Der Gunst der Geschichte ist sich David Kalisch sicher, als er im Frühjahr 1848 in Berlin zur Tat schreitet. Mit der Märzrevolution ist auch die alte preußische Ordnung krachend zusammengebrochen. Staat und Gesellschaft müssen sich neu orientieren.
„In den Straßen herrschte die Anarchie, in den Fürstenschlössern die Furcht, in den Ministerhotels Zweifel und Rathlosigkeit, in den politischen Clubs und Volksversammlungen die geschwollene, inhaltsleere Phrase“, beschreibt ein namentlich nicht genannter Autor fast zwanzig Jahre später in der Illustrierten Die Gartenlaube diese Zeitenwende. Kalisch, Schriftsteller und Possendichter, will sie nutzen, indem er mit dem Verlagsbuchhändler Heinrich Albert Hofmann eine satirische Wochenzeitung gründet: Kladderadatsch.
31. März 1983 in Berlin: Die New-Wave-Band Ideal macht Schluss mit lustig
Der Titel ist wohlüberlegt gewählt. Kladderadatsch ist im norddeutschen Sprachgebrauch ein lautmalerischer Ausdruck für etwas, dass klirrend oder krachend zerbricht. Die deutschen Sozialdemokraten der Kaiserzeit, allen voran ihr Vorsitzender August Bebel, nutzen das Schlagwort „großer Kladderadatsch“ als Um- und Beschreibung des immer wieder vorhergesagten Zusammenbruchs der bürgerlichen Gesellschaft.
Die erste Nummer des Kladderadatsch erscheint am 7. Mai 1848, innerhalb von 24 Stunden sind alle 4000 gedruckten Exemplare verkauft. Das neue Blatt erscheine, teilt die Redaktion auf der Titelseite schelmisch mit, „täglich mit Ausnahme der Wochentage“, also jeden Sonntag. Es könne allerdings bereits „jeden Sonnabend von fünf Uhr ab aus sämmtlichen Buchhandlungen abgeholt werden, und wird dem richtigen Bürger, dem fleißigen Künstler, dem tapferen Krieger Sonntags früh, überall, bis in die tiefsten Keller hinab, colportirt werden“. Die Zeitschrift führt erst den Untertitel „Organ für und von Bummler“, ab dem 32. Heft des Jahrgangs 1849 den Zusatz „Humoristisch-satyrisches (später ‚satirisches‘) Wochenblatt“ und ab 1908 gar keinen mehr.
„Die Zeit ist umgefallen!“ Mit diesen Worten beginnt im Mai 1848 der Leitartikel der allerersten Nummer des Kladderadatsch: eine Anspielung auf die Märzrevolution, die zu dem Zeitpunkt noch nicht gescheitert war.
© CC BY-SA 4.0
Kladderadatsch-Gründer David Kalisch, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, ist liberal gesinnt. Auch er hat den Beruf des Kaufmanns erlernt und ausgeübt. Der Wunsch, Schriftsteller zu werden, zog ihn 1844 nach Paris, wo er zwei Jahre lang für deutsche Zeitschriften arbeitete. Er lernte die Dichter Heinrich Heine und Georg Herwegh sowie den Philosophen Karl Marx persönlich kennen.
Das Satireblatt, das Kalisch im Mai 1848 ins Leben ruft, findet schnell viele Leser. Der bereits zitierte Autor der Gartenlaube begründet den Erfolg wie folgt: „Eine zersetzende Kritik, das Kind Hegel’scher Sophistik und Heine’scher Frivolität, vereinigte sich mit dem kecken Berliner Witz und schuf eine neue Literatur, welche (…) unter dem Schutze der eben erst errungenen Preßfreiheit mit gleicher Rücksichtslosigkeit Personen und Zustände geißelte.“
Lachen für den Status Quo: Was ist bloß mit der Satire los?
Der Aufbau des Blattes ändert sich in seiner Geschichte kaum. Auf der ersten Seite steht stets ein satirischer Leitartikel in Prosa oder in Versform, der die politische Entwicklung aufs Korn nimmt. Die folgenden Seiten warten mit verschiedenartigen Beiträgen auf. Auf der letzten Seite sind erst mehrere Karikaturen zu finden, schließlich ist nur noch eine große abgedruckt.
Das Scheitern der Revolution 1849 veranlasst Herausgeber David Kalisch, einen gemäßigteren Ton anzuschlagen. Den Aufstieg Preußens zur Großmacht begleitet er kritisch, aber ohne die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse an sich infrage zu stellen. Die national-liberale Gesinnung der Zeitschrift bleibt nach Kalischs Tod 1872, ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Reichs, bestehen.
„Der rabiate August Bebel“ – Gustav Brandt karikierte den Vorsitzenden der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands 1903 für den Kladderadatsch. Bebel nutzte gerne das Schlagwort „großer Kladderadatsch“ als Um- und Beschreibung des immer wieder vorhergesagten Zusammenbruchs der bürgerlichen Gesellschaft.
© CC BY-SA 4.0
Anhaltende Auflageneinbußen nach dem Ersten Weltkrieg zwingen den Hofmann-Verlag 1923 dazu, den Kladderadatsch an den Konzern des Industriellen Hugo Stinnes zu verkaufen. Das Blatt rückt nach rechts: Es polemisiert gegen die Weimarer Republik, unterstützt die Nationalsozialisten um Hitler, druckt antisemitische Karikaturen.
Der von Goebbels ausgerufene „totale Krieg“ zwingt auch den Kladderadatsch, sein Erscheinen einzustellen. In der Ausgabe vom 3. September 1944 dankt die Redaktion „unseren Lesern und Freunden für die uns erwiesene langjährige Treue“. Und verbreitet Zuversicht: „Mit unserem zuversichtlichen Glauben an den Sieg verbinden wir die Hoffnung, unsere Zeitschrift nach dem Siege allen Beziehern wieder in gewohnter Weise liefern zu können.“
Es kam anders: Der Zusammenbruch des NS-Regimes besiegelte das Ende des Kladderadatsch.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]