Plattenbauten, Arbeiterviertel, Ost-Berlin: Das ist das Bild, das viele mit Marzahn-Hellersdorf verbinden. Rund 294.000 Menschen leben heute in dem gut 62 Quadratkilometer großen Bezirk am nordöstlichen Rand Berlins. Zu ihm gehören die fünf Ortsteile Marzahn, Hellersdorf, Biesdorf, Kaulsdorf und Mahlsdorf. Während im Norden die in den 1970er- und 1980er-Jahren entstandenen Plattenbaugebiete das Bild prägen, finden sich im Süden eher Einfamilienhäuser und Siedlungsgebiete.
Nach einem starken Bevölkerungsrückgang um die Jahrtausendwende wächst der Bezirk seit 2009 wieder kontinuierlich. Heute treffen hier unterschiedliche Generationen, Wohnformen und Lebensgeschichten aufeinander – in einem Bezirk, der sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder verändert hat. Besonders deutlich wird das beim Blick auf die Politik. Heute ist Marzahn-Hellersdorf eine Hochburg der AfD. Doch blau war es hier nicht immer. Ausgerechnet die Linke war hier fast 30 Jahre lang fest verankert. Wer verstehen will, warum der Bezirk heute politisch so aussieht, muss zurückblicken.
Das prägende Gesicht des Bezirks: Gregor Gysi
1990 ist der Bezirk noch tiefrot. Bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl nach der Wiedervereinigung gewinnt Gregor Gysi für die PDS – die Partei des Demokratischen Sozialismus, direkte Vorgängerin der heutigen Linkspartei – den Wahlkreis Berlin-Hellersdorf-Marzahn direkt. Mit 36,7 Prozent der Erststimmen setzt er sich gegen seine Konkurrenten durch. Für die Partei ist das ein besonderer Erfolg: Von den 17 PDS-Abgeordneten, die 1990 in den Bundestag einziehen, ist Gysi der einzige, der ein Direktmandat erringt.
Auch auf Bezirksebene ist die PDS stark. Bei der Berliner Wahl 1990 wird sie in den damals noch getrennten Bezirken Marzahn und Hellersdorf stärkste Partei. Die politische Prägung des Ostens Berlins ist damit auch an der Wahlurne deutlich sichtbar.
Vor mehreren tausend Anhängern spricht der damalige PDS-Vorsitzende Gregor Gysi während einer Wahlkundgebung am 28. Oktober 1990 auf dem Alexanderplatz in Berlin. Am 02. Dezember 1990 fanden die ersten gemeinsamen Wahlen zum Deutschen Bundestag nach der Wiedervereinigung statt.
© Andreas Altwein
Gysi bleibt dem Wahlkreis zunächst erhalten. Er gewinnt ihn auch 1994 und 1998 direkt. 2001 wechselt er ins Berliner Abgeordnetenhaus, wo er bei der Abgeordnetenhauswahl im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf 5 mit 51 Prozent der Erststimmen gewinnt. Anschließend wird er von Januar 2002 Bürgermeister und Senator für Wirtschaft, Arbeit und Frauen im Senat von Klaus Wowereit (SPD) – nur ein halbes Jahr später gibt er das Amt aber wieder auf.
Jahrzehnte mit PDS und Linke
Nach Gysis Wechsel ins Berliner Abgeordnetenhaus übernimmt die PDS im Bundestagswahlkreis eine andere prominente Figur: Petra Pau. Sie gewinnt den Wahlkreis ab 2002 fünfmal in Folge, bis 2017, direkt für die PDS beziehungsweise später Die Linke. Damit hält die Linkspartei das Direktmandat in Marzahn-Hellersdorf über Jahrzehnte.
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Auch bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus bleibt die Linke zunächst deutlich stärkste Kraft. 2006 erreicht sie im Bezirk 38,2 Prozent und liegt damit deutlich vor der SPD und der CDU. 2011 bleibt die Linke mit 31,2 Prozent ebenfalls auf Platz 1. Doch schon in diesen Zahlen zeigt sich der erste kleine Riss: Die Linke verliert zwischen 2006 und 2011 an Zustimmung. Gleichzeitig gewinnen andere Parteien hinzu. Der politische Wandel vollzieht sich zunächst langsam.
2016 ist die AfD plötzlich fast gleichauf
Dann kommt die AfD. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2016 tritt sie erstmals in Berlin an und erreicht in Marzahn-Hellersdorf auf Anhieb 23,6 Prozent der Zweitstimmen. Die Linke kommt auf 23,5 Prozent – beide Parteien liegen damit praktisch gleichauf.
Auch in der Bezirksverordnetenversammlung wird der Wandel sichtbar. Die Linke bleibt mit 26 Prozent zwar stärkste Kraft, verliert aber deutlich. Die AfD erreicht 23,2 Prozent und zieht mit 15 Abgeordneten in die BVV ein. Damit ist sie dort fast genauso stark vertreten wie die Linke, die 16 Sitze erhält.
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Die lange Serie der Linken endet 2021
Der entscheidende Einschnitt folgt bei der Bundestagswahl 2021. Nach mehr als 20 Jahren verliert Petra Pau das Direktmandat. CDU-Kandidat Mario Czaja erreicht 29,4 Prozent der Erststimmen und gewinnt den Wahlkreis, Pau kommt auf 21,9 Prozent. Zum ersten Mal seit 1990 geht der Wahlkreis damit nicht an PDS beziehungsweise Linke. Bei den Zweitstimmen liegt sie mit 15,9 Prozent sogar nur auf Platz vier – hinter SPD, AfD und CDU.
Vier Jahre später vergrößert sich der Abstand weiter. Bei der Bundestagswahl 2025 gewinnt AfD-Kandidat Gottfried Curio das Direktmandat in Marzahn-Hellersdorf mit 29,5 Prozent der Erststimmen – knapp vor Mario Czaja von der CDU mit 29,2 Prozent. Bei den Zweitstimmen wird die AfD mit 31,2 Prozent stärkste Kraft im Wahlkreis, während die Linke auf 16,7 Prozent kommt.
Gottfried Justus Immanuel Curio ist ein AfD-Politiker und seit 2017 Mitglied des Deutschen Bundestages. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann er das Direktmandat in Marzahn-Hellersdorf.
© Annette Riedl
Und so wurde binnen 30 Jahren aus Rot Blau: Auf Gregor Gysi folgten Jahrzehnte mit PDS und Linke im Direktmandat durch Petra Pau. 2021 brach diese Serie, zunächst zugunsten der CDU. 2025 ging der Wahlkreis schließlich an die AfD. Aus einem Wahlkreis, in dem knapp 30 Jahre lang die Linke ganz vorne war, ist ein Wahlkreis geworden, in dem die AfD heute ihre stärksten Ergebnisse in Berlin erzielt.
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