WASHINGTON, 18. Mai. Mit ihrem Charme verzauberte sie die Welt, ihren Stil imitierten Millionen, und ihre Eleganz machte die Amerikaner stolz. Mit der kultivierten Jackie Kennedy hatten sie endlich eine First Lady, die sich in Europa sehen lassen konnte. Wer sich heute in Washington an Jackie Kennedy erinnert, meint meistens, ihr größtes Werk sei die Restaurierung des Weißen Hauses gewesen. Mit ihrer Liebe zum Detail, ihrem sicherem Geschmack und viel, viel Geld verwandelte sie als erste First Lady die Wohnstätte der Präsidenten in einen würdigen Ort. Bis heute hat keine ihrer Nachfolgerinnen einen derart starken Einfluss auf das Weiße Haus gehabt wie sie. Doch was Jacqueline Kennedy Onassis zu einer Legende gemacht, das sind nicht allein die Ehe mit JFK oder ihre tausend Tage im Weißen Haus. Es ist ihr Leben mit all seinen Höhen und Tiefen, den Freuden und dem Leiden. Und es ist die Art, wie Jackie Kennedy mit ihrem Schicksal umging.Harte ArbeitTina Santi Flaherty hat die Haltung der Jackie Kennedy derart inspiriert, dass sie pünktlich zu deren zehntem Todestag am 19. Mai ein Selbsthilfe-Buch veröffentlicht hat. Im Gegensatz zu den Kennedy-Biografien und Kennedy-Zeitungsartikeln, die derzeit in den USA erscheinen, hat "What Jackie taught us" - Was Jackie uns lehrte - didaktischen Charakter. Jackies Leben, ihre Haltung, ihr Stil, ihre Disziplin und ihre Zielstrebigkeit sollen den Leserinnen Tipps und Anregungen geben, um das eigene Leben besser meistern zu können.Nach den Erkenntnissen Flahertys, die zugibt, die Kennedy nie getroffen zu haben, war Jacqueline Kennedy Onassis zwar von Natur aus klug und hatte auch einen angeborenen Geschmack. Und doch ist ein Großteil des Mythos ein Resultat harter Arbeit am eigenen Auftreten, Aussehen und der geistigen Entwicklung. Jackie Kennedy suchte lange nach einer Kleidung, die ihre figürlichen Mängel - sie hatte große Hände, große Füße und breite Hüften - kaschierte. Die adretten Kostüme, die weißen Handschuhe und die großen Sonnenbrillen, die Jackies Markenzeichen wurden, waren nicht alleine ein Stilmittel, sondern ein Mittel zu dem Zweck, ihre Schwachstellen zu kompensieren. Nun haben viele Leserinnen zwar die gleichen Schwachstellen, aber nicht die gleichen Mittel, um diese auszugleichen. Nach Meinung Flahertys braucht man das auch nicht. Es reicht, wenn man sich streng selbst inspiziert und dann einige Änderungen vornimmt.Überhaupt ist das Äußere längst nicht alles gewesen, was Jackie Kennedy so einmalig gemacht hat. In den Augen von Flaherty war Jackie Kennedy ein Gesamtkunstwerk. Sie war nicht nur attraktiv und schön, sondern auch intelligent und stets wissbegierig. Intensiv bereitete sie sich auf ihre Gesprächspartner oder Reisen vor und verblüffte oft mit ihrem historischen und kulturellen Wissen. Im Alltag wusste Jackie Kennedy Prioritäten zu setzen und der Familie die ausreichende Zeit einzuräumen. Als First Lady verzichtete sie auf alle Treffen mit Kongressfrauen, um die Freizeit ihren Kindern zu widmen. Doch am meisten begeistert Tina Santi Flaherty sich für Jackies Wirkung auf Männer. Ihrer Meinung nach war sie schlicht unwiderstehlich. Nicht, weil sie die Schönheit eines Fotomodells hatte, sondern weil sie stets elegant, charmant, sie selbst und immer ein wenig mysteriös war. Wann immer Jackie auf Männer traf, gelang es ihr, diese zu bezirzen, ganz gleich, ob es sich im den sowjetischen Feindesführer Nikita Chruschtschow handelt oder um einen Keller. "Sie richtete sich auf, lächelte Chruschtschow an und sagte mit weicher Stimme: ,Bitte langweilen Sie mich nicht mit diesen Statistiken.' Alle fürchten, dass der Kreml-Chef einen Wutausbruch bekommt. Doch der lachte nur und küsste Jackies Hand." Der Kellner wurde mit dem selben Charme und der selben Eindringlichkeit bedacht. Es war, wie Flaherty bemerkt, Jackies "Leuchtturm-Blick", mit dem sie Männer ins Visier nahm und sie verzauberte. Flaherty findet, jede Frau solle sich die Mühe machen, sich einen solchen Blick anzugewöhnen. Fragt sich nur wie. In ihrem Buch sammelt Flaherty etliche solcher Erkenntnisse über Jackie Kennedy und zeichnet am Ende das Bild einer Frau, die immer unabhängig war und dennoch diszipliniert ihr Pflicht erfüllte. So berichtet sie zum Beispiel, wie es Jackie gelang, Geldgeber für die Renovierung des Weißen Hauses zu gewinne, sondern auch, sich gegen Bremser durchzusetzen.Toleranz und LiebeWas Flaherty allerdings zu wenig betont, das sind die Schattenseiten von Jackies Leben. So verliert sie kein Wort über Jackies Liebe zum Einkauf, die sich in ihrem späteren Leben fast in eine Manie entwickelte. Sie verschweigt auch zu viel von der Wahrheit der Ehe mit dem griechischen Reeder Aristoteles Onassis. Jackie Kennedys Motto lautete: "Das erste Mal heiratet man für Liebe, das zweite mal für Geld und das dritte Mal für Gesellschaft." Jackie habe dieses Motto wohl in ihrem Leben beherzigt, meint Flaherty. Doch wie die Ehe mit Onassis nun tatsächlich verlaufen ist und wie Jackie Kennedy diese Zeit verarbeitet hat, erfährt man nicht wirklich.Der Schwerpunkt des Buches liegt auf den amerikanischen Jahren, auf der Ehe mit John F. Kennedy . Flaherty sieht es als Zeichen von Stärke, dass Jackie JFKs Verhältnis mit der Monroe und zahllosen anderen Frauen tolerierte. Sie weiß, dass Jackie unter dieser Untreue gelitten hat, aber ihren Mann nie verließ, weil er ihre große Liebe war. Flaherty bewundert Jackies Charme, ihre Intelligenz, ihren Hang zur Perfektion, ihre Selbsterkenntnis und vor allem ihre Art, immer sie selbst zu sein.Das Wichtigste, was Jackie uns beigebracht habe, so schreibt die Autorin, sei die Erkentnis, dass das umwerfendste Gut einer Frau ihre Persönlichkeit ist. Für Jackie Kennedy mag das gelten. Aber auch zehn Jahre nach ihrem Tod dürfte es den Leserinnen schwer fallen, sich mit ihr zu vergleichen.------------------------------"Bitte langweilen Sie mich nicht mit diesen Statistiken." Jackie Kennedy zu Chruschtschow------------------------------Foto: Haltung zählt: Jackie Kennedy während eines Urlaubs in Irland im Jahr 1967.
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