Die Reden zum 3. Oktober waren kaum verklungen, da rollte der Zug von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) am Sonntagmorgen in Kiew ein. Gemeinsam mit seiner Parteikollegin, Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, wollte der Kanzler der Ukraine weitere Hilfe zusichern, darunter Drohnen zur Abwehr der immer schnelleren russischen Flugobjekte. Seit sich die USA unter Donald Trump aus der Finanzierung zurückgezogen haben, ist Deutschland der größte Unterstützer des Landes.
Begrüßt wurde Merz von Sirenen, und diesmal blieb es nicht beim Alarm. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko meldete auf Telegram, „die Fahrbahn der Nordbrücke“ sei getroffen worden. Welt-Reporter Christoph Wanner schaltete sich aus Kiew zu und sprach von einem neuen, nie dagewesenen „Affront“. Bei Kanzlerbesuchen in Kiew hatte es bislang höchstens Luftalarm gegeben. Einen Einschlag in der Stadt, während ein deutscher Regierungschef dort war, gab es noch nie.
Merz in Kiew: Milliardenhilfe und Drohnenabkommen mit der Ukraine
Russische Vorwarnung
Getroffen wurde die Piwnitschnyj-Brücke über den Dnipro, vier bis fünf Kilometer von Stadtzentrum und Bahnhof entfernt. In den Schutzraum musste der Kanzler nach dpa-Angaben nicht. Beim Treffen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj warf er Russland „tägliche Kriegsverbrechen“ vor und sicherte weitere deutsche Unterstützung zu.
Auffällig ist der Vorlauf. Am Samstag hatte das russische Außenministerium Ausländer und Diplomaten aufgefordert, Kiew zu verlassen. Wer die Warnung missachte, setze sich einer „tödlichen Gefahr“ durch „massive“ Luftangriffe aus. Ob Moskau dem Kanzler eine „Sonderbehandlung“ zukommen ließ, lässt sich nicht belegen. Es ist davon auszugehen, dass der Kreml von dem Besuch wusste und trotzdem angriff – oder gerade deshalb.
Vom Schlitten zu Hunden und Sirenen
Der Kontrast zu früheren Jahren könnte kaum größer sein. Wladimir Putin ist seit 1999 ohne Unterbrechung an der Macht, als Präsident und zwischenzeitlich als Premierminister. Mit Merz erlebt er bereits den vierten deutschen Kanzler. Mit dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder pflegte er eine demonstrative Männerfreundschaft, samt gemeinsamer Schlittenfahrt durch den russischen Winter. Schröder nannte ihn später einen „lupenreinen Demokraten“.
Mit der CDU-Kanzlerin Angela Merkel wurde es kühler. Unvergessen ist das Treffen in Sotschi 2007. Putin ließ damals seine Labradorhündin Koni in den Raum, obwohl bekannt war, dass die Kanzlerin Angst vor Hunden hat. Das war aber eher eine kleine Provokation, gemessen an dem, was folgte. Als SPD-Kanzler Olaf Scholz im Juni 2022 mit Emmanuel Macron, Mario Draghi und Klaus Iohannis nach Kiew reiste, heulten zweimal die Sirenen. Bei Merz schlägt nun eine Drohne ein.
Kleine Geste, große Wirkung: Bei einem Treffen in Sotschi im Januar 2007 lässt Wladimir Putin seine Labradorhündin Koni zu Angela Merkel. Dass die damalige Kanzlerin Angst vor Hunden hat, war bekannt.
© imago stock&people
Deutsche Gäste unter Beschuss
Die deutschen Besuche der vergangenen Jahre zeigen, wie sich die Lage zugespitzt hat. Merz selbst erlebte als Oppositionsführer im Mai 2022 in Kiew Luftalarm, mehr nicht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier saß im Oktober 2022 im Gebiet Tschernihiw rund 90 Minuten im Schutzkeller. Die damalige grüne Außenministerin Annalena Baerbock verbrachte im Februar 2024 in Odessa eine Viertelstunde im Hotelbunker. Tags darauf brach sie einen Besuch in Mykolajiw ab, weil eine russische Aufklärungsdrohne ihrer Delegation folgte.
Ihr Parteikollege Robert Habeck, damals Vizekanzler und Wirtschaftsminister, wartete im April 2024 rund 90 Minuten in der Tiefgarage seines Kiewer Hotels. Katherina Reiche musste im Oktober 2025 eine Stunde in den Bunker, als Russland Kiew mit Raketen und Dutzenden Drohnen angriff. Beim Besuch von Vizekanzler und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) soll es ebenfalls Alarm gegeben haben.
Seit dem Sommer dieses Jahres häufen sich die Vorfälle. Als CDU-Außenminister Johann Wadephul am 22. August mit Selenskyj Veteranen traf, schlugen im 30 Kilometer entfernten Boryspil ballistische Raketen ein. Mindestens zwei Menschen starben, darunter ein Kind.
Im September holte man Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel (CDU) kurz vor dem Kiewer Hauptbahnhof aus dem Zug. Bei der Fahrt durch die Stadt wurde direkt über seiner Gruppe eine Drohne abgeschossen, wie das ukrainische Portal NV berichtete. Wenige Tage später traf eine Drohne am Grenzbahnhof Jahodyn eine abgestellte Lok. Minuten zuvor war dort ein Zug durchgefahren, in dem Merz-Berater Günter Sautter und der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter saßen.
Guterres, Mitsotakis, Starmer
Deutschland ist damit indes nicht allein. Im April 2022 schlugen kurz nach dem Treffen von UN-Generalsekretär António Guterres mit Selenskyj zwei Raketen in Kiew ein. Eine Journalistin von Radio Free Europe wurde getötet. Am knappsten traf es im März 2024 den griechischen Premier Kyriakos Mitsotakis. In Odessa schlug eine Rakete im Hafen ein, als er und Selenskyj gerade in ihre Wagen stiegen.
Fünf Menschen starben. „Wir hatten keine Zeit, einen Schutzraum zu erreichen“, sagte Mitsotakis laut CNN. Während Keir Starmer im Januar 2025 mit Selenskyj sprach, flog nach Angaben des Guardian eine Drohne über den Mariinski-Palast. In diesem Sommer mussten auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Finnlands Präsident Alexander Stubb und EU-Ratspräsident António Costa in Schutzräume.
Für wen die Waffen schweigen
Es geht aber auch anders. Bei den Besuchen des damaligen US-Gesandten Keith Kellogg könne man „ein bisschen mehr schlafen“, sagte Selenskyj laut Kyiv Independent. Als Steve Witkoff und Jared Kushner, die Abgesandten Trumps, am 6. September in Kiew waren, herrschte Feuerpause in der Hauptstadt. Erst nach ihrer Abreise folgten Angriffe mit Toten.
Wen Moskau verschont, sagt viel darüber, mit wem Moskau verhandelt. Mit Washington spricht der Kreml. Mit den Europäern spricht er nicht, und die haben bis heute keinen eigenen Unterhändler für Gespräche mit Russland benannt. Von einer Feuerpause für den eigenen Kanzler ist Berlin daher weit entfernt.
EU überweist erneut Milliarden an die Ukraine – und erteilt vorgezogenen Zahlungen eine Absage
Ukraine-Krieg: Wadephul sucht die Schuld in Peking und entlastet damit ausgerechnet Putin
Tiefpunkt mit Ansage
Dass die deutsch-russischen Beziehungen am Boden liegen, war auch ohne die Kanzlerreise klar. Nach dem Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig/Halle, für den die Bundesregierung Russland verantwortlich macht, kündigte sie den Vertrag für das Russische Haus in Berlin und ließ das russische Generalkonsulat in Bonn schließen. Moskau antwortete spiegelbildlich und schloss die Goethe-Institute sowie das deutsche Generalkonsulat in St. Petersburg. Kanäle, über die sich eine Eskalation noch einhegen ließe, gibt es kaum mehr.
Der Besuch in Kiew macht diesen Tiefpunkt nun sichtbar. Zwischen der Schlittenfahrt mit Schröder und dem Brückentreffer unter Merz liegt ein Vierteljahrhundert. Wenn der Kanzler heute nach Kiew reist, heulen nicht mehr nur die Sirenen. Jetzt treffen auch die Drohnen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]