Kolumne

Wahlkampf in Berlin: Bestimmt die Hälfte der Plakate sind falsch aufgehängt

Unser Kolumnist traf Uniformierte, die die Plakate an Laternen überprüften. Erst wunderte er sich, dann erinnerte er sich an eine schmerzhafte Begegnung.

Jens Blankennagel
Jens Blankennagel
3 Min
Kein Zollstock nötig: Diese Wahlplakate hängen eindeutig zu niedrig.

Kein Zollstock nötig: Diese Wahlplakate hängen eindeutig zu niedrig.

© Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Ein Mann in Uniform steht in der Nähe des Kudamms neben einer Laterne und hebt den linken Arm lässig in die Luft. Als die Hand ans Wahlplakat heranreicht, geht seine Kollegin zu ihm. Sie klappt ihr Notizbuch auf, er klappt den Zollstock auseinander. Nun misst er genau nach. Mit der Hand hatte er nur getestet, ob das Plakat infrage kommt. Auf den ersten Blick hängt es im Grenzbereich zwischen erlaubt und verboten.

Mit dem Zollstock misst er die Unterkante des Plakates aus, die Kollegin notiert alles: Partei, Uhrzeit, Straße, Hausnummer und Höhe: 2,18 Meter. Auf die Frage, warum sie messen, sagt er: „Die Unterkante des Plakats muss mindestens in 2,50 Meter Höhe hängen. Wegen der Verletzungsgefahr, wegen der Radfahrer, wegen der Fahrzeuge.“

Klingt erst mal nach Schikane, aber er hat recht. Neulich ging ich in einer 30er-Zone über eine Spielstraße, doch ein heranrasendes Auto vertrieb mich. Mit zwei Sprüngen hüpfte ich zwischen zwei parkenden Autos hindurch auf den Fußweg und rammte mit meiner Stirn gegen ein Wahlplakat – die Partei werde ich wieder nicht wählen.

Da könnten die Bezirke viel Geld machen

Gefühlt hängt knapp die Hälfte der Plakate zu niedrig. Außer die der AfD – aus Angst vor Vandalismus. Je nach Bezirk verlangen die Ordnungsämter 10 bis 50 Euro pro Verstoß. Da könnte einiges zusammenkommen, denn es sollen bis zu 200.000 Plakate sein.

Der Zollstock-Mann lenkt meinen Blick auf den Inhalt der Plakate, auf die kaum noch jemand achtet. Einige sind immerhin verständlich: Die Grünen sind eine Anti-Partei und sagen: „Gegen das Rückwärts“. Die AfD will „Wohnungen für Berliner“. Da stellt sich die Frage: Ab wann ist ein Bewohner dieser Stadt ein Berliner? Die Linken wollen „Berlin bezahlbar machen“, aber geschätzt bis zu 40 Milliarden Euro für Enteignungen statt für den Neubau von Wohnungen ausgeben – immerhin fast der Jahreshaushalt von ganz Berlin.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Viele Plakate werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Acht von zehn Leuten, die ich gefragt habe, verstehen nicht wirklich, was Volt genau meint mit „unf*ck Berlin“. Ganz inhaltsleer ist die SPD. Beim Slogan „Wieder Berlin“ rätseln viele, was gemeint ist. Zieht ihr Spitzenkandidat beim kaum wahrscheinlichen Sieg doch wieder von Hannover nach Berlin? Oder will die SPD, die seit 37 Jahren im Senat sitzt, wieder regieren? Nicht besser die CDU: Ihr Hauptslogan lautet „Berlin wird“. Auf dem Kandidaten-Plakat steht: „Jetzt wird’s. Friedrichshain.“

Merkwürdig. Sollen die Plakate nicht dazu anregen, wählen zu gehen. So aber sorgen sie dafür, dass das Wahlvolk ständig den Kopf schüttelt oder sich den Kopf stößt.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner