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„Unsere Enkel“, höre ich den Architekturkritiker Wolfgang Kil sagen, „unsere Enkel werden die Platte lieben.“ Der Schauplatz: eine Historikertagung gegen Ende der Neunzigerjahre. Wolfgang Kil war bekannt für solche Sätze, damals schon. Es waren junge Forscher am Start, man traf sich einmal im Jahr in Erkner, und ich gehörte dazu. Gegenüber saß die alte Architektengarde, gewissermaßen die Urheber des Corpus Delicti. Mitunter ging es tatsächlich zu wie vor Gericht, mit Plädoyers und Verurteilungen und wortreicher Verteidigung. Die Jungen hatten sich auf das Sammelgebiet der Ostarchitektur gestürzt, was exotisch und zudem abgeschlossen war. Vor allem die Fünfzigerjahre hatten es ihnen angetan. Die neoklassizistischen Attitüden faszinierten die Promovierenden.
Kaum jemand ließ hingegen ein gutes Haar an der Platte. Das industrielle und genormte Bauen, die Kisten aus Waschbetontafeln und Flachdach, sie hatten keinen guten Stand. Sie erschienen billig, einheitlich und langweilig. Ausschreitungen wie in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda, wo ein Mob die Einwanderer in der Platte drangsalierte, hatten das Image vollends verdorben. Und in diese Stimmung hinein sagte Wolfgang Kil seinen Satz.
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Auch Sagebiels Säulen sind jetzt Platte
Ich wollte ihm damals auch nicht so recht glauben. Eine Generation später stehe ich vor dem deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig, ich bin jetzt fast Großelterngeneration und eine Frau, die eine Enkelin von Wolfgang Kil sein könnte, hat den Monumentalbau der Nazis zu einem Plattenbau gemacht. Das Festivalpublikum flaniert mit Shorts und Kleidern an der Platte vorbei. Es ist heiß, Eis kleckert auf den Boden. Und ich zweifle, dass viele hier die Ironie verstehen werden.
Die Eltern der Künstlerin Sung Tieu (geboren 1987) waren vietnamesische Einwanderer, angefeindet wie in Rostock und Hoyerswerda. Sie hat ihre Kindheitserinnerung verarbeitet, hat das schmutzigwarme Grau, die Unregelmäßigkeit der Fugen, das Abgeplatzte und Räudige der Platte nach Venedig gebracht. Erst beim Herantreten wird gewahr, dass das alles aus feinem Mosaik gearbeitet ist, selbst die Schriftzüge und Graffitis, die Balkonrücksprünge und der heruntergelaufene Schmutz. Auch die kolossalen Säulen von Ernst Sagebiel sind jetzt Platte, sie sind umhüllt von einer neuen Haut. Ich hoffe, man lässt es auch in Zukunft dran!
Der Osten hat Einzug gehalten in den Giardini, auch im Innenraum des Pavillons. Es ist die Nachahmung eines sozialistischen Wandbildes von Henrike Naumann (1984–2026) zu sehen, es gibt Ostmöbel und Gardinen und Sprelacart und ich meine, auch Ostgeruch zu vernehmen. „Geruchskunst“ ist eine große Sache auf dieser Biennale. Aber vielleicht verströmen die vielen Devotionalien auch ungewollt diesen merkwürdigen Duft.
Selbst „Teddy“ hängt in einer Ecke, „Sohn unserer Klasse“, aus Aluminiumguss und mit einem blauen Auge. Mehr als 35 Jahre musste es dauern, bis es so weit war, dass Ostdeutsche einmal ran dürfen an den Specktopf von Venedig, und sie holen den Osten, die Platte aufs Tableau.
Verarbeitet auf der Biennale ihre Erinnerungen an eine Kindheit in Ostdeutschland: Sung Tieu
© Manfred Segerer/Imago
Der Inbegriff von Anonymität
Die Platte wurde von den einen geschätzt und von den anderen gehasst, das war schon immer so. Für die einen war sie Erlösung vom Kohlenschleppen, von eingefrorenen Leitungen im Klo auf halber Treppe und von Ratten im Hausflur. Man hatte nun eine dieser begehrten, ferngeheizten Wohnungen ergattert und schätzte die neue Bequemlichkeit: die Kaufhalle und den Kindergarten in Sichtweite. Kinder mochten die Gegenwart anderer Kinder, und hier gab es immer welche, anders als in den alten Wohngebieten.
Sie geisterten durch die Mondlandschaften, die nach dem Bau erst einmal hinreichen mussten. Schlamm und Baumaterial, aber ein Paradies für Kinder. Später spielten sie Räuber und Gendarm zwischen den Teppichstangen oder Raumschiff mit den aus Eisenstäben geformten Geräten auf dem Spielplatz. Noch später übten sie Küssen zwischen den Garagenzeilen.
Für die anderen – und meist waren das diejenigen, die nicht dort wohnten – war die Platte der Inbegriff von Anonymität, Gleichmacherei und von Energieverschwendung. Ungläubig wurde erzählt, dass die Bewohner der Platte, wenn es ihnen zu warm würde in der ferngeheizten Wohnung, die Fenster einfach aufreißen würden zur Wärmeregulierung. Thermostate: Fehlanzeige. Auch ging die Legende, der männliche Plattenbewohner würde das heiße Wasser achtlos laufen lassen bei der Nassrasur. Es war ja im Mietpreis drin. Im Altbau wurde jede Kinderwanne zweimal genutzt, die Reihenfolge wechselte, und die Hände wurden kalt gewaschen. Und das Fenster öffnete man nur, wenn wieder mal der Ofen qualmte.
Im Inneren des deutschen Pavillons
© Eberhard Thonfeld/Imago
Heiner Müller nannte sie „Fickzellen“
Mit Entsetzen erzählte man sich auch im Rest der Republik, dass es in Halle-Neustadt keine Straßennamen gäbe, nur noch Block- und Eingangsnummern. Das war eine Steigerung der Anonymität gewesen. Unvorstellbar auf unserem Dorf, dieses „HaNeu“, dem man heute, in der Zeit der Enkel, durchaus Qualitäten zugestehen kann: Eine städtebauliche Idee ist spürbar, eine Unmenge hochkarätiger Kunst ist zu sehen und außerdem ist jetzt alles grün.
Es gibt die Stadtlandschaft, die die Planer sich erträumten, angesichts fingerdicker Bäumchen aber nur in ferne Zukunft schieben konnten. Dass diese Zukunft einer sozialistischen Stadt im Kapitalismus läge, ahnten sie ebenso wenig wie die Tatsache, dass man einmal Häuser „entnehmen“ würde. In ebendiesem HaNeu stand ich einmal vor der Bodenplatte eines Zwölfgeschossers. Unglaublich klein war dieser Grundriss mir erschienen, und der Raum so vieler Leben darüber war verschwunden.
Die Anonymität der Platte war ihr äußeres Merkmal und zweifellos auch gelebte Realität. Aber es gab auch die echten Hausgemeinschaften, in denen der Dreher neben dem Professor wohnte und ihm ebenbürtig war. Oft genug wurden sie Freunde. Zumindest bewohnten sie haargenau die gleiche Wohnung. In der Einrichtung gab es durchaus Unterschiede; die einen haben die Schrankwand an die linke Wand gestellt, die anderen an die rechte. Wieder andere haben alte Möbel in den Plattenbau getragen, Spitzendeckchen und Kristall.
In der Fotografie gibt es ein ganzes Genre, das dieses Interieur in den Blick genommen hat. Die Bewohner posieren vor ihrem kleinen Reich, der Rahmen und die Perspektive sind immer gleich: Platte eben.
Von außen war die Platte noch uniformer als von innen. Unser Sohn fragte mit drei Jahren im ersten Angesicht der Platte: In welchem Kästchen wohnt die Tante denn? Jede Wohnung war hinter dem gleichbleibenden Raster verborgen, allenfalls gab es Farbunterschiede in den Brüstungen der Balkone. „Arbeiterschließfach“ hieß die Plattenbauwohnung im Volksmund. Heiner Müller sollte sie später, etwas drastischer, „Fickzellen“ nennen. Allerdings hatte er auch das Recht zu derartigem Sarkasmus, denn er wohnte selbst in einer solchen. Angeblich soll die Wohnung absolut spartanisch eingerichtet gewesen sein – Bett und Tisch und Stuhl, Fernseher und sonst nichts, weswegen er sich vor allem im Grand Hotel herumtrieb und dort den teuersten Whisky des Hauses trank.
Platte in der Provinz: Ab und zu kann man noch unsanierte, also nicht verkleidete Plattenbauten finden, wie hier in Bad Salzungen.
© Peter Fibich
Halle-Neustadt ist, zumindest in seinem Zentrum, ein äußerst interessantes Ensemble aus Architektur, Freiraumgestaltung und Kunst.
© Peter Fibich
Anspruchslose Klötze am Dorfrand
Neben dem auch in der Platte stets präsenten Alkohol suchten die Bewohner der bedrückenden Gleichmacherei auch außen durch Individualität zu entgehen. Am besten demonstrierte man dies über den Balkon. Hier gab es Sonnenschirme in allen Farben, Girlanden, Holzvertäfelungen und Wagenräder, Tapeten, nach Westen ausgerichtete Fernsehantennen und natürlich: Blumen.
Überhaupt, die Zimmerpflanzen! Sie gehörten zur Platte wie die Schrankwand und der Hubtisch. Nach der Wende wurde offenbar, dass auch zimmerbotanisch eine Kulturgrenze zwischen West und Ost verlief. Was im Westen der Ficus, war dem Osten der Gummibaum gewesen. Am Abend setzte violettes Leuchtstoffröhrenleuchten in vielen Fenstern das Tagesleuchten fort. Ich fand den Anblick immer gruselig.
Ende der Achtzigerjahre hielt die Platte dann auch Einzug in unser Dorf. Man baute anspruchslose Klötze an den Dorfrand. Die Antwort auf das Dörfliche der Umgebung waren flache Satteldächer mit viel Überstand, die ein bisschen an Alpenarchitektur erinnerten. Es sah scheußlich aus. Außerdem gab es keine Fernwärme, sodass die Bewohner weiter Kohlen schleppen mussten.
Bei gelegentlichen Besuchen lernte ich die Platte nun genauer kennen: ihren typischen Geruch nach Beton, nach PVC, Staub und versteckter Feuchtigkeit. Zum Plattenfeeling gehörten das laute Klacken der Relais, wenn man einen Lichtschalter drückt, und das jähe Aufflammen des Lichts mit leichter Verzögerung. Nägel bekam man in keine Plattenwand. Beim Bohren musste man wiederum höllisch aufpassen, denn man war schnell „durch“ im nächsten Zimmer: Innenwände waren oft nur fünf Zentimeter dick. Im schlimmsten Fall war man beim Nachbarn, im besseren Fall im eigenen Nebenzimmer. Man konnte dann vielleicht ein Bild an dieser Stelle aufhängen.
Plattenbausiedlung in Berlin-Hohenschönhausen
© Schöning/Imago
Das Gegenteil von Urbanität
In den Wintermonaten war die Tristesse der Platte besonders groß. Einmal, es war ganz am Ende der DDR, musste ich nach Hohenschönhausen, dem letzten und simpelsten Plattenbauviertel in Ost-Berlin. Meine Cousine hatte es per Wohnberechtigungsschein hierher verschlagen. Es war kalt, es herrschte Schneetreiben, und das orangegelbe Licht der Quecksilberdampflampen wurde von den Großplattenwegen verschluckt. Neben den schlampig verlegten Platten glänzte Schlamm. Plötzlich schlug ein abgeschmückter Weihnachtsbaum neben mir auf.
Der Baum, den jemand ohne Vorwarnung aus dem Fenster geworfen hatte, hätte mich erschlagen können. Er blieb noch einen Moment wie eingestielt stehen, neigte sich dann langsam zur Seite und blieb in Schräglage liegen. Lamettareste wehten im Wind.
Innen vermittelte mir der überheizte Plattenbau mit seinem warmen Licht Gemütlichkeit, aber auch eine Beengtheit, die mir die Luft nahm. Das Wohngebiet war, was ich seinerzeit nur spüren, aber noch nicht benennen konnte: das Gegenteil von Urbanität.
Die Erbauer hatten sich das freilich anders gedacht, und ganz im Sinne ihrer Intention gibt es bis heute viele Menschen, die sehr gerne in der Platte wohnen. Oft genug sind es noch Bewohner aus dem Erstbezug. Die Platte ist ihnen Heimat geworden, sie wissen ihre Vorteile zu schätzen. Und allmählich ziehen auch die ersten Enkel ein. Sie haben keine Berührungsangst zur Platte, und was zweifellos auch eine Rolle spielt: Sie können woanders keinen Wohnraum mehr finden. Sie kaufen Vintagemöbel aus der Zeit der Platte. Es gibt auch schon Blumenvasen, die wie Plattenbauten aussehen. Wolfgang Kil wird wahrscheinlich recht behalten.
Peter Fibich arbeitet als freischaffender Landschaftsarchitekt im Büro Freiraumkonzepte bei Leipzig.
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