Vor dem Europa-League-Auftritt seines Klubs gegen Wien sinniert Werders Aufsichtsrat Willi Lemke über Geld und Sport

Leiser, aber auch weiser?

Christian Otto
4 Min

BREMEN. Er kommt mit dem Fahrrad. Gut gelaunt, nach Orangensaft dürstend und gewohnt redselig. Die Menschen lauschen immer noch neugierig, wenn Willi Lemke in seinem Lieblingshotel mit Blick auf den Bremer Stadtpark Interviews gibt. Der Mann ist 63 Jahre alt und bringt auf dem Rad eine Gelassenheit mit, die ihm früher oft fremd war.Dabei sind seine Themen ernster geworden. Nichts gegen die Europa League, in der Werder Bremen heute (19 Uhr/Sat.1) bei Rapid Wien spielt. Aber die Europapokal-reisen, für die er früher mit grün-weißem Fanschal zum Sakko den Flieger bestieg, sind passé. Lemke sagt, er opfere nur noch zehn Prozent seiner Zeit für Werder. Die Dienstreisen der Mannschaft verfolgt er meistens aus dem heimischen Fernsehsessel. Den Großteil der Woche beansprucht seine Rolle als Sonderberater der Vereinten Nationen. Mit Auswärtsspielen in Krisengebieten und Elendsregionen in aller Welt, die nachdenklich machen.Natürlich sind die Sorgen der Bundesliga noch seine, aber nur die elementaren. Wie hoch dürfen die Spielergehälter noch steigen? Soll die 50+1-Regel gekippt und damit Investoren mit Mehrheitsbeteiligungen der Einstieg in deutsche Vereine ermöglicht werden?Früher hätte er ein warnendes Beispiel wie Schalke 04 beim Namen genannt. Heute geht er diplomatischer vor. "Es gibt Vereine, die sich total verschulden und volles Risiko gehen. Das Ganze könnte eines Tages wie eine Blase platzen. Dann macht es Wumm, und das wunderbare Wachstum der Bundesliga bricht zusammen", sagt Lemke.In Bremen verlieren sie keine Silbe darüber, dass die Deutsche Fußball-Liga an Werders Lizenzierungsunterlagen wieder einmal nichts zu beanstanden hatte. Sie sind es gewohnt, aus wenig Geld viel machen zu müssen. "Wir gehen kleine Risiken, riskieren aber nie Kopf und Kragen", sagt der oberste Kontrolleur eines Vereins, der sich in einer Liga hinter Bayern München, Real Madrid oder Arsenal London wohl fühlt. "Wir in Bremen wollen keinen russischen Milliardär und keinen Scheich, der unseren Klub aufkauft und dann das Sagen hat", sagt Lemke.Der Spagat zwischen seinem Job bei einer vermögenden Fußballfirma und dem Amt als UN-Sonderberater für Sport im Dienst von Entwicklung und Frieden tut ihm weh. "Durch meine neue Funktion sehe ich die Welt jetzt mit ganz anderen Augen. Ich sehe unglaubliche Not. Ich sehe aber auch unendlichen Reichtum", gesteht Lemke, dem diese Kontraste sehr nahe gehen. Kürzlich habe er einem Afrikaner ein Praktikum in Bremen vermittelt, das nur ein paar Tausend Euro koste, aber ein ganzes Leben verändern könne. Im Fußball aber muss er Buchungsposten abzeichnen, an denen ein paar Nullen mehr hängen. Der Wirtschaftsraum Bremen birgt nicht genügend Sponsoren, um die monetäre Spanne zwischen Europa League und Champions League auszugleichen. Um oben mitzuspielen, muss aber selbst Werder Risiken eingehen, die etwa Claudio Pizarro heißen. Oder die so teuer sind wie Marko Marin. Im Fall von Pizarro, findet Lemke, sei Werder bis an den Rand der Schmerzen gegangen. Mit dem Ziel, am Ende einer jeden Saison wieder mal den Briefkopf ändern zu dürfen."Pokalsieger 2009" hieß das letzte Update an der Weser. Darüber spricht Lemke gerne. Aber er redet noch lieber über früher. Als die Spieler sich mit ihrem Verein noch verbunden fühlten, als der Zusammenhalt noch groß war. Heute, findet der frühere Bremer Senator für Inneres und Sport, plage man sich mit einer ewigen Spielerfluktuation herum. "Die Verbundenheit, die es damals bei uns unter Otto Rehhagel gab, ist nur noch selten da. Das Verblüffende ist, dass die Bundesliga weiterhin eine enorme Anziehungskraft hat, die Zuschauer stört das nicht."Er könnte das bemängeln und richtig laut anprangern. Aber als Aufsichtsratschef hat er erkannt, dass es nicht mehr seine Aufgabe ist, ein Lautsprecher zu sein. Der Frage, ob er weiser geworden ist, weicht er aus. Willi Lemke räumt zumindest ein, bevor er wieder auf sein Fahrrad springt, dass er leiser geworden sei.------------------------------Foto: Kontrastreich: Willi Lemke.

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