Brutal Berlin

Vom Kuriosum zum Albtraum: Drei Jahre Horrorhaus von Lichtenberg

Früher waren kaputte Aufzüge mein größtes Problem. Heute gehören Brände, Wasserausfälle und ein schlafender Drogenabhängiger vor meiner Wohnungstür zum Alltag. Eine Bilanz.

6 Min
Was sich direkt vor ihrer Tür abspielt, kann unsere Kolumnistin manchmal selbst nicht fassen.

Was sich direkt vor ihrer Tür abspielt, kann unsere Kolumnistin manchmal selbst nicht fassen.

© Fotoillustration: Klara Bezug für Berliner Zeitung am Wochenende. Fotos: Unsplash

Angst verändert Menschen. Manche werden panisch. Andere rennen weg. Ich halte die Luft an. Wie eine Mischung aus einer Katze und einem professionellen Einbrecher schlüpfe ich durch meine Wohnungstür, vermeide es, mit meinem Schlüsselbund zu klimpern, und halte meine Atmung so flach wie möglich.

Wenn es Olympisches Anschleichen gäbe, hätte ich inzwischen gute Chancen auf eine Goldmedaille. Selbst mit einem Koffer in der Hand und einer großen Tasche im Schlepptau bewege ich mich nahezu geräuschlos in Richtung Aufzug. Dort entscheidet sich jeden Morgen, ob ich unbeschadet zur Arbeit gelange.

Bloß keine Geräusche machen

Vor drei Jahren hatte ich morgens genau eine Sorge: Hoffentlich funktioniert der Aufzug. Heute habe ich zwei. Die erste erledigt sich meist schnell. Denn sobald ich um die Ecke biege, sehe ich grünes Licht. Jackpot. Der Fahrstuhl lebt noch. Ein kleiner Sieg im Horrorhaus von Lichtenberg, das sich in den letzten drei Jahren in Sachen Unzumutbarkeit regelmäßig selbst überbietet. Die Freude über den intakten Aufzug hält aber nur so lange an, bis ich ihn sehe. Schon wieder liegt er dort. Regungslos. Direkt vor der dreckigen Metalltür, die sich täglich hunderte Male öffnet und schließt.

Der Mann schläft. Zumindest hoffe ich das. Ich presse meine Lippen noch fester aufeinander und bewege mich an ihm vorbei. Langsam. Ganz langsam. Bloß keine Geräusche machen. Bloß nicht gegen die Aufzugtür stoßen. Bloß nicht aufwecken. Ein Schritt. Noch einer. Die Aufzugtür öffnet sich. Viel zu laut. Zumindest bilde ich mir das ein. Ich wage kaum, den Kopf zu drehen. Hat er sich bewegt? Hat er etwas gehört? Erst als die Türen hinter mir zufahren, atme ich wieder aus.

All das mag sich herzlos anhören. Wer lässt einen Obdachlosen einfach so liegen, steigt auch noch halb über ihn drüber? Ein Unmensch. Oder eben eine junge Frau, die aus berechtigter Angst vor dem Angriff eines Drogenabhängigen, der seit Monaten in ihrem Hausflur kampiert, ein Ziel verfolgt: ohne Zwischenfälle das Erdgeschoss erreichen.

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Wäre der zuweilen hochaggressive Mann die Ausnahme, würde ich vermutlich sogar gelassener reagieren. Bedauerlicherweise steht er sinnbildlich für die Entwicklung, die meine Platte in den vergangenen 36 Monaten durchgemacht hat. Früher waren es einzelne kuriose Geschichten, die ich Freunden erzählte und für die Berliner Zeitung zu Papier brachte. Damals bestand das Horrorhaus von Lichtenberg für mich aus kaputten Aufzügen, skurrilen Aufzugsgesprächen und monatlichen Feuerwehreinsätzen.

Ich schrieb darüber, wie meine über 80-jährige Nachbarin im Notfall lieber die Feuerwehr rufen wollte, weil sie die 17 Stockwerke zu Fuß nicht überleben würde. Ich schrieb über Frau Hilbert, die tagelang unbemerkt tot in ihrer Wohnung lag. Über Wasserschäden, Polizeieinsätze und einen Herd, der beinahe das ganze Haus in Brand gesetzt hätte.

Das Kopfschütteln über dieses Haus hat mit der Zeit nicht etwa nachgelassen. Im Gegenteil. Es wird von Monat zu Monat heftiger. Manchmal habe ich das Gefühl, ich wohne in einem faulen Apfel, durch den sich eine Made frisst. Von außen wirkt das Haus noch immer erstaunlich modern. Doch hinter der Fassade zerfällt es Stück für Stück.

Die Liste an Vorkommnissen ist kilometerlang. Derzeit zählt meine Brandstrichliste, die ich vor meinem inneren Auge führe, fünf Einsätze. Als mal wieder eine Nachricht in unserer Hausgruppe aufploppte, dachte ich zunächst an einen Fehlalarm. Das wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen.

Feueralarm? Eine Evakuierung? Fehlanzeige!

Wenige Minuten später, als das Martinshorn der Feuerwehr durch meine Wohnung schallte, wurde mir klar, dass tatsächlich etwas in Flammen stand. Irgendjemand hatte einen alten Sessel im Treppenhaus auf Höhe des 16. Stocks angezündet. Feueralarm? Eine Evakuierung? Fehlanzeige. Nach einer Stunde war der Brand gelöscht, wie mir meine Nachbarn via WhatsApp mitteilten. Seitdem ist der Flur an dieser Stelle schwarz wie die Nacht.

Die eigentliche Brisanz des Brandes wurde mir erst am nächsten Tag bewusst. Ich wohne im 18. Stock. Hätte sich das Feuer ausgebreitet, wäre der Aufzug tabu gewesen. Mein einziger Fluchtweg hätte genau durch das brennende Treppenhaus geführt. Zum ersten Mal fragte ich mich nicht mehr, ob ich heil nach unten käme. Sondern, ob der Ausblick über Berlin den Preis dafür am Ende vielleicht doch nicht wert ist.

Das eigentlich Verrückte ist aber, dass der Brand längst kein „Ausreißer“ mehr ist. In meiner Platte reiht sich, wie bereits erwähnt, eine Absurdität an die nächste. Vor wenigen Monaten verrichtete jemand mitten im Hausflur seine Notdurft. Kurz darauf schlief ein anderer Bewohner mitsamt Decken und Taschen im Aufzug und machte ihn kurzerhand zu seinem Schlafzimmer. Wenig später verschwanden mal wieder unsere Mülltonnen für mehrere Wochen. Im Hochsommer. Ich erspare Ihnen an dieser Stelle lieber eine Geruchsbeschreibung.

Man gewöhnt sich an alles

Wirklich schwierig wurde es allerdings, als auch der Wasserdruck Lebewohl sagte. Erst für vier Tage. Damals endete die Geschichte immerhin mit einem Happy End. Das Wasser kam zurück. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wusste: Jetzt ging der Spaß erst richtig los. Von da an konnte ich morgens Wetten darauf abschließen, ob mein Wasserhahn heute Wasser liefern oder sich erneut auf Blubbern, Krächzen und Röcheln beschränken würde. Im Bad spitzte sich die Lage insofern zu, dass, wenn überhaupt, nur noch kochend heiß geduscht werden konnte. Ich sag es mal so: Der Mensch gewöhnt sich wirklich an alles.

Durch den permanenten Wasserausfall verabschiedete sich dann aber auch meine Spülmaschine. Den Vermieter interessierte das ungefähr so sehr wie der Wasserausfall selbst. Dafür flatterte kurze Zeit später eine Heizkostenabrechnung in Höhe von 800 Euro in meinen Briefkasten. Wohlgemerkt für eine Heizung, die ich praktisch nie benutzt habe, weil sie schlicht kaputt war. Doch irgendwann hört man auf, sich über solche Widersprüche aufzuregen, und schleicht lieber durch den Flur.

Vielleicht ist das der eigentliche Schaden, den dieses Haus anrichtet. Nicht der Brand. Nicht der Wasserausfall. Nicht der Obdachlose vor dem Aufzug, sondern die Angst. Sie klopft nicht mehr an die Tür. Sie wohnt längst mit mir im 18. Stock.

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