn es ließ die Frage offen, die das Podium dann früh und geordnet beantwortete.
Schon der Rahmen verdient eine Anmerkung: Der Abend fand auf Einladung des CDU-Gemeindeverbands aus dem Kamenzer Land statt, und es war der Crostwitzer Bürgermeister Marko Kliemann (CDU), der die „neue sicherheitspolitische Lage“ als gegeben vortrug – mit Verweis auf Entwicklungen in Polen nahe Głogów, die früheren Pläne für einen US-Stützpunkt Fort Trump, die A4 als Truppenachse und den Truppenübungsplatz Oberlausitz.
So beginnt eine „offene Debatte“ bereits mit einer von einer Partei gesetzten Prämisse. Dass sich die Sicherheitslage objektiv verändert hat, ist unbestritten; dass daraus zwingend ein Logistikbataillon in Bernsdorf folgt, ist es nicht. Das eine ist Befund, das andere ist Wahl.
Zwei Redner, ein Haus
Die beiden „Impulsvorträge“ eröffneten eine als ergebnisoffen angekündigte Debatte – und kamen, das ist die erste bemerkenswerte Personalie, aus demselben Umfeld. Der erste Impuls stammte vom CDU-Bundestagsabgeordneten Jens Lehmann, der zweite von Generalmajor a.D. Markus Kurczyk. Lehmann gehört zum Gründerteam des im September 2025 in Berlin gegründeten Mitteldeutschen Instituts für Sicherheitsindustrie, Kurczyk ist dessen Vorsitzender.
Zur person
Beide Stichwortgeber des Abends sind damit Partner in demselben verteidigungsindustriellen Netzwerk, dessen erklärter Zweck es ist, einen Anteil am Sondervermögen nach Mitteldeutschland zu lenken. Das ist legitime Interessenvertretung. Sie trägt nur den Namen „Institut“ – und spricht mit der Stimme der Wissenschaft, wo es um wirtschaftliche Interessen geht.
Eine Region im Strukturwandel: Entwickelt sich die Lausitz vom Braunkohlerevier zur Verteidigungsdrehscheibe?
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1000 Arbeitsplätze?
Lehmann, der den ersten der beiden Impulsvorträge hielt, ordnete die Ansiedlung in einen doppelten Transformationsprozess ein – den Umbau der Lausitz nach der Braunkohle und die sicherheitspolitische Neuausrichtung nach dem russischen Angriff auf die Ukraine – und warb mit einer griffigen Zahl: Mit einem Bundeswehrstandort lasse sich die Chance nutzen, „1000 Arbeitsplätze in die Region zu bekommen“.
Diese Zahl verdient eine zweite Frage. Soldaten sind Dienstposten des Bundes, keine in der Region geschaffenen Arbeitsplätze: Sie werden bundesweit rekrutiert und zugewiesen, nicht aus dem örtlichen Arbeitsmarkt besetzt, und ein Bataillon senkt die hiesige Arbeitslosigkeit nicht wie ein neuer ziviler Arbeitgeber. Der echte regionale Beschäftigungseffekt ist indirekt – zivile Folgejobs in Bau, Versorgung und Instandhaltung, dazu die Kaufkraft der Soldaten. Real, aber kleiner als 1000 und teils nur für die Bauphase.
Hinzu kommt die Unschärfe der Zahl selbst: Mal ist von 1000, mal von 800 die Rede – und schon diese unsichere Personalstärke wird eins zu eins in „Arbeitsplätzen für die Region“ übersetzt. Das ist eine doppelte Aufrundung. Niemand bestreitet, dass eine Garnison dieser Größe ein Anker sein kann. Fragwürdig ist nicht der Nutzen, sondern die Gleichung: Soldaten gleich regionale Arbeitsplätze. Bundesdienstposten werden als örtliche Jobmotoren verkauft.
Mit Speck fängt man Mäuse
Kurczyks Werben hatte einen freundlichen Klang und einen unfreundlichen Kern. Sinngemäß: Wenn sich Widerstand rege und wenn die Firmen nicht mitzögen, dann mache man die Sache eben anderswo in Deutschland – und nicht im Osten. Man muss diesen Satz zweimal hören, um seine ganze Schönheit zu fassen.
Einer Region, der man fünfunddreißig Jahre lang bescheinigt hat, sie sei zu langsam, zu teuer, zu ostdeutsch, wird nun ein Platz am Tisch angeboten – ausgerechnet für das eine Produkt, dessen Absatz davon lebt, dass die Welt unsicherer wird. Mit Speck fängt man Mäuse. Der Speck sind rund 750 Millionen Euro Investitionen und 1000 versprochene Arbeitsplätze. Das Dumme ist nur, dass die Mäuse hier nach dem Zuschnappen nicht nachverhandeln dürfen.
Die Autobahn als Lockmittel
Konkret wurde der General bei der Infrastruktur. Käme die Aufrüstung, so machte Kurczyk deutlich, rücke auch der dreispurige Ausbau der A4 zwischen Dresden und Görlitz in den Bereich des Möglichen. Er verwies dabei auf den Ausbau von Camp Boles bei Bolesławiec – dem früheren Bunzlau – zu einer der größten amerikanischen Nato-Drehscheiben an der Ostflanke.
Pikant daran ist: Genau diesen Ausbau fordern die Bürgermeister der Region und die Landräte von Bautzen und Görlitz seit Jahren – bislang vergeblich, denn das Bundesverkehrsministerium lehnt ihn ab. Nun soll ihn ausgerechnet die Rüstungsspirale liefern. Und der Ausbau der Bahnstrecke Dresden–Kamenz–Bernsdorf/Hosena ist im Strukturwandelgesetz ohnehin vorgesehen, also auch ohne Panzer finanzierbar.
Das ist die eigentliche Lehre des Abends über politische Prioritäten: Infrastruktur, die man dem zivilen Leben verweigert oder längst versprochen hat, wird auf einmal verfügbar, sobald sie militärisch begründet ist. Manche Straße, so scheint es, wird erst dann dreispurig, wenn Panzer darüberrollen sollen.
Totes Kapital, fehlende halbe Million
Im Saal regte sich Widerspruch. Der Autor dieses Textes, Vorsitzender des Kreisverbands der Freien Wähler Bautzen, und Kathleen Liebschner, Vorsitzende der BSW-Kreistagsfraktion – beide an diesem Abend als interessierte Bürger und nicht in offizieller Funktion im Saal – sprachen von der Verschleuderung von Volksvermögen, von Kapital, das tot herumliegt und keinen Mehrwert erzeugt. Der Einwand hat ökonomisches Gewicht: Rüstungsgüter gehen im Frieden kaum in den produktiven Kapitalstock ein wie eine Brücke, eine Schule, eine Fabrik – sie veralten ungenutzt oder verbrennen im Ernstfall.
Besonders bitter wird der Vergleich vor Ort. Während für den Erhalt der Geburtsstation im Kamenzer St.-Johannes-Krankenhaus rund eine halbe Million Euro fehlt und die sächsischen Kommunen ein Rekorddefizit von 840 Millionen Euro vor sich herschieben, sollen Milliarden in Geräte fließen. „Verteidigungsfähig sollte man sein“, hieß es mehrfach, „aber kriegstüchtig“ – jener Begriff, der vielen im Saal die Geduld nahm – sei kein Wort, das eine ganze Region zu ihrem Lebensmodell machen müsse.
Drei Gefreite erinnern sich
Den Einwand vom toten Kapital trugen Männer mit eigener Erfahrung mit. Im Raum saßen mit dem früheren CDU-Landtagsabgeordneten Aloysius Mikwauschk, dem Bernsdorfer Bürgermeister Harry Habel und dem Autor drei ehemalige Gefreite – Letzterer leistete seinen Grundwehrdienst nach eigenem Bekunden zähneknirschend ab.
Alle drei haben in jungen Jahren erlebt, wie teuer und zugleich volkswirtschaftlich unproduktiv Rüstung schon zu DDR-Zeiten war – in einem Staat, der sich auch an seiner militärischen Last verausgabte und daran mit zugrunde ging. Wer das einmal von innen gesehen hat, hört bei der Formel „Rüstung als Wirtschaftsmotor“ zweimal hin.
Von Teichen und Fröschen
Aus dem Publikum kam ein Bild, das hängen blieb – gemünzt vor allem auf die Lobbyisten im Saal und auf den General: Im Westen Deutschlands gebe es viele Rüstungsteiche, riesige, in denen und an deren Ufern eine ganze Schar Frösche sitze, denen es prächtig gehe. Und nun riefen dieselben Lobbyisten: Lasst uns im Osten auch ein paar kleine Teiche anlegen, damit Platz ist für die Rüstungsfrösche – dann werde es euch gut gehen.
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Hinter dem Spott steckt die ernste Frage, wem die Aufrüstung wirklich nützt. Wem etwa Rheinmetall gehört und wohin die Gewinne fließen, lässt sich nüchtern beantwortet: Das DAX-Unternehmen ist überwiegend Streubesitz, seine größten Aktionäre sind internationale Vermögensverwalter, und die Gewinne fließen über Dividenden und Kurswert an die Kapitalmärkte, nicht in die Lausitz. Die kleinen Teiche im Osten schaffen vor allem Platz für Frösche, die längst anderswo zu Hause sind.
Eine Freiheit, die niemand bestellt hat
Als der General zur bewährten Formel griff, er habe am Hindukusch die Freiheit Deutschlands verteidigt, kam aus dem Publikum die trockene Erwiderung, man habe ihn nicht nach Afghanistan geschickt. Es ist ein eigentümliches Geschäft, einem Bürger im sächsischen Hinterland eine Dankesschuld zu präsentieren, die er nie eingegangen ist – zumal die dort verteidigte Freiheit ein eher gemischtes Ergebnis vorzuweisen hat.
Aus dem Publikum kam zudem der Hinweis auf den Preis dieser Freiheit. Allein die einsatzbedingten Mehrausgaben des Afghanistan-Einsatzes lagen bei über zwölf Milliarden Euro; Schätzungen der Gesamtkosten reichen bis über 40 Milliarden. Bezahlt für ein Ergebnis, das 2021 mit der Rückkehr der Taliban endete.
Die schwerste Verletzung
Den wahrsten Moment des Abends lieferte ausgerechnet ein Befürworter. Bürgermeister Harry Habel erzählte von einem seiner Söhne, der einst in Zeithain bei der Bundeswehr diente; die besorgten Eltern besuchten ihn im Lazarett. Die schwerwiegende Verletzung, derentwegen er dort lag: eine Sehnenscheidenentzündung – zugezogen beim Dartspielen, aus Langeweile.
In diesem Bild steckt mehr Wahrheit als in so mancher Sicherheitsanalyse. So sieht der gute Fall aus: Im Frieden, den sich alle wünschen, besteht die härteste Schlacht der Truppe im Kampf gegen die Langeweile, und die schwerste Blessur trägt der Wurfarm davon – kuriert, mit hohem medizinischen Aufwand, auf Staatskosten. Der schlechte Fall trägt einen anderen Namen. Er heißt nicht Sehnenscheidenentzündung, sondern Leichensack. Zwischen diesen beiden Polen soll die Region ihre Zukunft spannen.
Soldaten als Demografieprogramm?
Ein Gedanke ging an diesem Abend mit, halb im Scherz, halb im Ernst: Eine Ansiedlung von rund 1000, meist sehr jungen Bundeswehrangehörigen – trägt sie nicht zumindest die Chance, dem demografischen Niedergang etwas entgegenzusetzen? Der Einwand ist nicht abwegig. Kamenz wuchs als Militärstandort: ständige Garnison seit 1896, später die NVA-Offiziershochschule der Luftstreitkräfte mit zeitweise 1500 Studierenden, deren blau-graue Uniformen das Stadtbild prägten.
Doch das war eine geschlossene Welt ohne Reisefreiheit – die jungen Männer blieben, weil sie nicht wegkonnten. Ein modernes, mobiles Bataillon, 40 Kilometer von Dresden, bindet sich an keinen Ort mehr so. Und das Szenario frisst sich selbst: Eine echte Friedensdividende bedeutet weniger Soldaten, nicht 1000 gelangweilte, die der Region zu Nachwuchs verhelfen.
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Die neue Fremdheit: Wie Ost und West auseinanderfallen
Man könnte den Gedanken sogar genüsslich zu Ende rechnen. Die Geburtsstation in Kamenz, der heute eine halbe Million zum Überleben fehlt, müsste man dann nur über die mageren Jahre retten: Rechnet man ab Eintreffen des Bataillons neun Monate biologische Vorlaufzeit hinzu, wäre sie um 2032 herum wieder gut ausgelastet. Man schlösse also heute den Kreißsaal, um ihn übermorgen mit den Kindern der gelangweilten Soldaten zu füllen. So elegant kann Strukturpolitik sein.
Hinter der Pointe steckt ein ernster Gedanke: Wer junge Familien in die Region holen will, darf ihnen nicht zugleich die Entbindungsstation wegsparen. Und überhaupt – wenn die Region nur junge Menschen, stabile Arbeit und eine Perspektive braucht, dann ist der militärische Charakter des Ankers nebensächlich. Ein Forschungsinstitut, ein Industriebetrieb gleicher Größe, brächte denselben Effekt, ohne die Wette darauf, dass die Lage sich verschlechtert. Das demografische Argument spricht nicht für Aufrüstung. Es spricht für Investition.
Ein Bürgermeister zwischen Stolz und Zweifel
Habel ist für den Standort, und man versteht ihn. In 21 Jahren als Bürgermeister hat er viel für Bernsdorf bewegt; wer erlebt hat, wie das traditionsreiche Glaswerk schloss, greift nach jedem Strohhalm, der nach Zukunft riecht. Vielleicht ist er gerade deshalb selbst hin- und hergerissen, ob sich Volksvermögen in weiten Teilen nicht sinnvoller einsetzen ließe. Bezeichnend, dass derselbe Mann, der für die Ansiedlung wirbt, zugleich nachdrücklich Diplomatie einfordert, um Konflikt und Krieg zu vermeiden. Welcher Vater möchte schon, dass sein Sohn versehrt oder im Leichensack zurückkehrt?
Auf die Stimmung in Bernsdorf angesprochen, räumte Habel ein, manche sorgten sich, der Ort werde mit der Ansiedlung zur Zielscheibe. Das sei er ohnehin schon, entgegnete er und verwies auf das Tanklager im benachbarten Cunnersdorf zwischen Kamenz und Bernsdorf – diese Anlage genüge im Ernstfall längst als Ziel. Ein bemerkenswert nüchterner Einwand, ausgerechnet von einem Befürworter.
„Friedenstüchtig statt kriegstüchtig“
Den persönlichsten Moment des Abends setzte Kathleen Liebschner. Sie ist Vorsitzende der BSW-Kreistagsfraktion und zweite stellvertretende Landesvorsitzende ihrer Partei, sprach an diesem Abend aber als Bürgerin und Mutter zweier erwachsener Kinder. Sinngemäß rief sie mahnend in den Raum: Ihre Kinder bekämen sie nicht. Sie habe sie nicht geboren und großgezogen, damit sie im Schützengraben enden.
Aus diesem Satz sprach mehr als Empörung. Er stellte dem Leitbegriff der „Kriegstüchtigkeit“ ein anderes Wort entgegen – Friedenstüchtigkeit – und damit die naheliegendste und zugleich unbequemste Frage an jede Aufrüstungsdebatte: Wessen Kinder sollen am Ende für die Statistik der Wehrhaftigkeit geradestehen? Es war kein pazifistischer Reflex, sondern der Einspruch einer Mutter, dem man die Ernsthaftigkeit nicht absprechen kann.
Das Bauchgefühl des Ostens
Couragiert wurde an diesem Punkt Thomas Zschornack, der langjährige Bürgermeister von Nebelschütz. Er verwahrte sich energisch dagegen, dass vom Podium her – namentlich durch General Kurczyk – der Eindruck erzeugt werde, die Friedensbewegung in dieser Runde lächerlich zu machen. „Ich bin für den Frieden“, hatte er schon zuvor festgehalten; das Militär sehe er nicht als Lösung für den Strukturwandel.
Ein Abgeordneter, der nicht jede Rhetorik teilt
Sympathisch offen zeigte sich Jens Lehmann an einer Stelle: Auch in seinem Leipziger Umfeld, bis in den Familienkreis, werde über diese Fragen gestritten. Und er machte deutlich, dass er nicht jede Rhetorik seines Parteifreundes Roderich Kiesewetter teile – jenes CDU-Außenpolitikers und Oberst a.D., dessen Forderung „Der Krieg muss nach Russland getragen werden“ weit über die Parteigrenzen hinaus für Aufsehen sorgte. Solche Differenzierung tat dem Abend gut. Sie zeigte, dass die Frontlinie nicht zwischen den Parteien verläuft, sondern mitten durch sie hindurch.
Bleibt das Augenmaß
Am Ende blieb die eine Forderung, die überraschend häufig fiel – auch von Befürwortern des Standorts: Augenmaß. Verteidigungsfähigkeit, ja. Diplomatie zuerst. Und ein gesundes Misstrauen gegenüber jedem, der einer strukturschwachen Region Speck hinhält und „Institut“ auf die Falle schreibt. Das Plakat im Saal trug an anderer Stelle den Vermerk, ein Bild sei nicht KI-generiert. Schade eigentlich. Eine Maschine hätte das Fragezeichen vielleicht ernster genommen.
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