Von wegen Krise

Dirk Pilz
2 Min

Krise ist das Wort der Stunde. Wo kriselt es denn eigentlich nicht? Selbst die Opel-Werke hat es jetzt erwischt und der deutsche Fußball ist ohnehin immer in der Krise. Allein die Volksbühne hat es gut. Denn sie war, wieder einmal, die Vorreiterin. Als alle noch von Aufschwung und Sommermärchen schwärmten, hat es bei ihr schon mächtig geknirscht, sowohl künstlerisch als auch zuschauermäßig. Nur leider nutzt sie diesen Vorsprung nicht - und redet lieber über "logistische Probleme". Die gibt es, aber eben nicht nur.Frank Castorf, Volksbühnen-Intendant seit 1992, inszenierte in den letzten Jahren zunehmend lustlos, andere Regisseure seines Kalibers ließ er kaum zu, die großen guten alten Stars (Henry Hübchen!) haben keine Lust mehr auf Volksbühnentheater und das Publikum mag lieber die Wohlfühlmoderne des Deutschen Theaters. Inzwischen ist die Volksbühne auf den vorletzten Platz in der Zuschauergunst unter den fünf Stadttheatern Berlins gerutscht und die Rede von der Volksbühnenkrise zum Gemeinplatz geworden. "Kean", die letzte Castorf-Premiere, war zwar wieder ein höchst nachdenkenswerter Abend, aber die Krise ist damit nicht aus der Welt. Wie auch, denn eine ordentliche Krise braucht ihre Zeit, bis sie durchstanden ist. Irritierend ist jedoch, dass sich das Haus die Situation zurechtzureden scheint, indem sie vor allem "logistische Probleme" als ihre ärgste Not sieht. Es gibt sie aufgrund der umfangreichen Sanierungsmaßnahmen, erklärt die Pressesprecherin Sabrina Zwach. Die Zweitspielstätte Prater ist seit Monaten geschlossen, und wenn sie im April wiedereröffnet wird, muss das große Haus am Rosa-Luxemburg-Platz für acht Monate schließen. Das erschwert die Planungen und lässt die Zuschauerzahlen sinken, auch wenn für das Frühjahr ein mehrwöchiges Antike-Spektakel auf dem Platz vor der Volksbühne geplant ist. Ende Oktober 2009 kann die große Bühne wieder bespielt werden, danach machen sanierungsbedingt allerdings der Grüne und Rote Salon dicht. Und noch ist nicht ausgemacht, ob das große Haus rechtzeitig fertig wird. Man kann nur hoffen, dass bei den Bauarbeiten keine unvermuteten Probleme auftauchen.Frank Castorf ist bis 2010 Intendant; wenn weder er noch der Senat in diesem Jahr den Vertrag aufkündigen, bleibt er bis 2013. Alles deutet darauf hin. Und wenn es stimmt, dass jede Krise auch eine Chance birgt, hat die Castorf-Volksbühne also genügend Zeit, um ihren Krisen- und folglich Denkvorsprung zu nutzen, was zunächst hieße, sich selbst als Krisengeschöpf ernst- und anzunehmen. Denn bei allen logistischen Sanierungsproblemen ist die größte Baustelle derzeit wohl im künstlerischen Bereich zu suchen.

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