Buchkritik

Warum formiert sich bei der neuen Arbeiterklasse kein Protest?

Deutschland ist gespalten, die Kluft zwischen Arm und Reich wird größer. Julia Friedrichs hat ein Buch geschrieben, in dem sie sich den Problemen stellt.

Stella Jaeger
3 Min
Die Journalistin und Autorin Julia Friedrichs, Verfasserin des Buches „Working Class“.

Die Journalistin und Autorin Julia Friedrichs, Verfasserin des Buches „Working Class“.

© Piper Verlag/Andreas Hornoff

Lange ist bekannt, dass immer größere Teile der Bevölkerung mit prekären Arbeitsverhältnissen, Soloselbstständigkeit und Leiharbeit zu kämpfen haben. Während das Vermögen der oberen fünf Prozent wächst, stagnieren die Einkommen der unteren 50 Prozent. Betroffen sind vor allem die Jahrgänge, die nach 1964 geboren sind, also die Kinder der sogenannten Babyboomer, so Friedrichs. Die Mehrheit der heute unter 45-Jährigen kann mit keiner lebenssichernden Rente mehr rechnen. Das einstige Aufstiegsversprechen „Ihr werdet es einmal besser haben“ entpuppt sich, so die Autorin, als Farce. 

Drei Sozialreportagen zeigen den Umbruch

Empörung ist da, doch der Aufstand bleibt aus. Der Stillstand erklärt sich aber nicht allein aus der handlungsunwilligen Politik, wie Friedrichs schreibt, sondern auch aus einem anderen Phänomen: Die neue „Working Class“ sei keine geschlossene Einheit mehr, sondern bestehe aus Einzelkämpfern. Heute sei die Berufswelt viel stärker von Frauen und Migranten bestimmt, also von heterogenen Gruppen. Neben den Ungelernten seien es auch Akademikerinnen und Akademiker, die sich ihr Leben kaum mehr leisten können.

Infos zum Buch
Piper Verlag

Infos zum Buch

Julia Friedrichs: „Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können“, Piper-Verlag, München 2021. 320 S., 22 Euro.

Für ihr Buch begleitet die preisgekrönte Journalistin in mehreren Sozialreportagen drei Protagonisten der Arbeiterklasse: Alexandra, eine Musiklehrerin; Sait, einen Berliner U-Bahnhof-Reiniger, und Christian, einen Firmenmitarbeiter. An ihnen macht Friedrichs den sozialen Umbruch fest.

Eine wertvolle Analyse

Die Geschichten berühren und sind aufrüttelnd erzählt. Friedrichs Buch liest sich tatsächlich wie das Drehbuch zu einer ARD-Reportage. Was im Film aber als Exemplifizierung sozialer Sachverhalte anhand von konkreten Beispielen für emotionale Effekte sorgt, führt in dem Text leicht zu Ermüdungserscheinungen. Die Detailpräzision in der Beschreibung von Lebensumständen mag in einer Fernsehreportage berechtigt sein, im Buch aber langweilt sie. Das durchgehende Anprangern der Babyboomer-Generation ermüdet außerdem. Die vorgeführten sozialen Probleme sind gravierend und drohen die Gesellschaft zu zerreißen. Das stimmt. Allerdings sollten sie politisch analysiert und bekämpft, aber nicht als Generationenkonflikt verhandelt werden.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Dennoch ist Julia Friedrichs Analyse wertvoll für die Debatte. Sie stellt genau zur richtigen Zeit die Frage, wie die Politik nun auf die wirtschaftliche Krise nach der Pandemie reagieren soll. Wer wird am Ende die Kosten tragen? Die untere Hälfte der Gesellschaft – oder werden auch die Vermögenden zur Verantwortung gezogen? Dieses Buch lädt zum Debattieren ein.

Wertung: 3 von 5 Punkten

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner