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Die Fernsehbilder des 7. Februar 1996 waren dramatisch: Der ehemalige Bremer Oberbürgermeister Hans Koschnick saß auf der Rückbank seiner von einem Mob kroatischer Extremisten im bosnisch-herzegowinischen Mostar blockierten gepanzerten Limousine direkt vor seinem Hotel, das er gerade verlassen hatte. Immer wieder fielen Schüsse aus Sturmgewehren des Typs AK-47 Kalaschnikow, die das Panzerglas zu absorbieren schien. Einer der Demonstranten schlug sogar mit einer Beinprothese auf die Windschutzscheibe von Koschnicks Wagen.
Koschnick und seine Personenschützer vom Bundeskriminalamt (BKA) saßen wie versteinert in der Limousine. Erst nach einer Stunde stoischen Ausharrens gelang es Koschnicks Fahrer, den Tatort zu verlassen. Da die Panzerglasscheiben den Schüssen standhielten, wandten sich die Randalierer dem Hotel Ero zu und verwüsteten es.
Das schwer beschädigte gepanzerte Fahrzeug des EU-Administrators Hans Koschnick steht in der Garage des Hotels Ero, dem Hauptquartier der EU-Verwaltung vor Ort, nachdem die Scheiben des Wagens am 7. Februar 1996 von sieben Kugeln getroffen wurden.
© Anja Niedringhaus/dpa
Die „Zentralzone“ als Stein des Anstoßes
Stein des Anstoßes war ein von Koschnick als neutralem Verwalter der Europäischen Union (EU) getroffener Schiedsspruch über die Ausdehnung der in Zukunft gemeinsam hauptsächlich von Bosniaken und Kroaten zu regierenden „zentralen Zone“ der Stadt.
In Mostar war der Krieg in Form eines Städtekampfes ganz besonders hart gewesen. Die mehrheitlich bosniakische Altstadt war vom Kroatischen Verteidigungsrat (HVO) eingekesselt und das die beiden Seiten der Altstadt verbindende Symbol – die „Alte Brücke“ oder Stari most – zerstört worden. Um diese Wunden zu heilen, hatte sich die EU entschlossen, nach dem von Washington erzwungenen gleichnamigen Friedensschluss einen „Schiedsrichter“ in die zertrümmerte herzegowinische Stadt zu schicken.
Koschnick begann seine Herkulesaufgabe im Sommer 1994. Schon recht bald schoss nachts ein kroatischer Extremist eine Panzerabwehrrakete vom Typ RPG 7 in sein Zimmer im an der ehemaligen Frontline gelegenen Hotel Ero. Hier wohnte Koschnick und hier war auch sein Mitarbeiterstab angesiedelt. Koschnick hatte Glück, denn er war lange im Hotel-Restaurant geblieben. Wäre er früher zu Bett gegangen, hätte dies sein Todesurteil bedeuten können.
Der EU-Administrator für Mostar, Hans Koschnick (l.), wird von Sicherheitspersonal begleitet, als er am Morgen des 8. Februar die Lobby des Hotels Ero passiert, nachdem er sich weigerte, eine Erklärung gegenüber Journalisten abzugeben.
© Anja Niedringhaus/dpa
Knapp zwei Jahre später kam es nur wenige Meter vom ersten Tatort zum zweiten Mordversuch. Ein Mob kroatischer Extremisten, aber auch viele Kriegsversehrte, hatten sich am 7. Februar 1996 nach einem Radio-Aufruf des kroatischen Bürgermeisters Westmostars, Mijo Brajković, vor Koschnicks Hotel und Hauptquartier versammelt.
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Koschnik hatte kurz zuvor das von kroatischer Seite abgelehnte neue Statut Mostars unterzeichnet, das neben der Gründung von drei östlichen bosniakischen und drei westlichen kroatischen Stadt-Gemeinden auch die Einrichtung einer gemeinsam, multiethnisch verwalteten „Zentralzone“ vorsah. Diese wurde von der kroatischen Führung, insbesondere wegen ihrer Größe, abgelehnt.
Wobei Koschnick annahm, hier einen Kompromiss zwischen den divergierenden Forderungen beider Seiten gefunden zu haben: Gemäß den Vorstellungen der Kroaten sollte diese Zone so klein wie nötig, nach bosniakischer Lesart so groß wie möglich werden. Doch selbst dieser Kompromiss war für Brajković inakzeptabel. Da also Bosniaken und Kroaten sich nicht einigen konnten, sprang Koschnick ein, und erließ einen Schiedsspruch.
Mostar im Januar 2026
© Denis Kapetanovic/imago
Mangelnde EU-Unterstützung für Koschnick
Doch was dann geschah, wurde von Koschnick als „Dolchstoß“ interpretiert: Anstatt ihren Administrator und seinen bindenden Schiedsspruch vorbehaltlos zu unterstützen, gaben die EU-Außenminister auf ihrem Treffen in Rom dem Druck kroatischer Nationalisten nach und verkleinerten die „Zentralzone“. Daraufhin trat Koschnick zurück. Ab diesem Zeitpunkt nannte Koschnick Außenminister Klaus Kinkel verächtlich „Kinkerlitzchen“.
Die Darstellung, Koschnick sei wegen des zweiten Attentats durch kroatische Extremisten zurückgetreten, ist nicht zutreffend. Es war eindeutig die mangelnde Unterstützung durch die EU, insbesondere durch Kinkel, der noch im Januar 1996 erklärt hatte: „Natürlich lassen wir Hans Koschnick nicht hängen, denn er ist unser Mann.“
Dieses Zurückweichen vor dem Druck der Nationalisten hatte zweierlei Auswirkungen. Erstens untergrub die EU ihren eigenen Administrator vor Ort. Zweitens zementierte sie auf unbestimmte Zeit die De-facto-Teilung der Stadt. Der bosniakische Bürgermeister Ostmostars, Safet Oručević, kommentierte bitter: „Warum bloß haben deutsche Diplomaten unserem Administrator Hans Koschnick das Genick gebrochen?“
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Ashdown reanimiert den Wiedervereinigungsprozess
Nach Koschnicks Rücktritt folgte eine lange Phase der Stagnation, die erst acht Jahre später durch die Initiative des damaligen Hohen Repräsentanten, Lord Paddy Ashdown, beendet wurde. Ashdown reanimierte den Wiedervereinigungsprozess, der seit 1996 „im Koma“ lag. Er war der festen Überzeugung, dass ein geteiltes Mostar auf Dauer auch die Teilung der Föderation, des größeren Landesteils Bosnien und Herzegowinas, zementieren würde.
Was Koschnick 1996 in Gang gesetzt hatte, wurde nun reformiert, und zwar von seinem damaligen Verwaltungschef in der EU-Administration, dem ehemaligen Rüsselsheimer Oberbürgermeister Norbert Winterstein.
Dieser verfasste mit lokalen Politikern aller Seiten 2004 ein neues Statut für die Stadt Mostar, mit dem die sechs ethnisch definierten Gemeinden aufgelöst wurden und die von Koschnick 1996 geschaffene „Zentrale Zone“ über das gesamte Stadtgebiet ausgedehnt wurde. Das bedeutete die Auflösung von sechs monoethnischen Gemeindeverwaltungen, sechs Bürgermeisterämtern und sechs Gemeinderäten. So wurde aus einer politisch, territorial und ethnisch als Konsequenz des Krieges tief gespaltenen Stadt wieder eine Einheit. Natürlich geschah dies nicht über Nacht, sondern es war, wie Lord Ashdown zu sagen pflegte, „ein Prozess, keine Veranstaltung“.
Paddy Ashdown vollendete, was Koschnick begonnen hatte.
© Serge Ligtenberg/dpa
Multiethnische Stadtverwaltung und Stadtrat
Da es diesmal beträchtlichen Widerstand bosniakischer Nationalisten gegen die Wiedervereinigung gab, musste das Statut allerdings von Ashdown mittels der ihm zur Verfügung stehenden Exekutivvollmachten – den Bonn Powers – oktroyiert werden. Dies ebnete den Weg für die Schaffung eines gemeinsamen, multiethnischen Stadtrats und einer Stadtverwaltung, in der seit über 20 Jahren Kroaten, Bosniaken, Serben und Minderheitenvertreter zusammenarbeiten. Der Bürgermeister ist seither ein Kroate, der Stadtratsvorsitzende ein Bosniake. Die Verwaltung mit ihren sechs Abteilungen ist vollständig multiethnisch zusammengesetzt.
Trotz dieser bahnbrechenden Erfolge sollte erwähnt werden, dass gewisse Institutionen in Mostar immer noch ethnisch getrennt sind, was aber im Vergleich zur damaligen Lage in der Tat „Kinkerlitzchen“ sind.
Drei Jahrzehnte nach dem zweiten missglückten Attentat auf Hans Koschnick ist Mostar zu einem der Tourismusmagneten des Balkans geworden. Flüchtlinge und Vertriebene sind zu Tausenden zurückgekehrt, was Mostar in Bosnien und Herzegowina zur multiethnischsten Stadt neben Brčko macht.
Kurz vor seinem Tod im Jahr 2016 sagte Koschnick zu seiner Zeit in der Stadt an der Neretva: „Zwei Anschläge, 1996 der letzte, als die letzten Barrieren weggeräumt wurden von mir, um Mostar wieder zu einer einheitlichen Stadt zu machen.“ Koschnicks unermüdlicher Einsatz für Versöhnung und Frieden hat sich gelohnt.
Alexander Rhotert war von 2004 bis 2005 als stellvertretender Direktor des Büros des Hohen Repräsentanten (OHR) in der Endphase mit zuständig für die Wiedervereinigung der Stadt Mostar, die Hans Koschnick 1994 begonnen hatte. Nach dem Ende der Bemühungen des OHR zur Wiedervereinigung Mostars war der Autor bis Ende 2007 als Beobachter für die Europäische Union (EUMM) in Mostar eingesetzt.
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