In diesem Jahr feiert Usbekistan den 35. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Weltgeschichtlich sind 35 Jahre eine Sekunde auf der historischen Uhr – für die Chronik des Landes war es eine Epoche der Veränderung und Umgestaltung.
Das Jubiläum markiert zugleich den Abschluss des ersten Entwicklungszyklus des modernen usbekischen Staats. Lange Zeit war dessen Wirtschafts- und Sozialmodell gewissermaßen schwarz-weiß – streng zentralisiert, abgeschottet und an staatliche Dogmen gebunden.
Die Hauptpole des alten Systems waren die administrative Kommandosteuerung und die Rohstoffabhängigkeit. International wurde das Land vor allem mit dem Export von Baumwolle, Gold und Gas in Verbindung gebracht.
Im vergangenen Jahrzehnt vollzog sich dann ein tektonischer Wandel: der Übergang von starren Rahmenbedingungen und einer emotional geprägten Wahrnehmung der ersten Unabhängigkeitsjahre zu einer tiefgreifenden, objektiven und ideologiefreien Analyse.
Modernisierung erfordert Zeit
Das Jubiläum bietet Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und grundlegende Fragen zu beantworten: Was hat sich in den drei Jahrzehnten verändert? Welches Entwicklungsmodell hat sich herausgebildet? Und vor allem: In welche historische Phase tritt das Land heute ein?
Lange Zeit galt der Staat im postsowjetischen Raum primär als Verteiler von Ressourcen, Regulator wirtschaftlicher Aktivität und wichtigste Entscheidungsinstanz. Wie die Geschichte zeigt, lassen sich Veränderungen nicht allein anhand politischer Entscheidungen oder wirtschaftlicher Indikatoren messen. Echte Modernisierung erfordert Zeit, weil sie nicht nur Institutionen, sondern auch die Denkweise einer Gesellschaft verändert. Aus diesem Grund bildet ein Zeitraum von drei, vier Jahrzehnten in vielen Fällen einen historischen Meilenstein.
Ein weiterer Indikator für den Abschluss eines institutionellen Zyklus – eines Zeitraums, in dem sich stabile Institutionen herausbilden – ist der Generationswechsel. Die um 1991 Geborenen arbeiten heute in der Verwaltung, in der Wirtschaft, in Wissenschaft und Bildung sowie in der Hochtechnologie.
Diese Generation verändert das historische Bild des Landes endgültig. Für sie ist die Unabhängigkeit keine Erinnerung an einen politischen Umbruch. Sie besitzt auch keinen sowjetischen Erfahrungshintergrund.
Phase der Reife
Gerade hier vollzieht sich ein wichtiger Umbruch. Die Generation der Unabhängigkeit konzentrierte sich auf die Frage: Wie lässt sich der Staat erhalten und seine Stabilität sichern? Die neue Generation fragt: Wie soll der Staat in Zukunft aussehen?
Es sind zwei grundlegend unterschiedliche Ansätze.
Für das Land beginnt eine Phase der Reife. Der Abschluss des institutionellen Zyklus bedeutet dabei keineswegs das Ende des Reformprozesses. Usbekistan adaptiert ein langfristiges, strategisches Entwicklungsmodell, das auf nachhaltigem Wirtschaftswachstum, technologischer Modernisierung, einer verbesserten Lebensqualität und dem Ausbau internationaler Zusammenarbeit fußt.
Nun geht jeder Staat seinen eigenen Weg der Modernisierung. Dennoch existieren Gesetzmäßigkeiten: die Abfolge von Reformen, die Stabilität staatlicher Institutionen, Investitionen in das Humankapital, Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft und die Fähigkeit, sich an neue Herausforderungen anzupassen.
Die Erfahrungen mehrerer Länder bestätigen das eindrucksvoll.
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So verwandelten die Reformen der Meiji-Zeit (1868–1912) Japan innerhalb eines vergleichsweise kurzen Zeitraums von einer abgeschotteten Feudalgesellschaft in einen modernen Industriestaat. Zugrunde lag die fundamentale Veränderung der Entwicklungslogik des Landes.
Südkorea wiederum entwickelte sich in nur gut drei Jahrzehnten, zwischen 1962 und 1998, von einer agrarisch geprägten Wirtschaft zu einer führenden Volkswirtschaft in den Bereichen Industrie, Technologie und Export.
Nicht weniger aufschlussreich ist die Erfahrung in Singapur. Nach der Unabhängigkeit 1965 schuf das Land binnen weniger als vier Jahrzehnten ein günstiges Investitionsklima und entwickelte sich zu einem der bedeutendsten Finanz- und Logistikzentren.
In China ermöglichte die Ende der 1970er-Jahre begonnene Reform- und Öffnungspolitik eine der umfassendsten wirtschaftlichen Transformationen der modernen Geschichte.
Neues Entwicklungsmodell
Beispiele für ähnliche Umgestaltungen innerhalb von drei oder vier Jahrzehnten finden sich auch in der mittelalterlichen Geschichte. So war die Herrschaft Amir Timurs (1370-1405), im Westen auch Timur Lenk genannt, im damaligen Transoxanien durch die Überwindung der politischen Zersplitterung, die Herausbildung einer Zentralregierung und die Entwicklung Samarkands zu einem bedeutenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum gekennzeichnet.
Besonders auffällig beim Übergang zu einem neuen Entwicklungsmodell in Usbekistan ist die wirtschaftliche Diversifizierung. Drei Faktoren sind dabei hervorzuheben.
Erstens: Das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft verändert sich gemäß dem Grundsatz „Initiator der Reformen ist die Gesellschaft selbst“. Die Bürger werden von passiven Beobachtern zu Akteuren und Trägern positiver Veränderungen. Die Menschen sind aktiv daran beteiligt.
Zweitens: Die Wirtschaft wird modernisiert und diversifiziert. Die Liberalisierung des Devisenmarktes und die Einführung der freien Konvertierbarkeit der Landeswährung vor rund einem Jahrzehnt waren grundlegende Entscheidungen in der modernen usbekischen Geschichte.
Wie Fallschirme
Offenheit wird zu einer der wichtigsten Voraussetzungen wirtschaftlicher Entwicklung. In dem Zusammenhang sei an die Worte des deutschen Kanzlers Helmut Schmidt erinnert: „Märkte sind wie Fallschirme – sie funktionieren nur, wenn sie offen sind.“
Auch die Digitalisierung ist ein Entwicklungstreiber und wesentlicher Faktor bei der Steigerung der Arbeitsproduktivität, der Innovationskraft und der internationalen Wettbewerbsfähigkeit.
Die hohen Wachstumsraten spiegeln den Erfolg der strukturellen Veränderungen. 2025 wuchs das usbekische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,7 Prozent auf mehr als 145 Milliarden US-Dollar. Das ist knapp zehn Mal mehr als 1991.
Für 2026 erwarten die Weltbank, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Asiatische Entwicklungsbank ein weiterhin robustes Wachstum von 6,4 bis 6,8 Prozent. Im Juni 2026 stufte Moody’s das souveräne Kreditrating Usbekistans von Ba3 auf Ba2 herauf und setzte den Ausblick auf „stabil“. Fitch Ratings unterstrich zudem den Anstieg der internationalen Reserven, den Rückgang der Dollarisierung der Wirtschaft und die Stabilität der öffentlichen Finanzen.
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Drittens: Um Usbekistan legt sich ein „Gürtel des Wohlstands“. Zentralasien, vor nicht allzu langer Zeit von manchen Experten noch als „Pulverfass“ bezeichnet, ist mehr und mehr durch politischen Dialog, wirtschaftliche Zusammenarbeit und regionale Integration gekennzeichnet.
Zwischen den Staatschefs der Region hat sich eine gutnachbarliche Atmosphäre des Vertrauens und gegenseitigen Verständnisses entwickelt. Usbekistan spielt dabei die Rolle eines Zentrums regionaler Konsolidierung – nicht als Ausdruck von Dominanzstreben, sondern mit dem Ziel harmonischer regionaler Entwicklung.
Wurde die Wirksamkeit staatlichen Handelns in der Vergangenheit oft daran gemessen, wie viele Aufträge erfüllt, Dokumente verabschiedet oder Programme umgesetzt wurden, gewinnen lösungsorientierte Ansätze an Bedeutung: Inwieweit verändert eine konkrete Entscheidung das Leben der Menschen tatsächlich?
Führender Akteur
Darin liegt ein grundlegender Unterschied. Ein Modell staatlicher Steuerung entsteht, das sich am gesellschaftlichen Resultat orientiert, etwa der Verbesserung der Lebensqualität, der Entwicklung des Humankapitals oder der Schaffung günstiger Investitionsbedingungen.
In der 2023 verabschiedeten usbekischen Verfassung ist auch der Sozialstaat fest verankert. Der Staat erkennt ausdrücklich seine Verantwortung für einen angemessenen Lebensstandard sowie für den Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung und sozialem Schutz an. Ziel ist, das individuelle Potenzial jedes Einzelnen zu entfalten und die Menschenrechte zu schützen.
35 Jahre usbekische Unabhängigkeit markieren einen Meilenstein. Gleichzeitig hängt die künftige Entwicklung von der Fähigkeit ab, den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen. Im Mittelpunkt stehen Themen wie Arbeitsproduktivität, Humankapital, Digitalisierung, die Wasserressourcen und der Klimawandel sowie die Integration in die Weltwirtschaft. Mit Zuversicht lässt sich sagen, dass Usbekistan sich zu einem führenden Akteur der internationalen Politik entwickelt.
Der Autor ist Leitender Wissenschaftler am Institut für Strategische und Regionale Studien der Republik Usbekistan.
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