Außenhandel

Vom Apfelsaft bis zur elektrischen Zahnbürste: Ohne China wäre unser Alltag ein anderer

Die Produkte aus dem Reich der Mitte begegnen uns viel häufiger, als wir denken. Sie machen unser Leben vielfach leichter, farbiger und abwechslungsreicher. Unsere Serie „China verstehen“.

6 Min
Eine chinesische Arbeiterin bei der Montage von Kabelbäumen: In unserem Alltag steckt mehr China, als man denkt.

Eine chinesische Arbeiterin bei der Montage von Kabelbäumen: In unserem Alltag steckt mehr China, als man denkt.

© Xu Zeyuan/XinHua/dpa

Es beginnt morgens beim Aufstehen. Der Wecker schrillt ungeduldig. Ohne die elektronischen Mikrochips in seinem Inneren würde er das nicht tun. Sie kommen aus China, während das Gehäuse aus Deutschland stammt, wo auch die Endmontage stattfand – was dem Endprodukt das Label „Made in Germany“ einbrachte.

Darauf braucht das Handy gar nicht erst zu hoffen: Vier von fünf in Deutschland genutzten Smartphones wurden in China montiert. Und selbst wenn die Geräte in Europa oder den USA entworfen wurden, stammen die elektronischen Schalteinheiten und Leiterplatten aus großen Fabriken in Fernost.

Weiter geht es ins Bad. Dort mahnt die elektrische Zahnbürste, die morgendliche Routine endlich zu beginnen. Shenzhen im Süden Chinas (Provinz Guangdong) gilt als das Mekka für die Produktion von elektrischen Zahnbürsten und Mundduschen. Und nicht nur die Gehäuse, auch rund 75 Prozent aller in den Zahnpflegeprodukten verbauten Lithium-Akkus stammen aus China.

Kein Start in den Tag ohne Dusche: Die Armatur kommt aus China. Die Schaumbildner im Haarshampoo ebenfalls, genauso wie die Konservierungsstoffe im Duschbad und das Fluorid in der Zahnpasta. Weiter geht es zum Frühstückstisch. Der Kaffeevollautomat hat nur den Namen aus Italien. Das Gerät selbst wurde entweder in Rumänien oder in China produziert – die Chancen stehen 50 zu 50.

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Der Teigling für das Aufbackbrötchen kommt aus China, genau wie der Toaster, der es genießbar machen soll. Beim Wasserkocher stammt das Gehäuse aus China, ebenso wie die Brotdose und der Isolierbecher aus Edelstahl. Aber im Kühlschrank, da dürfte es doch deutlich regionaler zugehen, oder?

Nicht unbedingt. Die Himbeeren, die dem Joghurt seinen Geschmack geben, kommen aus dem Reich der Mitte. China gilt als einer der größten Exporteure von gefrorenen Himbeeren und Erdbeeren, die hierzulande in aller Regel weiterverarbeitet werden. Auch bei den Konzentraten für Apfelsaft und Tomaten ist China Weltmarktführer. Warum das dem Verbraucher nicht auffällt? Weil bei in Europa abgefüllter und verpackter Ware das Herkunftsland von Apfel oder Tomate nicht zwingend deklariert werden muss.

Nachfrage nach „Made in Germany“ sinkt

Das Brötchen ist getoastet, und der Honig darauf kommt vom Imker aus der Nachbarschaft. Muss er aber nicht, denn der Mischhonig aus dem Supermarkt stammt vielfach aus China – zu erkennen am Aufdruck „aus Nicht-EU-Ländern“. Weitere typische Lebensmittel, die wir aus China importieren, sind Ingwerwurzeln und Knoblauch.

China im Alltag: Shenzhen im Süden Chinas gilt als das Mekka für die Produktion von elektrischen Zahnbürsten und Mundduschen weltweit.

China im Alltag: Shenzhen im Süden Chinas gilt als das Mekka für die Produktion von elektrischen Zahnbürsten und Mundduschen weltweit.

© Christin Klose/dpa-tmn

China ist der wichtigste Handelspartner für Deutschland. Im ersten Halbjahr 2026 importierte Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes Waren im Wert von 89,1 Milliarden Euro aus China. Das waren rund neun Prozent mehr als im Vorjahr. Doch während China seine Außenhandelsbilanz weiter ausbaut, schwächeln die deutschen Exporte in das Reich der Mitte. Zuletzt wurden nur noch Waren im Wert von rund 37 bis 38 Milliarden Euro nach China exportiert, was einem Rückgang gegenüber dem Vergleichszeitraum 2025 von zwölf Prozent entspricht.

Laut der Wirtschaftsorganisation Germany Trade and Invest (GTAI) gibt es für diese Entwicklung vier einfache Erklärungen. Zum einen fehlen die deutschen Autoexporte: China setzt auf E-Mobilität, produziert die Fahrzeuge selbst, und damit sinkt die Nachfrage nach hochwertigen deutschen Verbrennern. Zum anderen haben viele deutsche Unternehmen bereits Produktionsstandorte in China errichtet und versorgen von dort aus den asiatischen Markt, wodurch die Güter nicht mehr im deutschen Exportvolumen auftauchen.

Zudem treibt China eine Strategie der Importsubstitution voran. Lokale Unternehmen stellen Produkte, die früher aus Deutschland importiert werden mussten, zunehmend selbst her. Das lässt China nicht nur als Markt für deutsche Unternehmen wegfallen; die neuen Firmen werden auch zu Konkurrenten. Hinzu kommt, dass die chinesische Wirtschaft und insbesondere der dortige Konsum schwächeln. Die Nachfrage nach teuren Industriegütern und Investitionen „Made in Germany“ ist dadurch spürbar eingebrochen.

Kabelbäume und Keramik

Während sich China also aus der Abhängigkeit von deutschen Importen herausarbeitet, geht in unserem Alltag ohne Produkte aus China fast nichts mehr. Das E-Auto für den Weg zur Arbeit wurde zwar in einer deutschen Fabrik montiert, doch die Kabelbäume und Steckverbindungen für die Bordnetzelektrik und Hochvoltkabel sind importiert, genau wie die LCD-Bildschirme und Touch-Module im Innenraum.

Und was wäre ein E-Auto ohne Batterie? Die Rohmaterialien für die Kathoden und Anoden wie Lithium, Kobalt und Graphit stammen zum Großteil aus chinesischen Lieferketten. Wer kein E-Auto fährt, hat zumindest einen Motorblock, für dessen Herstellung Magnesium benötigt wird – und 90 Prozent des weltweiten Magnesiummarktes werden von China kontrolliert.

Im Büro surrt der Aktenvernichter („Made in China“), genau wie der Laptop, der Bildschirm, die Maus, die Schreibtischlampe und der Router. Auch in der Werkhalle liefe ohne Importe nichts. Schon vorgefertigte Stahlträger für das Gebäude kann China liefern, das etwa die Hälfte des weltweit produzierten Rohstahls herstellt, ebenso wie Sandwichpaneele, die als preiswerte Dämmplatten für Wand- und Dachverkleidungen benutzt werden.

Hinzu kommen Lieferanten für die Industriebeleuchtung mit LED-Hallenstrahlern, für Lüftungs- und Klimaanlagen sowie für Brückenkrane und Hebezeuge für den internen Materialtransport. Auf der Baustelle ist es zwar unwahrscheinlich, dass der Zement aus China kommt, auch wenn das Land jährlich mehr als zwei Milliarden Tonnen herstellt. Diesen zu exportieren, wäre aufgrund der Frachtkosten zu teuer. Aber die Region rund um die südchinesische Stadt Foshan gilt als das weltweite Zentrum für Baukeramik, Feinsteinzeug und Sanitärkeramik. Ein großer Teil der global verbauten Wand- und Bodenfliesen wird dort produziert. Auch bei veredeltem Bauglas für Fenster, Fassaden und Lichtbänder kontrolliert China weit über die Hälfte der weltweiten Produktionskapazitäten.

Nach Feierabend geht es zum Sport. Algizide, pH-Regulierer und Chlor, die für sauberes Schwimmbadwasser sorgen, wurden in China synthetisiert. Von hier stammen auch die Kunststoffe für die Schwimmbrille und die Badekappe sowie die Polyesterfasern für das Laufshirt. Und beim Streaming-Programm am Abend schaut man auf einen LCD-Bildschirm, in dem Leiterplatten aus China verbaut sind.

Wie auch immer wir also den Tag hier im Westen ausklingen lassen, wir tun dies unweigerlich mit Produkten aus dem Fernen Osten.

Dieser Text ist Teil unserer Serie „China verstehen“. Hier lesen Sie unseren Auftakttext zur Serie und hier die große Analyse zu dem sich abzeichnenden Handelskrieg zwischen Europa und China. Hier lesen Sie einen Artikel zu China und dem Ukraine-Krieg.

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