Musik

Wird Warschau das neue Berlin? Die Reportage vom Unsound Festival in Polen

Von London bis New York: Das Krakauer Festival Unsound ist ein globaler Hit. Erstmals auch in Warschau. Wie feiert es sich so dicht am Krieg in der Ukraine?

9 Min
Borys Sidorkiewicz alias Some Guest im Jasna 1 beim Unsound Festival in Warschau

Borys Sidorkiewicz alias Some Guest im Jasna 1 beim Unsound Festival in Warschau

© Michalina Kuczyriska

Samstagnacht in einem Warschauer Keller. Es ist 1.35 Uhr und wir tanzen auf der Fur-Party im Jasna 1. Dass der Techno-Club mal der Keller eines Bankgebäudes aus dem frühen 20. Jahrhundert war – daran erinnert kaum etwas. Außer vielleicht, dass sie einen Floor den Sejf, den Safe, nennen.

Die Nationalphilharmonie steht fast nebenan. Auch zum cool-cleanen, erst 2024 eröffneten Museum of Modern Art (MSN) sind es nur ein paar Gehminuten. Direkt gegenüber thront der stalinistische Kulturpalast. Trotz der knapp drei Dutzend frisch aus dem Boden in den Himmel gezogenen Warschauer Wolkenkratzer beherrscht der 237-Meter-Prachtbau nach wie vor die Skyline.

Underground mitten in Warschau

Kurzum: Wir befinden uns mitten im Zentrum der polnischen Hauptstadt. Doch das schummerige Jasna fühlt sich sehr nach Underground und Punk an, nach einer Art Club, wie man sie in Berlin-Mitte kaum noch finden würde. Labyrinthartige Spiegelflächen begegnen einem beim Eintreten und viele rote Leuchtstäbe. In einer langen Nacht entdeckt man vielleicht auch den halb geheimen Übergang zur benachbarten Muskel-Gay-Bar namens Metropolis.

Gute Stimmung im schummerigen Club Jasna im Herzen von Warschau

Gute Stimmung im schummerigen Club Jasna im Herzen von Warschau

© Michalina Kuczyńska

„Na zdrowie!“, Prosit, schreit Cezary, den seine Freunde hier alle Cezio nennen, und versucht, mit seiner Stimme gegen die Latin-Tek-Bässe anzukommen, die Some Guest vom DJ-Pult aus hochenergetisch quer durch den Tanzkeller knallen lässt. Die Stimmung: adrenalingeladen, körpernah. „No photo, no video, no smart glasses“ steht auf den Stickern, die sie einem am Eingang über die Handylinse kleben, und „Enjoy the night“. Zwei von Cezarys Freundinnen knutschen hemmungslos auf dem Dancefloor.

Der winkt ab, wie um zu sagen: Das kümmert hier keinen. Noch einmal: „Na zdrowie!“ Dabei kippt Cezary sich seinen halben Vodka Sour (mit viel Eiweißschaum) inmitten der wilden Tanzerei versehentlich übers Netzhemd. „Scheiß auf die Flecken, scheiß auf den Krieg“, flucht er genüsslich. „Wir wollen feiern und ficken.“ Cezary trägt schweren Silberschmuck, Edel-Parfüm und eine billige Sonnenbrille – die erahnen lässt, dass er vor Morgengrauen hier nicht rauswill.

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Unsound Warschau: Party und expressive Performances

Dabei hat er in Warschau auf dem Unsound Festival schon ganz schön was erlebt. Los ging es am frühen Freitagabend mit einer expressiven Performance von Asiandopeboys, inspiriert von japanischem Nō-Theater, indonesischer Musik und mit einem riesigen Tentakelwesen an der Decke im Pawilon Tánca. „Mindblowing“, schwört Cezary, saugt an einer Zitronenscheibe und kippt noch einen Wodka. Außerhalb des Technokellers studiert er Soziologie („irgendwas mit Machtdynamiken und Gender“), aber was genau kann oder will er um 2.42 Uhr nach dem x-ten Wodka auch nicht mehr erklären.

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„Mindblowing“: Performance von Asiandopeboys beim Unsound in Warschau

„Mindblowing“: Performance von Asiandopeboys beim Unsound in Warschau

© Zuza Sosnowska

Inzwischen hat Martyna Maja alias VTSS am DJ-Pult übernommen mit maximalistisch-schnellem Jungle-Techno. Die 1994 geborene Warschauerin ist inzwischen ein internationaler Superstar und lebt in den USA. Doch dem Unsound bleibt sie treu verbunden: 2013 hat sie dort in Krakau das DJing überhaupt erst für sich entdeckt. Seitdem tritt sie beim Unsound regelmäßig auf – auch wenn das Festival sich möglicherweise unter anderen Umständen ihre reguläre Spitzengage nicht mehr leisten könnte.

Unterdessen sind wir verabredet mit Borys Sidorkiewicz, 28, gebürtiger Warschauer, der als Some Guest eben noch vor VTSS sein super eklektisches Set aufgelegt hat, inklusive südamerikanischer Dembow-Beats mit groovenden Snares.

„Früher war das Jasna hauptsächlich ein Techno- und Electro-Club“, sagt er. „Aber die Warschauer Szene und besonders das Jasna sind heute völlig offen für andere, alternative Sounds.“ Some Guest ist nicht bloß Gast, sondern Resident-DJ im Jasna und gehört seit zwei Jahren zum harten Kern des Clubs. Das Konzept seiner eigenen Partyreihe, Guest List, ist es, dem Publikum basslastigeren UK-Garage etwa aus den Clubs von Manchester und Bristol näherzubringen.

Liebt groovende Dembow-Beats aus Südamerika: Some Guest, Resident-DJ im Jasna

Liebt groovende Dembow-Beats aus Südamerika: Some Guest, Resident-DJ im Jasna

© Michalina Kuczyńska

Dass sich das Jasna trotz seiner Lage mitten im Stadtzentrum seinen Underground-Charakter bewahrt hat, liegt seiner Ansicht nach vor allem an den Kuratoren und Promotern des Clubs: „Sie versuchen, das Programm spannend zu halten, nicht immer nur Mainstream zu buchen und neben großen Namen gezielt kleinere, aufstrebende DJs zu pushen.“

Sicher kein ganz leichtes Unterfangen. Warschau boomt. Seine Musik- und Clubbingszene auch mit Läden wie Smolna, Sen/Moon, Niebo, Oczki und vielen mehr. Wenn man an diesen herrlich warmen Herbsttagen tagsüber durch die Straßen (etwa die Mokotowska) mit den hippen Cocktailbars und den teuren Parfüms in der Luft flaniert, gewinnt man leicht den Eindruck, dass Warschau keineswegs das neue „Arm, aber sexy“-Berlin werden will, sondern eher das neue poshe London.

Auch in New York schwärmt man schon von Warschau

Und dass die polnische Kapitale nicht bloß die Stadt von Frédéric Chopin, sondern aktuell eine der aufregendsten Nachtleben-Metropolen der Welt ist, hat sich inzwischen bis nach New York herumgesprochen: „Fühlst du den pochenden Bass? Dann bist du wohl in Warschau“, titelte die Times gerade erst im Juli.

„Viele Polen tragen ein verinnerlichtes Schamgefühl in sich“, meint Some Guest, „aus Osteuropa zu stammen und im Vergleich zu Ländern wie Frankreich, Deutschland oder Großbritannien nicht so entwickelt zu sein.“ Zu sehen, wie rasant sich die Stadt gerade transformiert, helfe dabei, „dieses post-sowjetische Schamgefühl“ abzubauen. „Warschau ist sauber, sicher und sehr komfortabel zum Leben.“

Warschau ist eine aufstrebende Metropole: Links ragt der Varso Tower in den Himmel, das höchste Gebäude der EU, rechts der stalinistische Kulturpalast.

Warschau ist eine aufstrebende Metropole: Links ragt der Varso Tower in den Himmel, das höchste Gebäude der EU, rechts der stalinistische Kulturpalast.

© Markus Mainka/imago

Kürzlich hat Some Guest seinen ersten DJ-Gig in Berlin gespielt, im Panke-Club in Wedding: „Berlin ist der coole, rebellische Bruder. Warschau das etwas nerdige Kind.“ Einerseits hofft er auf noch mehr Professionalisierung, bessere Soundsysteme, mehr Sponsoring und größere Festivals in seiner Heimatstadt. Andererseits befürchtet er steigende Mieten und dass für den Underground der Raum verschwinden könnte.

Dass das Unsound dieses Jahr erstmals auch in Warschau (und direkt im Anschluss in Krakau!) stattfindet, ist ebenfalls ein Indiz für den Hype der polnischen Hauptstadt. In Krakau hat sich das Festival mit seinem einzigartigen Mix aus abgefahrener, aber gleichwohl zugänglicher Experimentalmusik, Partys und Diskurs seit zweieinhalb Dekaden längst etabliert mit 25.000 Gästen letztes Jahr – mittlerweile als globale polnische Erfolgsgeschichte, mit Ablegern in Australien, Japan, dieses Jahr zudem in London und New York.

Und nun auch in der Heimathauptstadt in zehn verschiedenen Venues von Clubs bis zur Philharmonie. Mit internationalen Megastars wie der vor allem vom jungen queeren Publikum gefeierten venezolanischen Produzentin Arca. Oder der Grande Dame der auch mal schräg krachigen Vokalkunst am Klavier: Diamanda Galás, deren Vier-Oktaven-Stimme schon in Francis Ford Coppolas „Dracula“ zum Einsatz kam. Auch der norwegische Berliner Bendik Giske, der einst im Berghain gemerkt hat, dass er sein klassisch studiertes Tenorsaxofon noch sehr viel körperlicher bedienen kann, gehört 2026 zum Unsound-Line-up in Warschau.

Soft Power lautet das Festival-Überthema dieses Jahr. „Musik und Kultur sind nicht nur Werkzeuge kultureller Manipulation, sondern können eine Stärke und Waffe sein, die uns widerstandsfähiger macht“, sagt die Festival-Direktorin Gosia Plysa, als wir sie und den Unsound-Gründer Mat Schulz unweit des Kulturpalasts treffen. „Wirkungsvoller als Hard Power, die Probleme nicht löst, sondern meist nur eskaliert.“

Die Unsound-Direktoren Mat Schulz und Gosia Plysa auf dem Festival

Die Unsound-Direktoren Mat Schulz und Gosia Plysa auf dem Festival

© Michał Murawski

Hier in Polen – in Warschau und Krakau – spüre man den Krieg in der Ukraine, sagt Plysa, „extrem nah und intensiv“: Die ukrainische Minderheit sei fester Bestandteil der polnischen Gesellschaft geworden, auch in der Kunst- und Musikszene. „Gleichzeitig sind wir Desinformationskampagnen und Cyberattacken aus Russland ausgesetzt – dieser hybride Krieg findet bei uns längst statt.“

„Die Bedrohung fühlt sich surreal an“, sagt Unsound-Gründer Schulz. Einerseits sei sie abstrakt, andererseits hochgradig real: „Wenn man Politikern zuhört, geht es nicht mehr darum, ob ein Krieg nach Polen überspringt, sondern wann. Polen baut Panzerbarrieren an der belarussischen Grenze, Raketen schlagen nahe der Grenze ein, Drohnen verletzen den Luftraum.“

Unsound 2027 wieder in Kiew?

Und dennoch gehe das alltägliche Leben weiter. „Die Leute gehen aus, die Clubszene boomt“, so Plysa. Musik und die Erfahrung von Gemeinschaft beim Tanzen böten in Krisenzeiten Entlastung und Zuflucht. „Ein Bruchteil der Kosten für ein paar Panzer könnte sämtliche Probleme im Kulturbereich lösen.“

„Wir wurden gefragt, ob wir Unsound im nächsten Jahr wieder in Kiew veranstalten wollen“, erzählt Schulz. „Ich würde es sofort und ohne Zögern tun.“ Bereits 2007 fand das Unsound in Kiew statt, danach mehrfach im belorussischen Minsk sowie im westukrainischen Lwiw. „Ein Festival in Kiew wäre nicht bloß ein Musik-Event, sondern eine aktive Solidaritätsbekundung“, so Schulz. „Für die Menschen vor Ort, die sich riesig freuen, wenn Künstler aus dem Westen kommen.“

„Polens Geschichte ist knüppelhart“: Przemyslaw Jankowiak alias 2k88 auf dem Unsound

„Polens Geschichte ist knüppelhart“: Przemyslaw Jankowiak alias 2k88 auf dem Unsound

© Pat Pawlicki

Doch das ist noch Zukunftsmusik. Schon 2026 hingegen treffen wir auf dem Unsound Przemyslaw Jankowiak alias 2k88, also 2088. Der polnische DJ und Produzent, Jahrgang 1988, aufgewachsen in Stettin unweit der ostdeutschen Grenze, nun wohnhaft in der Ostseehafenstadt Gdynia (wo im Drugi Dom auch Top-DJs aus dem Berliner Tresor auflegen), ist Teil der von Arca kuratierten „Airdoll“-Nacht.

Am Mittag nach seinem Set zwischen Ambient, HipHop und Pop-Kitsch sind wir mit ihm auf einen Filterkaffee im Café Turnus verabredet. Obwohl direkt neben dem teuren Presidential-Hotel-Wolkenkratzer gelegen, versprüht sich dieser Ort noch nach kunststudentischen Subkultur-Vibes.

„In der polnischen Musikszene gibt es eine große Offenheit gegenüber Experimenten und Avantgarde“, sagt 2k88 und nennt das Unsound einen Schatz. „Bei kleineren Club-Gigs sind die Leute während der leisen Teile der Show sehr ruhig.“ Wenn er nach England oder Frankreich fahre, sei das dort nicht so. „Ich denke, das liegt daran, dass wir nach dem Kommunismus keinen großen Hintergrund an experimenteller Musik hatten.“

Als Teenager in Stettin und im Internet sozialisiert, kennt 2k88 noch das, was er den „PL-Sound“ der 2000er-Jahre nennt: „Wir sind mit sehr schlechten Soundsystemen aufgewachsen, und wenn wir Bass-Musik machen wollten, haben wir den Bass in unseren Tracks völlig übersteuert – nur um ihn auf diesen schlechten Anlagen überhaupt zu hören.“ Heute spielt er auf High-End-Equipment.

Gebanntes Publikum in Polen bei der „Airdoll“-Nacht mit 2k88 und Arca

Gebanntes Publikum in Polen bei der „Airdoll“-Nacht mit 2k88 und Arca

© Mattia Spich

2k88 sieht im Prozess des Entdeckens, auch in der Experimentalmusik hier auf dem Unsound, ausdrücklich etwas Politisches: „Ein großer Teil der polnischen Gesellschaft ist immer noch sehr konservativ, aber die jüngeren Generationen sind das Gegenteil davon. Ich habe viele queere Freunde und habe gestern gesehen, wie glücklich sie beim Arca-Auftritt waren.“

Es fühle sich manchmal so an, sagt 2k88, als ob die Leute in Polen noch im Kennenlernmodus seien – und es ganz besonders genießen wollen. „Wir haben keine Eltern, die in Techno-Clubs gegangen sind. Polens Geschichte ist knüppelhart. Wir jungen Leute sind die Pioniere.“

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