KABUL/BERLIN. In gut zwei Wochen finden in Afghanistan Präsidentschaftswahlen statt. Zugleich werden die Mitglieder der Provinzräte neu bestimmt. Bisher war die Hauptstadt Kabul trotz angespannter Sicherheitslage weitgehend von Angriffen und Attentaten verschont geblieben. Nun aber verstärken die Taliban ihren militärischen Druck. Taliban-Mitglieder schossen gestern neun Raketen auf Kabul ab. Dabei wurde nach Polizeiangaben ein Kind verletzt. Eine Rakete verfehlte nur knapp die US-Botschaft und beschädigte das Haus eines hochrangigen Mitarbeiters im Innenministerium. Die Angriffe sollten deutlich machen, erklärte ein Taliban-Sprecher, dass die afghanische Regierung vor der Präsidentschaftswahl am 20. August keine Sicherheit für Kabul garantieren könne. "Wir haben die Kontrolle", sagte Sabiullah Mudschahid.Karsais VerhandlungsangebotErst vor wenigen Tagen hatte Präsident Hamid Karsai den Taliban erneut Gespräche sowie eine Beteiligung an der künftigen Regierung offeriert - sich überzeugt gebend, dass er sein Amt behält.Noch vor wenigen Monaten sprach dafür wenig. Mit solch einer Bilanz, wie Karsai sie aufzuweisen hat, gewinnt man keine freien und fairen Wahlen. Die Korruption ufert aus, von Wiederaufbau ist in einigen Regionen nichts, in anderen kaum etwas zu merken, und die Taliban erobern das Land zurück. Vor allem aber sind die Amerikaner von Karsai abgerückt und üben an dem Mann, den sie ins Amt gehoben hatten, offen und massiv Kritik. Doch in den Monaten und Wochen vor der Wahl befreite sich die Marionette von ihren Fäden. Karsai benutzt eine Methode, die er seit seiner Ernennung am 4. Dezember 2001 zum Übergangspräsidenten, dann ab 2004 als gewählter Staatschef, perfektioniert: Er geht Koalitionen mit Konkurrenten ein, bindet frühere Kriegsherren an sich, wirbt um die Stammesführer und Parteichefs im Land. Den einen sicherte er neue Straßen zu, den anderen Jobs für ihre Milizionäre bei der Polizei oder der Armee. Bisweilen stellt er einfach nur Geld in Aussicht. Den Chefs aber verhilft er zu hohen Posten in Ministerien, Behörden, Provinzen. Oder er verspricht sie ihnen: Manchen Gouverneurssessel hat er so doppelt vergeben.Ein befreites Afghanistan aber hatten sich die Amerikaner offenbar anders vorgestellt. Und so sehen sie den einstigen Hoffnungsträger Karsai jetzt als Hindernis, das den Weg zum Erfolg verstellt.Neben Karsai treten insgesamt 41 Bewerber zur Präsidentschaftswahl an. Zwei von ihnen könnten die Wiederwahl des Amtsinhabers ernstlich gefährden: Der eine ist Abdullah Abdullah, einst rechte Hand des ermordeten Nordallianz-Führers Ahmad Shah Massud und später für kurze Zeit Außenminister Afghanistans. Der andere ist Ashraf Ghani Ahmadza, der zwischen 2002 und 2004 Finanzminister des Landes war.Die USA mögen diese beiden Konkurrenten jedoch noch weniger als den Amtsinhaber: Abdullah Abdullah, so heißt es, würde zwar jeden Deal mit den Amerikanern eingehen. Aber er gehört der tadschikischen Minderheit an, was bei einem möglichen Kompromiss mit den paschtunischen Taliban nicht sehr hilfreich ist. Außerdem misstrauen sie ihm wegen der Verbindungen der Nordallianz zu Russland und Iran. Und Ashraf Ghani gilt als unabhängiger Kopf mit unorthodoxen Ansichten über Wirtschaft, Wiederaufbau und ausländische Hilfen.Inzwischen scheint aber Karsai selbst um seine Wiederwahl zu bangen, heißt es in Kabul. Die Konkurrenten, vor allem Abdullah Abdullah, führen den Wahlkampf wie er selbst: mit Versprechen und Geldgeschenken. Sie haben dabei Erfolg und sammeln vor allem Stimmen im nicht-paschtunischen Norden. So soll - einer nicht-repräsentativen Umfrage einer Kabuler Zeitung zufolge - Abdullah Abdullah mit 33 Prozent vor Karsai mit 13 und Ashrag Ghani mit 7,6 Prozent liegen.------------------------------Foto: 1 000 Frauen trafen sich gestern zu einem Kongress in Kabul. Die Veranstaltung sollte afghanische Frauen ermutigen, an der Präsidentenwahl teilzunehmen.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]