An diesem Wahlabend im Festsaal Kreuzberg bricht ein Moment die üblichen Rituale auf. Während die erste Prognose über die Leinwand läuft und die Menge „Elif! Elif!“ ruft, steht sie zehn Minuten später auf der Bühne, und Elif Eralps erster Gruß gilt weder einem Parteifreund noch einem künftigen Koalitionspartner, sondern einem Mann im Publikum: „Christoph von Amnesty“. „Er hat mich und meine Familie vor 45 Jahren vor dem Flüchtlingsheim bewahrt“, sagt sie unter dem Jubel des Saals. „Danke, dass es solche Menschen wie dich gibt.“
Am Ende ihrer Rede ruft sie auf Türkisch in den Raum: „Wir haben Geschichte geschrieben, Freunde.“ Diese Ansprache markiert nicht nur einen historischen Wahlsieg, sie verweist auch auf die besonderen Umstände einer Biografie, die sich den gängigen Erzählungen entzieht.
Kein klassisches Erfolgsmärchen
Elif Eralp wurde im Januar 1981 in München geboren. Ihre Eltern, sozialistisch und gewerkschaftlich engagiert und in der Türkei mehrfach inhaftiert, hatten das Land nach dem Militärputsch vom 12. September 1980 verlassen, die Mutter hochschwanger. Mit Unterstützung von Amnesty International stellten sie in München einen Asylantrag, dessen Anerkennung rund zwei Jahre dauerte.
Dass die Tochter heute kurz davor steht, das Rote Rathaus zu übernehmen, ließe sich mühelos als klassisches Erfolgsmärchen inszenieren. Doch Eralps eigene Schilderung rückt ein Wort in den Mittelpunkt, das die Sache dreht: „bewahrt“. Ihre Familie musste das Leben im Heim nicht hinter sich lassen, sie blieb durch privates Engagement ganz davon verschont. Es ist damit eine Geschichte über die Zufälligkeit eines Startpunkts und darüber, wie tief ein einzelner Ehrenamtlicher in eine Biografie eingreifen kann.
Draußen, vorläufig, abhängig
Um die Bedeutung dieser Abwendung zu ermessen, muss man die Bundesrepublik jener Jahre betrachten. Zwischen 1979 und 1981 erreichten rund 200.000 Asylanträge das Land, ausgelöst vom Kriegsrecht in Polen und vom Putsch in der Türkei, und der Staat reagierte mit einer Abschreckung, die er immer weiter verschärfte: Visumpflichten, ein Arbeitsverbot im ersten Jahr des Verfahrens, Sachleistungen statt Geld, ab 1982 dann Gemeinschaftsunterkunft und Residenzpflicht als Regel. Wer Asyl beantragte, sollte spüren, dass er nicht erwünscht war.
Dazu kam rechtsterroristische Gewalt: Am 22. August 1980, wenige Wochen bevor die Eralps flohen, brannte in Hamburg-Billbrook eine Unterkunft für vietnamesische Flüchtlinge, zwei Menschen starben bei dem ersten rechtsterroristischen Mordanschlag auf Asylsuchende in der Bundesrepublik. Ein Heim war damals – wie heute oftmals auch – mehr als eine Adresse, es war eine Klassifizierung als draußen, vorläufig und abhängig und ein Ort mit erhöhtem Risiko. Genau davor bewahrte anscheinend ein Mann von Amnesty International eine hochschwangere Frau und ihren Mann.
Exil, kein Arbeitsmarkt
Bei genauerer Betrachtung ist Eralps Weg kein Aufstieg aus prekären Verhältnissen. Ihre Eltern brachten ein akademisches Fundament aus der Türkei mit: Die Mutter, Hülya Eralp, wurde in Deutschland als Feministin und Publizistin bekannt, der Vater konnte nach dem Asylverfahren wieder als Arzt arbeiten, weshalb die Familie nach Dortmund zog und später, als die Tochter acht war, nach Hamburg-Altona.
Von dem, was damals für Zehntausende zum Alltag gehörte, blieb sie verschont: keine Kettenduldung, kein Dauerprovisorium im Wohnheim, kein regelmäßiges Warten auf einen Bescheid im Briefkasten, der über den Verbleib der Familie entscheidet.
Eine Gastarbeitergeschichte ist es ebenso wenig. Die Eltern kamen über kein Anwerbeabkommen und mit keinem Rückkehrplan, sondern weil sie in der Türkei im Gefängnis gesessen hatten; ihr Deutschland war ein Exil und kein Arbeitsmarkt. Für dieses dritte Muster, die politische Emigration aus dem akademischen Milieu, hatte die bundesdeutsche Erzählung über türkische Einwanderung lange keine Kategorie, weil es durch das Raster aus Fabrikhalle und Sammelunterkunft fiel, aus dem sich das öffentliche Bild von „den Türken“ zusammensetzte.
Auch Eralps eigener Werdegang folgt eher der Logik eines wiederhergestellten Status: Jura in Hamburg, Referendariat unter anderem beim UN-Flüchtlingskommissariat, 2009 das zweite Staatsexamen mit Prädikat. Heute lebt die verheiratete Mutter zweier Kinder als profilierte Linke-Politikerin in Kreuzberg. Ihre Biografie zeigt vor allem, wie schmal der Grat zwischen zwei Lebensläufen verläuft; dieselben Eltern hätten unter jahrelanger Kasernierung mit Arbeitsverbot und Residenzpflicht ihren sozialen Status womöglich dauerhaft verloren – und aus der Tochter wäre jemand anderes geworden.
Mölln, Solingen, Altona
Diese Einordnung darf allerdings nicht in Verkleinerung umschlagen, denn erspart blieb Eralp die schlimmste Hürde, nicht jede. Sie wuchs als Kind anerkannter Flüchtlinge in einem Land auf, das ihren Eltern gerade eben Schutz gewährt hatte, und ihre Schulzeit in Hamburg-Altona fiel in die Jahre von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen, von Mölln, wo 1992 drei Menschen türkischer Herkunft bei einem Brandanschlag starben, und von Solingen, wo es ein Jahr später fünf waren. Wer damals Elif hieß und zur Schule ging, wusste, dass die Frage der Zugehörigkeit jederzeit aufgerufen werden konnte.
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Dass daraus zwei Prädikatsexamina wurden und, 45 Jahre nach der Ankunft der Eltern, der Griff nach dem Roten Rathaus, bleibt deshalb eine Leistung, für die es in der Bundesrepublik kaum Vergleichsfälle gibt.
Eralp wäre die erste Regierende Bürgermeisterin türkischer Herkunft in der Geschichte Berlins. In Stuttgart regiert seit Mai mit Cem Özdemir der erste Ministerpräsident türkischer Herkunft; zieht Eralp nach, wären binnen eines halben Jahres die beiden großen Ausnahmen gewählt worden.
Was bleibt am Ende des Monats übrig?
Politisch ist Eralp längst im Apparat angekommen. 2010 zog sie nach Berlin und arbeitete als Referentin für Rechtspolitik bei der Bundestagsfraktion der Linken, 2017 trat sie in die Partei ein, seit 2021 sitzt sie im Abgeordnetenhaus. Am vergangenen Sonntag gehörte dieser Apparat ihr: Die Linke wurde mit 25,7 Prozent erstmals stärkste Kraft bei einer Berliner Abgeordnetenhauswahl, die CDU stürzte auf 18,8 Prozent, die Grünen auf 14,3 und die SPD auf 12,1, während die AfD auf 16,3 zulegte. Für eine rot-rot-grüne Mehrheit würde es reichen. Unter einer Bürgermeisterin Eralp.
Der Erfolg ihrer Kampagne gründet maßgeblich auf einer Verschiebung des politischen Konflikts. Statt über Herkunft und Identität zu streiten, rückte Eralp die materiellen Nöte ins Zentrum: den Kampf der Mieter gegen einen unbezahlbaren Wohnungsmarkt und die Sorgen derer, die trotz Arbeit mit steigenden Lebenshaltungskosten kämpfen. Mit dem goldenen „Mietendeckel“-Anhänger um den Hals übersetzte sie abstrakte Politik in eine Frage, die den Alltag jedes Berliners bestimmt: Was bleibt am Ende des Monats übrig?
Die Wählerwanderung zeigt, wie gut das aufging. Rund 75.000 Stimmen kamen von früheren Nichtwählern, 57.000 von den Grünen und 39.000 von der SPD. Damit erreichte Eralp auch Menschen, die sich von den bestehenden Institutionen bislang nicht vertreten fühlten, von Ostdeutschen bis zu prekär Beschäftigten ohne jede Einwanderungsgeschichte.
Bruchlinie Antisemitismus
Die Sollbruchstelle dieses Bündnisses bleibt der Nahostkonflikt. In Teilen der Berliner Linken, besonders in Neukölln, wird der Gaza-Krieg deutlich schärfer diskutiert als im politischen Mainstream, während sich viele arabische und muslimische Berliner von der deutschen Debatte nicht vertreten fühlen.
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Eralp versucht hier einen Balanceakt. Sie spricht über antimuslimische Diskriminierung und die Rechte von Frauen mit Kopftuch, stellte im Mai aber auch den Fünf-Punkte-Plan ihrer Partei zum Schutz jüdischen Lebens vor. Wie real die Spannung ist, zeigte Ende August eine Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken, bei der der Rapper Dahabflex vor rund tausend Zuhörern „Death to the IDF“ und „Yalla Yalla Intifada“ sang. Die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen auf.
Eralp nannte Aufrufe zur Gewalt „absolut inakzeptabel“ und verlangte vom Bezirksverband Aufklärung und Konsequenzen. Ob ihre Solidarität über den Wahlsieg hinaus trägt, wird sich zeigen.
Versprechen bis an die Wohnungstür
Berlin hat knappe Kassen, einen angespannten Wohnungsmarkt und eine Verwaltung, deren Schwächen jeder kennt, der einmal monatelang auf einen Termin gewartet hat. Eralp selbst wohnt zur Miete und sucht seit Jahren erfolglos eine größere Wohnung. Zieht sie ins Rote Rathaus ein, muss sie beweisen, dass linke Politik den Alltag spürbar verbessert und nicht nur überzeugend erklärt.
Von der Bühne aus hat Eralp an einen Mann erinnert, der vor 45 Jahren dafür sorgte, dass eine einzelne Familie nicht im Heim landete. Eine Regierende Bürgermeisterin kann auf solche Zufälle nicht mehr hoffen; sie muss die Bedingungen herstellen, unter denen andere Kinder auf keinen Christoph angewiesen sind.
Denn gerade in ihrer Wählerschaft ist die Hoffnung auf echte Veränderung so groß, dass aus der historischen Euphorie des Wahlabends sehr schnell tiefe Ernüchterung werden könnte, wenn die Ergebnisse an der Wohnungstür ausbleiben.
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