Der Streit um die verleugneten oder vergessenen oder verdrängten NSDAP-Mitgliedschaften Walter Jens und anderer namhafter Geisteswissenschaftler wurde von Anfang an von einer, nur von einer einzigen Frage bestimmt: "Warum erst jetzt?" Nicht seine Mitgliedschaft als junger Mann wurde Jens zum Vorwurf gemacht, sondern seine fatale Vergesslichkeit, nicht seine Leistung als Wissenschaftler wird bestritten, sondern seine Leuchtkraft als Fackel der Aufklärung. "Warum erst jetzt" die Erinnerung zu Jens - unter dem Eindruck unbestreitbarer Tatsachen - zurückgefunden hat, ist nicht nur eine legitime Frage, im Falle Jens ist sie zwingend. Sein Ruf als Scharfrichter der Moral war hart erarbeitet: Fünfzig Jahre unermüdlicher Furor, mit dem er die fatale Vergesslichkeit der Nebenmenschen zu geißeln pflegte. Die Frage "warum erst jetzt" richtet sich zuerst an Jens.Ihre Dringlichkeit ist niemandem so selbstverständlich wie Günter Grass. Sein letzter Roman "Im Krebsgang" beginnt aus gutem Grund mit ihr. Warum nun ausgerechnet Grass im Falle Jens öffentlich die Frage als schändlich verwirft, unwiderlegliche Tatsachen als "dürre Fakten" diskreditiert, die Kritiker der Vergesslichkeit als "jämmerlich" beleidigt, die Vergesslichkeit hingegen als Ausdruck der "Scham" entschuldigt, bleibt sein Geheimnis. Grass Plädoyer für die Erinnerungslücke in eigener Sache wird so der Garant seiner pessimistischen Vision, mit der "Der Krebsgang" schließt: "Das hört nicht auf. Nie hört das auf."
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