Ein Mann in Uniform steht in der Nähe des Kudamms neben einer Laterne und hebt den linken Arm lässig in die Luft. Als die Hand ans Wahlplakat heranreicht, geht seine Kollegin zu ihm. Sie klappt ihr Notizbuch auf, er klappt den Zollstock auseinander. Nun misst er genau nach. Mit der Hand hatte er nur getestet, ob das Plakat infrage kommt. Auf den ersten Blick hängt es im Grenzbereich zwischen erlaubt und verboten.
Mit dem Zollstock misst er die Unterkante des Plakates aus, die Kollegin notiert alles: Partei, Uhrzeit, Straße, Hausnummer und Höhe: 2,18 Meter. Auf die Frage, warum sie messen, sagt er: „Die Unterkante des Plakats muss mindestens in 2,50 Meter Höhe hängen. Wegen der Verletzungsgefahr, wegen der Radfahrer, wegen der Fahrzeuge.“
Viele Wohnungen in Berlin sind einfach viel zu groß
Klingt erst mal nach Schikane, aber er hat recht. Neulich ging ich in einer 30er-Zone über eine Spielstraße, doch ein heranrasendes Auto vertrieb mich. Mit zwei Sprüngen hüpfte ich zwischen zwei parkenden Autos hindurch auf den Fußweg und rammte mit meiner Stirn gegen ein Wahlplakat – die Partei werde ich wieder nicht wählen.
Da könnten die Bezirke viel Geld machen
Gefühlt hängt knapp die Hälfte der Plakate zu niedrig. Außer die der AfD – aus Angst vor Vandalismus. Je nach Bezirk verlangen die Ordnungsämter 10 bis 50 Euro pro Verstoß. Da könnte einiges zusammenkommen, denn es sollen bis zu 200.000 Plakate sein.
Der Zollstock-Mann lenkt meinen Blick auf den Inhalt der Plakate, auf die kaum noch jemand achtet. Einige sind immerhin verständlich: Die Grünen sind eine Anti-Partei und sagen: „Gegen das Rückwärts“. Die AfD will „Wohnungen für Berliner“. Da stellt sich die Frage: Ab wann ist ein Bewohner dieser Stadt ein Berliner? Die Linken wollen „Berlin bezahlbar machen“, aber geschätzt bis zu 40 Milliarden Euro für Enteignungen statt für den Neubau von Wohnungen ausgeben – immerhin fast der Jahreshaushalt von ganz Berlin.
Warum in Berlin viele Wahlplakate im falschen Kiez aufgehängt sind
Viele Plakate werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Acht von zehn Leuten, die ich gefragt habe, verstehen nicht wirklich, was Volt genau meint mit „unf*ck Berlin“. Ganz inhaltsleer ist die SPD. Beim Slogan „Wieder Berlin“ rätseln viele, was gemeint ist. Zieht ihr Spitzenkandidat beim kaum wahrscheinlichen Sieg doch wieder von Hannover nach Berlin? Oder will die SPD, die seit 37 Jahren im Senat sitzt, wieder regieren? Nicht besser die CDU: Ihr Hauptslogan lautet „Berlin wird“. Auf dem Kandidaten-Plakat steht: „Jetzt wird’s. Friedrichshain.“
Merkwürdig. Sollen die Plakate nicht dazu anregen, wählen zu gehen. So aber sorgen sie dafür, dass das Wahlvolk ständig den Kopf schüttelt oder sich den Kopf stößt.
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