Glosse

Warum der Osten rechts abbiegt: Eine überraschend einfache Erklärung

Warum wählen im Osten so viele Menschen rechts? Die üblichen Erklärungen sind kompliziert. Dabei üben Ostdeutsche das Rechtsabbiegen seit 1978 – ganz offiziell und mitten im Straßenverkehr.

Dirk Jehmlich
Dirk Jehmlich
3 Min
Grünpfeil: Auch bei Rot darf man einfach fix nach rechts abbiegen.

Grünpfeil: Auch bei Rot darf man einfach fix nach rechts abbiegen.

© picture-alliance/ ZB

Warum wählt der Osten rechts? Transformation. Treuhand. Migration. DDR-Sozialisation. Fehlende Eliten. Russland. Vermögen. Wut. Alles viel zu kompliziert. Die Wahrheit hängt an ostdeutschen Ampeln. Der Grünpfeil – eine DDR-Innovation, die die Bundesrepublik übernommen hat. Das hat sie jetzt davon.

Das Prinzip ist einfach. Die Ampel zeigt Rot. Eigentlich wäre damit die politische Richtung geklärt: stehen bleiben. Der Ostdeutsche schaut kurz nach links – und biegt rechts ab.

Die Rechtsabbiegespur

1978 führte die DDR ihn ein. Nach der Wiedervereinigung sollte er eigentlich verschwinden. Doch dagegen regte sich Widerstand. Also wagte man ein Experiment. Was passiert, wenn man die Chance auf flüssigen Verkehr ergreift und das damit verbundene Unfallrisiko eingeht? Das Ergebnis: Man kommt früher zu Hause an und es gab auch nicht mehr Unfälle.

1994 wurde diese ostdeutsche Sonderregelung Bestandteil der gesamtdeutschen Straßenverkehrsordnung. Bis dahin musste man darauf achten, dass die eigenen Kinder nicht auf die Rechtsabbiegespur geraten. Das ist seitdem nicht mehr nötig. Man kann nun direkt aus der Mitte nach rechts abbiegen.

Der erste offizielle Grünpfeil im Westen wurde in Berlin-Reinickendorf enthüllt. Man könnte sagen: Der Rechtsruck begann im Westen. Zur Einführung wählten 2% der Reinickendorfer rechts-außen. Heute über 17 Prozent. Natürlich hat die Bundesrepublik das Verfahren anschließend reguliert.

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Einfach bei Rot rechts abbiegen, wie früher in der DDR, geht nicht mehr. Heute muss man vollständig anhalten, sich umschauen und darf erst dann weiterfahren. Das kommt einem politisch bekannt vor. Rot heißt Stopp. Die Situation einordnen. Dann rechts weiter.

Unser Handeln prägt unser Denken! Der Grünpfeil begann als Verkehrszeichen und wurde zur politischen Gebrauchsanweisung. Seit 1978 haben ostdeutsche Verkehrsteilnehmer gelernt: Man darf rechts abbiegen. Man muss aber nicht. Mehr politische Mitte geht kaum.

Erste Forderung nach Rechtsabbiegeverboten

Wir sollten mit den ganzen komplizierten Erklärungen über autoritäre Sozialisation, verletzte Identitäten und mangelnde Demokratieerfahrung aufhören. Rechts abbiegen muss am Grünpfeil niemand. Man darf es nur. Und wer nicht will, dass zu viele rechts abbiegen, sollte dafür sorgen, dass die anderen Wege irgendwohin führen.

P.S.: Immerhin gibt es erste Forderungen nach Rechtsabbiegeverboten. Der ADFC Berlin möchte sie an gefährlichen Kreuzungen einführen. Für den Straßenverkehr.

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