Vom leeren Leben

Sabine Vogel
2 Min

Literaturpreise sind wie Hämorriden. Jeder bekommt sie mal." Das sagt Charlotte Rampling in der Rolle einer verbitterten Erfolgsautorin in dem Film "Swimmingpool". Tatsächlich kann kaum behauptet werden, es gäbe in Deutschland nicht genug Literaturpreise. Die Liste reicht von Bachmann über Breitbach, Büchner, Chamisso, Döblin, Drewitz, Fontane, Grabbe, Heine, Johnson, Kaschnitz, Lenz, Mann, Serner, Voss bis hin zum Erbacher Kartoffelkrimipreis. Eher gehen die Namen deutscher Dichter aus, als dass ein deutscher Gegenwartsautor nicht wenigstens einmal in die engere Wahl gekommen wäre.Nach der Leipziger vergibt seit 2005 auch die Frankfurter Buchmesse einen Preis, der ein wenig internationalen Glamour auf die neue deutsche Literatur werfen soll. Aber auch hier scheinen die Namen preiswürdiger Autoren knapp zu sein. Aus 120 Vorschlägen der Verlage wurden so etablierte Durchwink-Autoren wie Martin Walser ("Angstblüte"), Ingo Schulze ("Neue Leben") und der schon im Frühjahr in Leipzig gewinnende Ilja Trojanow ("Weltensammler") nominiert.Als einziger Debütant der vor kurzem noch so gehypten Jungliteratenszene schaffte es nur Sasa Stanisic mit seiner bosnischen Kriegskindheitserzählung ("Wie der Soldat das Grammofon repariert") auf die Kurzliste. Aus dem Mittelfeld kamen Thomas Hettche ("Woraus wir gemacht sind") und Katharina Hacker ("Habenichtse") ins Finale.Mit ihren gegenwartshaltigen Post-9/11-Romanen galten die beiden als Favoriten und so konnte es kaum überraschen, dass am Montagabend im Frankfurter Römer die 39-jährige Katharina Hacker den mit 25 000 Euro dotierten Buchpreis für den besten deutschsprachigen Roman des Jahres erhielt.Darin geht es um ein Mittdreißiger-Paar, das ein erfolgreiches aber leeres Leben führt. Der Jurist und die Grafikerin verlieben sich am 11. September 2001 auf einer Party in Berlin, heiraten und ziehen nach London. Dort gerät ihr cool belangloses Leben Schritt für Schritt aus den Fugen. Die Unfähigkeit der "Habenichtse", moralische Entscheidungen zu treffen oder mitzufühlen, kollidiert mit einer vagen Sehnsucht nach existenziellen Erfahrungen. Hackers Roman, so die Jury-Begründung, "erzählt die Geschichte von Haben und Sein neu. Ihre Protagonisten wissen alles und kennen doch eines nicht: sich selbst. Sie lassen sich treiben und sind gleichermaßen Getriebene."Hacker beschreibt die Orientierungslosigkeit ihrer Generation, die alles hat außer Sinn, Zweck und Glauben im Leben. Ihre Fragen, so die Jury, sind unsere Fragen: Wie willst du leben? Was sind deine Werte? Wie sollst und wie kannst du handeln? Antworten darauf gibt es schon, allerdings in anderen Romanen, in denen das darin erzählte Leben nicht so öd und inhaltsleer ist.

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