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Mall of Berlin: Ein überdachter Korridor zwischen zwei Shopping-Friedhöfen

Große Historie, triste Realität: Statt das Zentrum zu beleben, gelang der Mall of Berlin die erfolgreiche Bewerbung um die Stelle als zweithässlichstes Einkaufszentrum Berlins.

4 Min
Wenn Shopping einem Trauerspiel gleicht: Warum das Scheitern der Mall of Berlin besonders traurig ist.

Wenn Shopping einem Trauerspiel gleicht: Warum das Scheitern der Mall of Berlin besonders traurig ist.

© Fotoillustration: Berliner Zeitung am Wochenende. Fotos: Imago, Unsplash

Wo heute die Mall of Berlin zu finden ist, stand bis zum Zweiten Weltkrieg Europas größter Einkaufstempel: das Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz. Mit 70.000 Quadratmetern Verkaufsfläche konkurrierte dieser Palast des Konsums damals etwa mit dem KaDeWe. Heute befindet sich dort das langweiligste und uninspirierendste Kaufhaus seit dem Alexa.

Neben der Größe war es vor allem die Gestaltung im Warenhaus Wertheim, die Wettbewerber erbleichen ließ: die Besucher konnten in einem der vielen Lichthöfe stöbern, umgeben von feinsten Marmorintarsien, Wandgemälden und Vertäfelungen aus Nussbaumholz. „Palast des Konsums“ war also nicht nur eine journalistische Periphrase und die Anmutung des Ortes nicht nur groß, sondern von legendärem Format.

Das Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz wurde zwischen 1896 und 1906 erbaut.

Das Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz wurde zwischen 1896 und 1906 erbaut.

© imago stock&people

Nach Bombentreffern im Krieg war der Bau dann zerstört. Die DDR enteignete die Überreste, und von 1991 bis 2005 tanzte Berlin in den übrig gebliebenen Tresorräumen im berühmten Techno-Club „Tresor“.

Nicht kleckern, sondern klotzen: Im Warenhaus Wertheim war Einkaufen in prunkvoller Umgebung angesagt.

Nicht kleckern, sondern klotzen: Im Warenhaus Wertheim war Einkaufen in prunkvoller Umgebung angesagt.

© imago stock&people

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Die Fußstapfen des Ortes sind zu groß für dieses mittelmäßige Einkaufserlebnis

2011 beschloss man, an dieser alten Shopping-Stätte eine neue Mall hochzuziehen. Zur Einweihung des Wertheims kam 1906 noch Kaiser Wilhelm II. In der Mall of Berlin reichte es zur Eröffnung immerhin für den damaligen Bürgermeister Klaus Wowereit. Dass es weniger adelig zuging, daraus kann man dem neuen Einkaufszentrum keinen Strick drehen: Dieser Umstand war dem Lauf der Zeit geschuldet.

Dass es sich bei der Neuplanung um ein derart mittelmäßiges Einkaufserlebnis handelt, ist hingegen schwerer zu verzeihen. Ernüchterung setzt spätestens dann ein, wenn man am Eingang zum Leipziger Platz vom strassglitzernden Logo des Berliner Labels „Look 54“ begrüßt wird. Endgültig begraben werden Hoffnungen an ästhetischen Anspruch beim Betreten des Ostflügels: Hier erstrahlen Boden und Schaufensterrahmungen in bunten Steinen, die an ein Kinderparadies erinnern.

In die Shoppingmall gekommen, um bei Pommesbude und Pizzaladen ordentlich reinzuhauen.

In die Shoppingmall gekommen, um bei Pommesbude und Pizzaladen ordentlich reinzuhauen.

© IMAGO / Dreamstime

Gemessen an den nicht allzu hohen Erwartungen an heutige Einkaufszentren schlägt sich die Mall of Berlin absolut durchschnittlich: Zu finden sind die üblichen austauschbaren Highstreet-Modelabels, ein Peek & Cloppenburg, bessere Drogerien wie Sephora und Douglas sowie Schmuckgeschäfte  à la Bijou Brigitte und Thomas Sabo.

Man bekommt hier also problemlos alles, was man nicht haben will. Wer allerdings hofft, dass beim Durchziehen der Kreditkarte so richtig Dopamin ausgeschüttet wird, sucht vergebens. Das Shoppingerlebnis endet hier eher beim Kauf von Staubsaugerbeuteln.

Bunte Fliesen statt Holzvertäfelung und Marmor.

Bunte Fliesen statt Holzvertäfelung und Marmor.

© IMAGO/Matthias Reichelt

Doch nicht einmal dieses mittelmäßige Einkaufserlebnis kann die Mall auf ihrer gesamten Fläche aufrechterhalten, weil zwischen den Shops der Leerstand gähnt. Um die ungenutzten Schaufenster zu kaschieren, wurden dort großflächig Schwarz-Weiß-Fotografien aus den glamourösen Zeiten des alten Wertheim aufgeklebt, dem man wohl nie das Wasser wird reichen können.

Gedränge kommt erst in der obersten Etage, dem Foodcourt, auf. Hier finden sich mittags die Angestellten aus den umliegenden Büros zusammen und versuchen, bei einer Bowl genug Energie für den restlichen Arbeitstag zu sammeln. Die weitaus größere Herausforderung dürfte allerdings darin bestehen, einen Tisch zu finden, der nicht mit Fett, eingetrockneten Soßen oder Krümeln beschmiert ist – weil sich schlichtweg keiner der Stände für die gemeinschaftlich genutzten Essensbereiche verantwortlich fühlt.

Tote Achse zwischen Friedrichstraße und Potsdamer Platz

Dabei hatte die Mall of Berlin eigentlich noch eine größere Mission: Sie war als städtebauliche Lückenschließung gedacht, um Potsdamer Platz und Friedrichstraße zu verbinden. Nach dem Mauerfall dämmerte hier eine zugige Brachfläche, auf die sich kein Passant freiwillig verirrte.

Die Lücke wurde mit der Mall zwar gefüllt, aber ehrlicherweise eher mit Bauschaum als mit einer soliden Lösung. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass die beiden Punkte, Friedrichstraße und Potsdamer Platz, die es zu verbinden galt, mittlerweile ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen haben. 2024 schloss das Luxuskaufhaus Galeries Lafayette, erst kürzlich kündigten Hugo Boss und Zara an, ihre Geschäfte an der Friedrichstraße nach vielen Jahren ebenfalls aufzugeben.

Auf der anderen Seite steht der Potsdamer Platz, der nach massivem Leerstand nun versucht, sich mit Konzepten wie dem Food- und Entertainment-Center „The Playce“ künstlich wiederzubeleben. 

Streng genommen wurde am Leipziger Platz also keine Lücke zwischen zwei gut besuchten Flanierpunkten geschlossen. Ein überdachter Korridor der Shopping-Mittelmäßigkeit zwischen zwei Shopping-Friedhöfen trifft es passender.

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