Neue deutsche Literatur

Roman „Wachs“ von Christine Wunnicke: Das Gehirn als Ort der Sünde?

Zwei Figuren der französischen Aufklärung werden quicklebendig in diesem Buch – die Anatomin Marie Bihéron und die Malerin Françoise Basseporte. Die Literaturkritik

Kirsten Voigt
6 Min

Eine kleine, schwarz gewandete Gestalt geht nächtens durch Paris. Sie stapft durch die schlammigen Straßen und verschafft sich durch die Hintertür Zutritt zur Kaserne der Musketiere. Da spielt ein Kadett kläglich Oboe und erschrickt fast zu Tode beim Anblick der unversehens eingetretenen, geisterhaften Erscheinung. Doch der Zwerg ist ein Kind, die zwölfjährige Apothekerstochter Marie. Sie erbittet artig von den Soldaten etwas Unerhörtes: eine Leiche.

Aberwitzig, komisch, zielstrebig, raffiniert lockt Christine Wunnickes neuester Roman von den ersten knappen Sätzen an in eine Epoche, die sowohl vom Drang nach dem Licht der Aufklärung als auch durch die Schattenseiten der Revolution charakterisiert war. In seinem Zentrum stehen zwei authentische Frauen – Marie Marguerite Bihéron, die berühmteste und innovativste Anatomin ihrer Zeit, und die Malerin Françoise Basseporte, die ihre Lehrerin und Lebensgefährtin war.

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