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Fahrräder und E-Roller auf dem Bürgersteig: Wehe, der Fußgänger wehrt sich

In deutschen Großstädten erobern Kampfradler und E-Roller-Poser allzu oft den Bürgersteig. Unsere Autorin ärgert sich. Und plädiert für mehr Rücksichtnahme.

Bettina Müller
8 Min
Radfahrer in Berlin – auf dem für sie vorgesehenen Radweg

Radfahrer in Berlin – auf dem für sie vorgesehenen Radweg

© dpa

Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Der Berliner Verlag gibt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


In den Straßenschluchten einer deutschen Großstadt. Ein lautes Brausen verrät das bevorstehende Inferno. Und da kommt er schon um die Ecke geschossen, fast wie Jan Ullrich in seinen besten Tagen bei der Tour de France. Doch dieser vermeintliche Radprofi ist lediglich ein Bürger der Stadt, der Fahrrad fährt. Dabei treibt ihn aber nicht die schnöde „Fortbewegung“ an, sondern – so scheint es – das Beherrschen der Straßen und die Dominanz im Großstadtdschungel.

Er hat das Sagen, so glaubt er – über was, bleibt sein Geheimnis. Fast scheint er abzuheben und zum Herrn der Lüfte zu werden, mit geheimen Kräften, die ihm imaginäre Flügel verleihen. Dass die Gesetze der Physik und der Schwerkraft auch für ihn gelten, scheint er tatsächlich anders zu sehen. In seiner Wahrnehmung beherrscht er die Stadt, ist er der King of the road, der andere Menschen zu lästigen Hindernissen reduziert.

Man sieht sie mal hier und mal dort, diese Armada der schmerzverzerrten Antlitze, denen ständig die Zeit davonrennt. Die brauchen sie schließlich für wichtigere Dinge, als sich auf der betonierten Bühne der Großstadt zu tummeln. Ganz Verwegene pressen ihr rauchendes Ohr während des Fahrens an ihr Smartphone oder parlieren lautstark in ihr Headset. Da! eine rote Ampel. Nichts da! Keine Zeit. Und dort! Menschen gehen bei Grün über die Straße. Der Gnadenlose rauscht geräuschlos heran, man hört ihn mitunter gar nicht, das macht die Sache so gefährlich.

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Wenn man zum Beispiel ahnungslos aus einem Laden tritt und von links der Radfahrer, der sich auf der letzten Etappe der Deutschland-Rundfahrt wähnt, auf dem Bürgersteig angeprescht kommt, kann das böse enden, vor allem für ältere Menschen, die sich nicht mit einem beherzten Sprung zurück retten können.

Fahrradfahrer am Potsdamer Platz

Fahrradfahrer am Potsdamer Platz

© Stefan Zeitz/imago

Urbane Exekutanten

So gerade ist man also dem urbanen Exekutanten entkommen, hat seine Einkäufe gerettet. Man brüllt ihm noch ein paar unflätige Schimpfworte hinterher, doch die verhallen in seinem vom Schnelligkeitswahn vernebelten Hirn. Auch ein beliebter Zeitvertreib dieser Spezies ist das Fahren auf dem Bürgersteig mit variierenden Tempi. Ist der Fußgänger keck oder sieht einfach nicht ein, warum er aus dem Weg gehen soll, gibt es unterschiedliche Reaktionen.

Frauen bleiben schon mal eher stehen, lächeln verschämt und hoffen auf Gnade. Männer hingegen werden gerne zu femininen Furien, ihr Gebrüll erreicht dann noch den allerletzten Winkel der Stadt. Da stehen sie sich dann gegenüber wie bei einem Duell: Die Fußgängerin, die doch tatsächlich die Frechheit besessen hat, den tobenden Radfahrer auf dem Bürgersteig an der Weiterfahrt zu hindern. Der sich zudem völlig im Recht wähnt. Der aber ganz offenbar auch keinerlei Kinderstube genossen hat. Für ihn sind „Rücksicht“ und „Höflichkeit“ Fremdwörter.

Schlagartig hat sich eine Traube Menschen gebildet, die auf Sensationen hofft, vielleicht auch auf eine Prügelei, man weiß es nicht so genau. Es sind die Sekundanten aus der Hölle, das Duell ist aber ein Urbanes und nicht im Höllenfeuer oder in irgendeinem französischen Schlosspark.

Die Fußgängerin überlegt, wie sie vorgehen soll. Derweil scheint aus dem Kopf des Radfahrers schon Rauch aufzusteigen, so dermaßen heiß kocht es in ihm. Doch was ist das? Ein kollektives Raunen geht durch die Menge. Da geht die Fußgängerin erhobenen Hauptes weiter und lässt den Radfahrer einfach stehen! Diesen wichtigen Bürger dieser großen Stadt?! Dann hört man nur noch einen lauten Knall, als der Radfahrer vor Wut platzt. Staub der Demut hinterlässt er jedoch nicht, sondern eher posthum anhaltenden Furor und die Hoffnung auf schnelles Wlan im Jenseits.

Kreative Wege der E-Scooter-Abstellung

Kreative Wege der E-Scooter-Abstellung

© Thomas Bartilla/imago

Die Typologie der E-Roller-Fahrer

Da steht er nun, der arme geschundene und nun verwaiste „Drahtesel“, der nun ein neues Heim braucht. „Drahtesel“. Was für eine Verniedlichung eines Verkehrsmittels, das in den letzten Jahren immer mehr zu einem ultimativen Kampfmittel geworden ist, für das man keine Lizenz braucht. Und das, obwohl sich viele Fahrer vielleicht schon für James Bond in geheimer Mission halten, dabei aber schwitzen, was ein James Bond natürlich nie tun würde.

Mittlerweile ist es tatsächlich eine Waffe der etwas anderen Art. Von einem Lastenfahrrad umgenietet zu werden, das ist wahrlich keine schöne Aussicht. Aber auch nicht von einem E-Bike oder einem E-Scooter. Doch die Chancen, von Letzterem ins Jenseits befördert zu werden, sind in der Großstadt mittlerweile recht aussichtsreich, was in der Regel an den Fahrern liegt, bei denen sich in den letzten Jahren eine wahre Flut an Kategorien herausgebildet hat, von denen an dieser Stelle eine kleine Auswahl genügen soll.

Der Ölgötze, die Ölgötzin: Wie eine ägyptische Mumie ist diese Spezies auf den E-Scootern festgeschraubt und scheint mit ihnen verwachsen zu sein. Eine beängstigende Symbiose, ein kurioses Konglomerat von Mensch und Maschine lässt ihn geradezu als urbanen Zombie erscheinen, der aber nicht immer unbedingt Schwarz trägt und/oder wie Dracula aussieht. Die Haltung ist stocksteif, der Körper angespannt, der Gesichtsausdruck unbewegt bis verbissen, die Frisur sitzt. So gleitet der rollende Outlaw fast lautlos durch die Straßen der deutschen Millionenstädte und mäht alles nieder, was sich ihm verängstigt in den Weg stellt. War in einem früheren Leben wohl mal Jäger. Seine Augen sind kleine kalte Schlitze, die blitzschnell jede Lücke registrieren, in die er sich vordrängeln kann, dabei macht er auch keinen Unterschied zwischen Rad- und Fußweg. Zu Recht muss man als kleiner gemeiner Fußgänger große Angst vor ihm haben.

Der Poser: Lifestyle ist seine Religion, der Tretroller sein Altar, was sich aber auch schnell wieder ändern kann, wenn im nächsten Monat der nächste Hype an die Tür klopft. Mit der einen Hand balanciert er souverän einen veganen Coffee-to-go-Becher, bevor er dann mit der anderen Hand versucht, seine Frisur zu richten. Das kann natürlich nicht gut gehen, und so fährt er fast der nächsten Oma, die auf dem Gehweg mit einem Rollator entlangkriecht, in die Hacken. „Sorrrrryyyy“, schreit er immerhin noch im Vorbeirauschen, während die Oma den Schreck ihres Lebens erlitten hat und sich verdutzt nach dem Rowdy umschaut. Doch der ist schon längst wieder weg, denn Zeit ist Geld und er muss ja schließlich zu seinem nächsten Termin.

Ob allein oder zu zweit: Der E-Scooter findet vielfältigen Einsatz

Ob allein oder zu zweit: Der E-Scooter findet vielfältigen Einsatz

© Jens Kalaene/dpa

Der Poser hat durch den Vorfall mit der Oma immerhin noch den Ansatz eines Gewissens bewiesen, das unterscheidet ihn vom gemeinen Ölgötzen. Besonders schwierig zu erkennen sind leider die „Fusion“-Fahrer, die Elemente des Posers und des Ölgötzen in sich vereinen und somit den Fußgänger in noch größere Gefahr bringen.

Die Party People: Eigentlich wäre für diese Kategorie jedes Mal eine aktuelle Terrorwarnung angebracht. Nach außen hin immer freundlich kichernd, neigen sie dazu, einem nach der Party alkoholisiert zu zweit auf den Rollern entgegenzuschlingern. Natürlich auf dem Fußweg, denn das können sie nach der Party oder dem Kneipenbesuch nun wirklich nicht mehr unterscheiden. Das kindliche Element des Rollerfahrens scheint hier vom psychologischen Ansatz her eine große Rolle zu spielen. Für Kinder gelten noch keine Gesetze, somit sind sie von Restriktionen ausgeschlossen. Immerhin muss man diese Kategorie tagsüber eher nicht fürchten, weil sie reine Nachtgewächse sind.

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Die Fußgängerin ist ratlos. Anscheinend haben alle anderen mehr Rechte als sie, und somit mehr Daseinsberechtigung, so kommt es ihr fast vor. Fast wünscht sie sich, dass der seltsame „Hobby Horsing“-Trend, bei denen Menschen mit imaginären Pferden an Wettbewerben teilnehmen, auch auf den Straßenverkehr überschwappen würde. Hat bei den „Rittern der Kokosnuß“ ja damals auch geklappt.

Bettina Müller lebt als freie Autorin in Köln und schreibt für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, vor allem historisches True Crime, über Kunst, Kultur und Literatur der Weimarer Republik, Reise und Genealogie. Auch als Herausgeberin ist sie tätig, so wie bei Leo Hellers „Berliner Razzien - Reportagen aus der Unterwelt der 1920er-Jahre“, die – gelesen von Moritz Brendel – nun auch als Hörbuch erschienen sind.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Korrekturhinweis: In einer früheren Version war in der Überschrift von E-Bikes die Rede. Gemeint waren E-Roller. Wir haben den Fehler korrigiert.

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