Es nützt diesem Vorgang der Produktion in einem immer neu absoluten Präsens, wenn der Künstler sich selbst als Aktivisten dabei gar nicht miterleben muss, wenn er ganz auf die Interaktion zwischen Werk und jeweils nächstem Produktionsschritt konzentriert sein kann. Beifall, Jubel, Krankheit und Alter schaffen ein privates Weltich, das den Künstler bei der Produktion behindert", schrieb Rainald Goetz am 28. Mai 2007 in seinem Blog "Klage". Und so soll es an dieser Stelle mit Beifall und Jubel, die dieser Blog knapp anderthalb Jahre lang zuverlässig auslöste, nicht übertrieben, sondern der Klage Raum gegeben werden, dass es ihn nicht mehr gibt. Ja, es ist beklagenswert, doch alle guten Dinge müssen enden; sonst wären sie keine.Am Samstagabend feierte Rainald Goetz in einem Atelier in einem Hinterhof an der Kreuzberger Oranienstraße Abschied von "Klage"; übers Internet waren "alle herzlich eingeladen" worden, und es kamen auch alle. Sie waren jung bis sehr jung, dazu gesellten sich Männer in fortgeschrittenem Alter, aber keine solchen Frauen. Um elf sollte eine "Textaktion" stattfinden, die begann cum tempore, dann aber sehr pünktlich, und wurde angezählt: noch zwei Minuten, noch eine Minute - Text.Rainald Goetz stand auf einem Tisch, an der Wand hingen große Farbkopien, auf den Fensterbrettern waren Bücher ausgestellt, das meiste war im Blog vorgekommen, der nun nicht mehr ist, KLAGE, er las "1.2.7", den Beginn des Blogs: "Beim Heben des Kopfes wird der Dunkelraum sichtbar, den ich in letzter Zeit in verschiedene Richtungen hin auszumessen versucht habe, notiert Kyritz, vielleicht vergeblich." Hierauf folgen im Blog, im Text (was zählt, ist der Text und nur der Text, auch das stand gleich am Anfang: "Der Text will aber unüberwacht agieren, absolut autonom. Dabei bringt er einen Autismus der Lebensführung hervor, an dem er selber erstickt." - Klage, 4.2.2007), im Blog, im Text folgt diese Aufzählung: "1 Text / 2 Politik / 3 Geschichte / 4 Liebe / 5 Familie / 6 Justiz".Und darauf folgte dann, über fast anderthalb Jahre, bis letzte Woche kontinuierlich fortgeführt, der einzige ernstzunehmende Text der letzten Jahre, und der handelte von diesen letzten knapp anderthalb Jahren, denn Rainald Goetz schrieb zwar nicht jeden Tag, aber er schrieb immer über den Tag, im "absoluten Präsens" eben, in dem jedoch nicht nur Figuren der Gegenwart, sondern auch solche der deutschen Geschichte auftauchten, und so manchen Blog-Eintrag endete er mit der Bemerkung, dass Goethe dieses gerade seinem Privatsekretär John diktiert habe, dergestalt "Klage" einordnend in das große Thema, wie die Welt in Worte zu bringen wäre. Rainald Goetz schrieb über Anhörungen im Bundestag, Nächte im Vernissagentaumel, den Prozess zu Maxim Billers Roman "Esra", das schönste Titelbild der F.A.Z. und immer wieder darüber, wie man überhaupt schreiben kann. Und wie nicht. Eine wiederkehrende Figur des Blogs hieß Kyritz. Kyritz an der Knatter? "Wer ist denn dieser Kyritz?" fragte Rainald Goetz bei seiner "Textaktion"rhetorisch, denn er antwortete nicht, sondern schrieb diesen Namen in grauer Farbe unvollständig auf ein großes Stück Karton. Die "Textaktion" dauerte exakt eine Viertelstunde und wurde mit großem Applaus bedacht.Hart denken und extrem gut schreiben, das ist eh klar. Wie das gehen könnte, wie man auf wahrhaftige Weise schreiben kann, wurde in "Klage" viele Male überlegt. Denn die Form beschäftigt Rainald Goetz, wie jeden Dichter, in einem fort. In "Klage" wurde nun dem Leser nicht allein das Ergebnis dieser Überlegungen vorgelegt, sondern es wurde ihm zugleich laufend von ihnen Mitteilung gemacht, so dass der Blog auch ein literaturtheoretischer Essay ist. Und das Berückende dabei ist, dass es Rainald Goetz ja gelungen ist, dass er in "Klage" eine Form gefunden hat - eine Form nämlich für diese gewisse Zeit, von der er schrieb und die jetzt vorbei ist. (So dass eine neue Form gefunden werden muss.)Am Samstag begann die Party spät, es war sehr heiß in dem sehr vollen Raum und sehr laut; erst gab es Techno, später wurde auch ein bisschen die Musik von damals gespielt. Im Herbst wird "Klage" als Buch erscheinen; es wird ein historischer Roman sein, weil die Gegenwart, von der er berichtet, dann schon längst vorbei sein wird. Wie sie jeden Abend wieder vorbei ist.www.vanityfair.de/extras/rainaldgoetz
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