Wenn der Regierende Kulturbürgermeister Klaus Wowereit und sein Staatssekretär André Schmitz wirklich so engagierte Kunstfreunde sind, wie sie vorgeben, dann werden sie an diesem Wochenende aufmerksam durch Mitte und das nördliche Kreuzberg laufen. Sie werden schauen, was das internationale Galerien-Wochenende aufgeboten hat, das Künstler, Sammler und Museumsleute aus aller Welt durch die Straßen zwischen Oranienburger Tor und Checkpoint Charlie schwirren lässt. Und womöglich wird ihnen das Treiben die Augen darüber öffnen, wie sinnlos doch vieles in der Berliner Kulturpolitik der letzten Jahre war. Denn ausgerechnet der Sektor, in den am wenigsten öffentliches Geld floss, ist der erfolgreichste und trägt der Stadt den größten Ruhm ein: die zeitgenössische Kunst. Sie ist heute in aller Welt ein Mythos und der vielleicht größte Exportschlager der Stadt.Es ist ein Erfolg, den sich kein Regierungschef und kein Kultursenator anheften darf. Am meisten hat noch der heute vielgeschmähte Klaus Landowsky getan, als er die Entwicklung der Kunst-Werke in in der Auguststraße politisch und finanziell unterstützte. Dass jeder, der sie je erlebt hat, die Atmosphäre der Berliner Szene als so vibrierend, so anregend und vital empfindet, liegt in erster Linie an den Künstlern. Ungebremst ist ihr Strom in die Stadt. Sie lassen sich von der offenen Atmosphäre, den Transformationsspuren der Geschichte, aber auch den geringen Lebenshaltungskosten anziehen. Ob Jonathan Meese oder Daniel Richter, Franz Ackermann, Thomas Demandt oder Anselm Reyle: Unter den jüngeren deutschen Künstlern, die derzeit Höchstpreisen erzielen, leben fast alle in Berlin. Aber auch der Däne Olafur Eliasson, die Britin Tacita Dean, Yehudit Sasportas aus Israel oder Valérie Favre aus der Schweiz gehören fest zum Geschehen in der Stadt.Neben den Künstlern kamen seit Mitte der Neunziger die Galeristen in Scharen. Vor allem Köln, bis 1989 Europas Kunstmetropole, verlor einen wichtigen Impulsgeber nach dem anderen. Andere wie Christian Nagel, der Kölner Marktbeherrscher Rafael Jablonka und demnächst auch die legendäre Galerie Konrad Fischer aus Düsseldorf pendeln zwischen beiden Standorten. Es folgten die Sammler, die wie die rheinischen Händler Weltläufigkeit und den internationalen Standard ihrer Kollektionen ins zuvor eher provinzielle Kunst-Berlin brachten. Neuerdings ist auch Galerien in New York, London oder Los Angeles der Standort Berlin unentbehrlich, dass sie hier Niederlassungen einrichten. Selbst das Auktionshaus Christies's hat mit der Avantgarde-Galerie Haunch of Venison einen Fuß in Berlins Tür und will deren Filiale in einer alten Industriehalle beim Hamburger Bahnhof demnächst eröffnen. Rund 110 Millionen Euro soll der Berliner Kunstmarkt bereits 2004 erwirtschaftet haben. Es gibt etwa 400 kommerzielle Galerien, insgesamt wird an rund tausend Orten Kunst gezeigt.Wie Kunstfreude und Geschäftstüchtigkeit zusammen gehen, zeigen dieser Tage die 29 führenden Galeristen der Stadt. Schon zum dritten Mal richten sie, ohne jede öffentliche Unterstützung, das "Gallery Weekend Berlin" aus. Mit gemeinsamem Marketing, schickem Design, abendlichen Dinners und Ausstellungen ihrer besten Künstler ziehen sie Sammler und Kuratoren aus Europa und Übersee in die Stadt. Die Gäste schätzen das konzentrierte Angebot, hier sind sie näher an den Künstlern und ihrer Umgebung als in Messehallen. Zudem haben sich zahllose Galerien, die nicht zu den Initiatoren gehören, dem Kunstwochenende angeschlossen. Das Programm ist kaum noch zu überschauen.Bund und Land haben seit 1990 viel geleistet bei der Wiedervereinigung, der Neustrukturierung und Sanierung der großen Museen. Mit dem Boom der jungen Kunst haben sie nichts zu tun. Versagt hat die Politik in den Neunzigern, als sie einmal wirklich hätte eingreifen können und das Galerienviertel um die Auguststraße mit der Ansiedlung der Berlinischen Galerie im Postfuhramt auf Dauer hätte stützen können. Jetzt richten sich alle Heilserwartungen auf eine Kunsthalle, die auch Wowereit und Schmitz fördern wollen. Gewiss wäre eine solche Einrichtung wünschenswert, aber Berlin ist auch ohne sie zur Kunstplantage geworden. Entscheidend für jede Kunstszene sind der Gründergeist des Handels und die vielen Privatinitiativen. Und natürlich die Künstler. Solange sie Berlin lieben, wird hier viel los sein.------------------------------Ausgerechnet der Sektor, in den am wenigsten öffentliches Geld floss, ist der erfolgreichste und trägt der Stadt den größten Ruhm ein: die zeitgenössische Kunst.
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