Sie werden von ihrer Familie regelmäßig besucht und umsorgt - jene jungen Männer, die im Gefängnis sitzen, weil sie ein Verbrechen im Namen der Ehre begingen. Sie haben eine Schwester getötet oder eine Cousine, die sich nicht gemäß der Tradition verhielten. Als Grund genügte, dass die Frauen den Mann nicht mehr wollten, den die Familie für sie ausgesucht hatte, dass sie einen Freund hatten, der nicht gefiel oder dass sie einfach lebten wie sie wollten - wie die 23-jährige Hatin Sürücü, die vor einer Woche auf offener Straße in Tempelhof erschossen wurde. Die Polizei hat inzwischen drei Männer als mutmaßliche Täter verhaftet, es sind ihre Brüder, zwischen 18 und 25 Jahre alt. Es heißt, sie wollten nicht hinnehmen, dass Hatin Sürücü kein Kopftuch trug und ausging wie es ihr gefiel. Die Ermittler vermuten, die eigene Familie wollte die junge Frau für ihren Lebenswandel bestrafen. Marius Fiedler, Leiter der Jugendstrafanstalt Plötzensee, kennt solche Taten zur Genüge. Seit 1980 arbeitet er im Strafvollzug, seit 1980, sagt er, komme das immer wieder vor. Von einer Zunahme solcher Delikte will Fiedler nicht sprechen, obwohl seit Oktober vergangenen Jahres bereits fünf Frauen in Berlin getötet wurden, vier davon von ihren türkischen Männern. Vermutlich ging es jedes Mal um Gewalt im Namen der Ehre - sie liegt immer dann vor, wenn Übergriffe vom Täter damit begründet werden, er müsse die Ehre der Familie schützen oder verteidigen. In der Türkei ist die Ehre des Mannes oft abhängig von einem "ehrbaren" Verhalten seiner weiblichen Familienangehörigen. Verstoßen sie dagegen, gilt der Mann als entehrt. Bei vielen Taten verbergen sich hinter dem "Ehrverbrechen" allerdings auch Eifersucht oder Habgier, weil ein Mann Geld verliert, wenn die Frau ihn verlässt. Keine StatistikSechs von den 529 Gefangenen der Jugendstrafanstalt verbüßen derzeit eine Haftstrafe von sechs Jahren und mehr wegen eines Tötungsdeliktes, bei dem es um solche Ehrverletzungen ging. Es sind zehn Prozent aller Gefangenen, die wegen Mordes oder Totschlags sitzen. Die sechs sind 18 Jahre und älter, sie haben keine Vorstrafen wegen Gewaltdelikten wie andere jugendliche Häftlinge, sie wurden meist wegen Totschlags verurteilt. Es sind Türken und Libanesen. Einer kommt aus Afghanistan. Er war 16, als er einem Verwandten half, seine Tante zu töten. Diese war Witwe und hatte sich geweigert, nach altem afghanischem Brauch ihren Schwager zu heiraten. Es mag zunächst erstaunlich klingen, dass die meisten dieser Täter in Deutschland aufwuchsen. Aber gerade im Ausland werde besonders stark an alten Traditionen festgehalten, sagt Fiedler. Aus seiner Sicht geht es den Tätern vor allem um Anerkennung, die sie anderweitig nicht bekommen. Ein Bruder, der seine Schwester im Namen der Ehre tötet, erlange Ansehen und Respekt sowohl innerhalb der Familie als auch in seiner Clique, sagt Fiedler. Es gibt keine Statistik darüber, wie viele Frauen in Berlin oder in Deutschland Opfer solcher Gewalttaten wurden. Die Uno geht von 5 000 Ehrmorden aus, die jedes Jahr weltweit geschehen. Von den europäischen Ländern werden in ihren Berichten Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Italien, Schweden und Norwegen genannt. Papatya, eine Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen in Berlin, hat für eine Studie "Gewaltdelikte im Namen der Ehre" zusammengestellt, über die zwischen 1996 und 2004 in den Zeitungen berichtet wurde. Danach gab es 13 Tote in Berlin und weitere 32 in den restlichen Bundesländern. Zweifel an der Tat Gewalt im Namen der Familie wird häufig von der Mehrheit der Familienmitglieder unterstützt und auch gefördert. Selbst Frauen beteiligen sich. In Berlin hat vor zwei Jahren eine 62-Jährige mit einem Hammer und einem Messer auf ihre Tochter und deren neuen Lebensgefährten eingeschlagen, weil die Mutter diese Beziehung nicht wollte. Die Tochter sollte zu ihrem Ehemann zurückgehen. Die beiden Opfer konnten sich retten. Anstaltsleiter Fiedler ist überzeugt, dass solche Tötungsdelikte vorher in der Familie abgesprochen werden. Bei manchem Jugendlichen haben er und die Psychologen der Anstalt allerdings "viele Zweifel", ob der jüngste Bruder tatsächlich derjenige war, der die Schwester oder Cousine erschossen hatte, obwohl er das immer wieder sagte. "Da ist einer 15, hat seine Schwester über alles geliebt, vorher nie eine Pistole in der Hand gehalten und soll dann sofort getroffen haben, das kommt einem doch komisch vor", sagt Fiedler. Er vermutet vielmehr, dass der älteste Bruder oder gar der Vater die Tat begingen. Der Jüngste sollte dann im Auftrag der Familie den Mord auf sich nehmen, weil er als Jugendlicher nicht so hart bestraft werden kann. Die Höchststrafe ist nach Jugendstrafrecht zehn Jahre.In der Haft sieht sich so ein Jugendlicher dann keineswegs bestraft, im Gegenteil: Sie fühlten sich eher wie Märtyrer, sagt Fiedler. Mit diesen Jugendlichen hat die Anstalt kaum Probleme. Sie nutzen die Zeit, um die Schule zu beenden oder einen Beruf zu erlernen. Mütter und Geschwister kämen regelmäßig zu Besuch und "schleppen dann alles heran, damit es ihnen gut geht", sagt Fiedler. Die Väter hingegen lassen sich nur selten sehen. Sie bleiben lieber im Hintergrund.------------------------------Jugendhaft // Die Jugendstrafanstalt Berlin ist eine der größten Haftanstalten Deutschlands. In den Gebäuden am Friedrich-Olbricht-Damm in Charlottenburg sind derzeit 529 männliche Jugendliche zwischen 15 und 26 Jahren untergebracht. Kinder unter 14 Jahren gelten als strafunmündig. Als Untersuchungshaft dient der Bereich Kieferngrund in Lichtenrade mit weiteren 60 Plätzen. Außerdem gibt es noch eine Jugendarrestanstalt ebenfalls in Lichtenrade mit 35 Plätzen für männliche und weibliche Gefangene. Die meisten Häftlinge sind wegen Gewaltdelikten wie Raub (28 Prozent) und Körperverletzung (13 Prozent) inhaftiert. Wegen Mordes wurden sechs Prozent verurteilt, wegen Totschlags vier Prozent. Sexualdelikte haben ebenso wie Drogendelikte einen Anteil von je vier Prozent. Diebstahl macht 19 Prozent aus. Bei einer Verurteilung hat der Erziehungsgedanke Vorrang. "Der Verurteilte soll dazu erzogen werden, künftig einen rechtschaffenen und verantwortungsbewussten Lebenswandel zu führen", steht im Jugendgerichtsgesetz. Für bestimmte Delikte gibt es deshalb keine fest vorgeschriebene Strafhöhe. Die Höchststrafe im Jugendstrafrecht beträgt zehn Jahre. Sie wird bei Mord verhängt, und das auch nur sehr selten. Die Jugendstrafanstalt kann seit Dezember 2003 jederzeit im Internet besucht werden unter www.jugendstrafanstalt- berlin.de.------------------------------Das Opfer // Die 23-jährige Hatin Sürücü wurde am Abend des 7. Februar kurz vor 21 Uhr an der Straße am Oberlandgarten in Tempelhof an einer Bushaltestelle erschossen. Eine Woche suchten Polizisten nach den Tätern. Am vergangenen Sonntag nahm die Polizei drei Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren fest. Es sind ihre Brüder, sie wuchsen als Kinder türkischer Eltern in Berlin auf. Einer von ihnen soll die Waffe besorgt, ein anderer geschossen haben. Seit Montag sitzen die Männer in der Untersuchungshaft- anstalt Moabit. Mit 16 Jahren wurde Hatin Sürücü von ihren Eltern mit einem Cousin verheiratet. Das Paar lebte fortan in Istanbul. Als sie 17 war, kam ihr Sohn auf die Welt. Nach der Geburt trennte sich Hatin Sürücü von ihrem Mann und zog zurück nach Berlin. Sie lebte zunächst in einem Wohnheim für minderjährige Mütter. Sie schloss die Hauptschule und dann eine Ausbildung als Elektroinstallateurin ab. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Türkin für ihren Lebenswandel und die verletzte Ehre von der eigenen Familie bestraft werden sollte. Hatin Sürücü trug kein Kopftuch. Sie lebte allein in einer Wohnung, ging oft aus, traf sich mit vielen Freunden und Bekannten. Ein Bruder soll die Schwester bereits massiv bedroht haben. Die junge Frau hatte deswegen Anzeige erstattet, die Anzeige später aber wieder zurückgenommen. Dieser Bruder gehört nicht zu den Festgenommenen.------------------------------"Die Täter werden von ihren Familien im Gefängnis verwöhnt." Marius Fiedler, Leiter der Jugendstrafanstalt Plötzensee------------------------------Foto: Marius Fiedler leitet die Jugendstrafanstalt.------------------------------Foto: Hatin Sürücü, das Opfer------------------------------Foto: Hinter Gittern: Sechs von 529 Häftlingen in der Jugendstrafanstalt Plötzensee töteten, weil sie die Ehre ihrer Familien verletzt sahen.
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