NS-Gedenken

Vom Gehweg auf den Friedhof: Heidenau stoppt die Stolpersteine

Im sächsischen Heidenau hat der Stadtrat beschlossen, keine neuen Stolpersteine mehr zuzulassen. Hinter dem Votum steht ein Bündnis aus AfD und CDU – und eine Debatte, die weit über die Stadt hinausweist.

7 Min
Dort, wo sie einst lebten: Stolpersteine geben den Opfern des Nazi-Regimes ihren Namen und ihren Platz in der Nachbarschaft zurück.

Dort, wo sie einst lebten: Stolpersteine geben den Opfern des Nazi-Regimes ihren Namen und ihren Platz in der Nachbarschaft zurück.

© Fotoillustration: Ostdeutsche Allgemeine. Fotos: imago

Fünf glänzende Messingquadrate liegen bislang im Pflaster von Heidenau. Fünf Namen, fünf Lebensgeschichten, fünf stumme Hinweise darauf, dass hier einmal Menschen lebten, bevor sie verfolgt, verschleppt oder in den Tod getrieben wurden. Mehr werden es vorerst nicht. Am 24. September 2026 hat der Stadtrat der Kleinstadt bei Dresden beschlossen, im öffentlichen Straßenraum keine weiteren Stolpersteine zu verlegen. Dreizehn Stimmen dafür, sechs dagegen, eine Enthaltung – geheim ausgezählt, aber folgenreich für das Gedenken vor Ort.

Der Beschluss liest sich knapp. „Eine Verlegung von sogenannten ‚Stolpersteinen‘ im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich wird künftig abgelehnt“, heißt es im Wortlaut. Eingebracht hatten den Antrag Stadträte der CDU, der AfD und der lokalen Bürgerinitiative Oberelbe für mehr Demokratie (BOD). In großen Teilen geht die Vorlage auf einen AfD-Antrag vom Dezember 2025 zurück.

Die Begründung dreht sich um Würde. Die Platzierung im Gehweg „führt dazu, dass Passanten – bewusst oder unbewusst – über die Namen von Opfern hinweggehen“, wie es in der Vorlage heißt. Als Vorbild nennen die Antragsteller München, wo seit 2004 keine Stolpersteine auf öffentlichem Grund zugelassen sind. Eine Entscheidung, die der Stadtrat 2015 bestätigte. Statt kleiner Messingtafeln vor den letzten Wohnorten der Verfolgten soll in Heidenau ein zentraler Gedenkort auf dem Nordfriedhof entstehen – ein Ort, den man nicht mehr betreten muss, aber auch nicht mehr beiläufig entdeckt.

Stimmen aus Politik und Zivilgesellschaft

Nach der Abstimmung meldeten sich Kritiker aus dem gesamten politischen Spektrum. Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz-Komitee nannte den Beschluss einen „durchsichtigen und verachtenswerten Versuch, die NS-Opfer in Heidenau erneut aus der Stadt zu vertreiben“. Charlotte Knobloch, die langjährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, lehnt Stolpersteine zwar ab – sie hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass München auf das Projekt verzichtet. Trotzdem zeigte sie sich entsetzt, dass eine Partei sich hergebe, „ein so durchsichtiges Manöver der Extremisten von der AfD zu unterstützen“.

Diese vier Stolpersteine wurden auf der Bahnhofstraße installiert. Sie erinnern an die jüdische Familie Reiner.

Diese vier Stolpersteine wurden auf der Bahnhofstraße installiert. Sie erinnern an die jüdische Familie Reiner.

© Marko Förster für Ostdeutsche Allgemieine

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Der sächsische SPD-Landtagsabgeordnete Albrecht Pallas warf der AfD hingegen vor, den Nationalsozialismus relativieren zu wollen. Der israelische Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, äußerte sich öffentlich zutiefst erschüttert und betonte die fundamentale Bedeutung dieser Form der Erinnerungskultur, die das Gedenken an die Shoah im Alltag der Menschen verankert. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sprach von einem Skandal, Grünen-Chef Felix Banaszak zeigte sich empört. Der Erfinder der Stolpersteine, der Künstler Gunter Demnig, kündigte mit seiner Stiftung juristischen Widerstand an. Und der linksextreme Verein VVN-BdA mobilisierte einige Dutzend Aktivisten, um vor dem Heidenauer Rathaus zu demonstrieren. Doch was denken die Menschen in Heidenau?

„Ich versuche, mich immer aus politischen Sachen herauszuhalten“, sagt die junge Mutter Melanie. Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft mache ihr Sorgen. Trotzdem befürwortet sie die Stolpersteine. „Ich wünsche mir ein würdiges Andenken, die Nazi-Opfer haben es doch verdient.“ Ähnlich sieht das ein Ehepaar, das über den zentralen Marktplatz spaziert. „Es gehört zu unserer Geschichte“, sagt er. Sie ergänzt: „Wenn ich einen Stolperstein entdecke, lese ich mir den Text immer durch.“

Rentner Roland Richter fürchtet um den Ruf seiner Heimatstadt.

Rentner Roland Richter fürchtet um den Ruf seiner Heimatstadt.

© Marko Förster für Ostdeutsche Allgemeine

Rentner Roland Richter sieht Heidenau durch die Stolperstein-Debatte in ein schlechtes Licht gerückt. Die Aufregung um die Stolpersteine hält er für überzogen; gegen die Steine selbst hat er nichts: „Das kann doch durchaus gemacht werden, warum denn nicht?“ Auch die Stimmung unter den Menschen beschäftigt ihn. Wenn er mit Leuten rede, seien viele „so aggressiv“ und unzufrieden. Woher das kommt, versteht er nicht. „Dabei ist Heidenau in den letzten Jahren doch so schön geworden“, sagt der Rentner und zeigt auf den modernen Spielplatz, wo sein Enkel gerade am Toben ist.

Wer steckt hinter den Stolpersteinen? Der Verein AKuBiZ

Dass es überhaupt eine neue Debatte in Heidenau gab, hat mit einem Verein aus dem Nachbarort Pirna zu tun: dem Alternativen Kultur- und Bildungszentrum Sächsische Schweiz, kurz AKuBiZ. Der Verein pflegt seit Jahren das Gedenken an die NS-Opfer in der Region. Er brachte 2021 den ersten Heidenauer Stolperstein für Paul Gröger auf den Weg – jenen 1933 abgesetzten Bürgermeister, der sich geweigert hatte, die Hakenkreuzfahne zu hissen. Gröger wurde in das Konzentrationslager Hohnstein verschleppt und dort misshandelt. Später nahm er sich das Leben. Sein Stein liegt heute vor dem Rathaus.

Im Februar 2023 folgten vier Steine in der Bahnhofstraße 10 für die jüdische Kaufmannsfamilie Reiner. Vorbereitet hatten die Verlegung Schüler des Herder-Gymnasiums Pirna. Eine Teilnehmerin beschrieb damals, was die Recherche bei ihr auslöste: „Erst durch das Projekt haben wir uns intensiver mit der Geschichte unserer Region auseinandergesetzt. In der Schule lernt man zwar auch viel über den Nationalsozialismus, aber erst in der AG haben wir konkret auf unsere Umgebung geschaut und uns mit den Familien beschäftigt, die damals hier gelebt haben. Das hat mich schon sehr bewegt.“

Im Januar 2025 stellte AKuBiZ beim damaligen Bürgermeister Jürgen Opitz einen Antrag auf weitere Verlegungen. Nach einem Vorgespräch präzisierte der Verein seinen Wunsch: zwölf neue Stolpersteine. Der Verein bot sogar an, die Kosten für die Arbeiten des städtischen Bauhofs zu übernehmen. Jeder Stein ist zehn mal zehn Zentimeter groß, kostet 120 Euro und wird aus Spenden finanziert. Doch der Antrag wurde über Monate vertagt. Auch das erneute Gesprächsangebot an Bürgermeisterin Conny Oertel im Mai 2026 verhallte. Am Ende stand die Abstimmung vom 24. September. AKuBiZ hat angekündigt, rechtliche Schritte zu prüfen.

Der Verein ordnet den Beschluss in einen größeren politischen Rahmen ein. Ziel der AfD und ihres Antrages sei die Umsetzung dessen, was Björn Höcke ausgerufen habe: „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Die zustimmenden CDU-Stadträte trügen diese Entwicklung mit und machten sich zu „willigen Helfer:innen der AfD-Politik“, moniert die NGO.

Wie geht es weiter? Der Gedenkort am Nordfriedhof

Offiziell soll an die Stelle der Stolpersteine ein zentraler Gedenkort auf dem Nordfriedhof treten. Er soll allen Opfern von „Krieg, Terror, Diktaturen, Vertreibung und insbesondere des Nationalsozialismus in Heidenau“ gewidmet werden. Was zunächst wie ein respektabler Kompromiss klingt, hat bei näherem Hinsehen deutliche Risse. Es gibt kein Konzept, keine Finanzierung, keine Fläche – und der Friedhof gehört nicht der Stadt, sondern der Kirche. Auch denkmalrechtlich dürften Umbauten nicht trivial sein.

Gedenkstelle im Nordfriedhof: Nach dem Willen des Stadtrates soll dort der Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden.

Gedenkstelle im Nordfriedhof: Nach dem Willen des Stadtrates soll dort der Opfer des Nationalsozialismus gedacht werden.

© Marko Förster für Ostdeutsche Allgemeine

Der Verein kritisiert zudem die inhaltliche Vermischung. Werden jüdische NS-Opfer unter einer gemeinsamen Opferkategorie mit Kriegsopfern, Vertriebenen und Opfern anderer Diktaturen zusammengefasst, drohe die „Singularität der Shoa“ – also die historische Einmaligkeit des industriellen Massenmords an den europäischen Juden – zu verschwimmen. Auch die Grenze zwischen Opfern und Tätern werde unscharf.

Heidenau ist eine kleine Stadt. Fünf Steine im Boden sind eine kleine Zahl. Und doch verhandelt sich an diesem Ort gerade im Großen, was zunehmend viele deutsche Kommunen beschäftigt: Wie sichtbar darf, wie sichtbar soll die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus bleiben – im Alltag, auf dem Weg zum Bäcker, zwischen Haustür und Straßenbahn? Die Mehrheit im Heidenauer Stadtrat hat sich dafür entschieden, das Gedenken an den Rand zu verlegen. Was mit den zwölf noch nicht verlegten Steinen geschieht, wird nicht nur juristisch, sondern auch politisch entschieden. Vielleicht am Ende dort, wo das Erinnern begann: in der Nachbarschaft.

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