WAHLJUBILÄUM - Heute vor einem Jahr wählten die USA ihren ersten schwarzen Präsidenten. Das Amt hat Barack Obama verändert. Der Hoffnungsträger hat Mühe, seine Ideen umzusetzen - eine Bilanz.

Ein Wandel, an den wir glauben können ?

Olivia Schoeller
5 Min

BERLIN. Als Barack Obama am 4. November 2008 so gegen 23 Uhr mit seiner Frau Michelle und den Kindern auf die Bühne tritt, schreien, weinen oder klatschen tausende Menschen im Grant Park in Chicago. Der Moment ist gekommen, auf den sie gehofft haben. Auf der Bühne steht nicht nur der erste schwarze Präsident der USA, ein Mann, der versprochen hat, das Land zu versöhnen, den Irak-Krieg zu beenden und Wandel zu bringen. Neben ihm steht eine Frau, die als Tochter einer afroamerikanischen Arbeiterfamilie aus Chicago einen ebenso atemberaubenden Aufstieg schaffte. Als die beiden sich auf dem Höhepunkt ihres Trumpfes ansahen, sah man ein Ehepaar, das eine neue Epoche in der US-Geschichte verkörpert. Selbst Amerikaner, die sie nicht gewählt haben, spüren den Zauber und geben zu, dass sie an diesem Abend stolz sind auf die First Family.Ein Jahr später sieht es anders aus. Fast pünktlich zu seinem einjährigen Wahljubiläum sind die Umfragewerte für Barack Obama gesunken. Zwar sind noch immer 53 Prozent der Amerikaner mit dem Präsidenten zufrieden, aber es sind neun Prozent weniger als im Vorquartal. Das Gallup Umfrage Institut ermittelt, dass Obama eine der schlechtesten Beurteilungen eines US-Präsidenten im dritten Quartal erreichte, schlechter als George W. Bush. Dabei scheinen die Amerikaner ihre Sympathie für ihn nicht verloren zu haben. Sie lehnen seine Politik ab. Nur 38,8 Prozent finden, dass das Land in die richtige Richtung geht, 55,5 Prozent sehen die USA auf dem falschen Weg.Die Mehrheit seiner Versprechen hat Obama noch nicht umsetzen können. Er hat zwar den Abzugsplan für Irak festgelegt, Konjunkturpakete zur Linderung der Wirtschaftskrise durchgesetzt und versucht, den Wandel einzuleiten. Doch seine Gesundheitsreform kommt nur mühsam voran und hat das Land gespalten. Ein radikaler Teil der Republikanischen Partei macht Krieg gegen Obama. Die Moderaten, die er für seine Koalitionen bräuchte, sind verstummt. Die vereinte Nation, die er versprochen hat, ist in die Ferne gerückt. Eine Entscheidung über die Strategie in Afghanistan zögert er hinaus. Der "Wandel, an den wir glauben können" - so lautete Obamas Wahlkampfslogan - blieb aus. Wurde Obama nach seiner Wahl schon zu den großen US-Präsidenten gezählt, so vergleichen ihn Beobachter heute mit Jimmy Carter, einem der erfolglosesten Vorgänger. Immer wieder versucht Obama, die Bürger daran zu erinnern, dass er das große Desaster (zwei Kriege, eine Krise) von seinem Vorgänger geerbt hat. Doch das zieht nicht mehr. "Nun gehört das Trümmerfeld Dir. Reparier es!", schrieb das Wall Street Journal jüngst.Und Michelle Obama? Im Gegensatz zu ihrem Mann erreicht sie eine Zustimmungsrate von über 70 Prozent. Es ist zwar nicht ungewöhnlich, dass eine First Lady den Präsidenten übertrumpft. Laura Bush hatte 70 Prozent, während ihr Mann unter 30 sank. Aber im Falle Michelle Obama ist es bemerkenswert.Im Wahlkampf gab es Momente, da drohte sie eine Belastung für ihren Mann zu werden. Sie galt als "zornige schwarze Frau", deren Patriotismus angezweifelt wurde. Tatsächlich fiel es einigen Amerikanern schwer, sich mit einer schwarzen First Lady anzufreunden, vielleicht sogar schwerer, als mit einem schwarzen Präsidenten. Heute sind die Zweifel weitgehend verschwunden. Ihre natürliche Art, ihre stilsicheren Auftritte auf der internationalen Bühne und ihre politische Zurückhaltung gefällt.Im Gegensatz zu ihrem Mann werden Michelle Obama nur zwei Faux-pas zur Last gelegt. Einmal wurde sie kritisiert, weil sie ein ärmelloses Kleid im Kongress trug, ein anderes Mal, weil sie gegen das Protokoll verstieß und beim Besuch in London die Queen umarmte. Lappalien.Michelle Obama hat nicht nur aus den Fehlern ihrer Vorgängerin Hillary Clinton gelernt, die klassische Politik hat sie nie so interessiert. Sie mischt sich öffentlich nicht in die Geschäfte ihres Mannes ein, sondern verfolgt Themen, die ihre Rolle als Mutter und Ehefrau betonen: Sie will die Amerikaner über Ernährung aufklären und kämpft gegen Kinderfettleibigkeit. Deshalb legte sie einen Gemüsegarten im Weißen Haus an. Natürlich wagt sie es nicht, Fast Food zu verbieten. Das würde nur denen Munition liefern, die sie als Abgehoben titulieren wollen. Sie plädiert nur für Maßhalten. Das ist geschickt.Kein Wunder, dass das Weiße Haus versucht, zum Wahljubiläum den Zauber des Ehepaares Obama wiederzubeleben. Präsident und First Lady gewährten der New York Times überraschend ein Interview über ihre Ehe. Darin wird ein romantisches Bild des Teams Obama gemalt. Es ist die Rede von Abendessen zum Hochzeitstag, verstohlenen Blicken und geheimnisvollem Geflüster. Liebe im Weißen Haus, eben. Gleichzeitig erfährt man von den früheren Eheproblemen und der gleichberechtigten Beziehung der beiden. "Meinen Mitarbeiter interessiert mehr, was die First Lady denkt, als was ich denke", wird Obama zitiert.Der Artikel erinnert oft an die geschichtliche Dimension der Präsidentschaft des afroamerikanischen Paares aus bescheidenen Verhältnissen. Man erfährt zum Beispiel, dass Michelles Mutter, die ebenfalls im Weißen Haus lebt, weiterhin die Wäsche selbst wäscht und Michelle ihren Mann gelegentlich fragt, was er eigentlich im Oval Office verloren habe. Das sind Geschichten, die Amerikaner lieben. Man will das Gefühl vermitteln, dass sich die Obamas in ihrem Wesen seit dem Novemberabend kaum verändert haben und so von den gewöhnlichen politischen Problemen ablenken.------------------------------Nun gehört das Trümmerfeld Dir. Reparier es!" Aufruf des Wall Street Journal an Barack ObamaFoto: Auf dem Weg zum Ruhm: die Obamas - Barack, Sasha, Malia und Michelle - am Wahlabend, dem 4. November 2008 im Grant Park in Chicago.

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