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Gianni Versace gründete seine Marke mit dem Medusenhaupt als Emblem. Dieses Bild der Schlangenhaar-Gorgone besitzt eine kaum zu widerstehende Anziehungskraft. Versace: „Wer sich in sie verliebt, kann ihr nicht entkommen.“
Warum ist der Mensch so von der Schlange fasziniert? Im „Kleinen Prinzen“ gibt es eine berühmte Szene. Frage des kleinen Prinzen: „Warum sprichst du immer in Rätseln?“ Die Schlange antwortet: „Weil ich alle Antworten kenne.“
Dieses weltweit in unzählige Sprachen übersetzte Märchen berührt Millionen Menschen allein durch seine Sprache. Unter den darin vorkommenden Tieren – der Schlange, dem Fuchs, dem Schaf und dem Elefanten – ist die Schlange zweifellos eines der zentralen Wesen.
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Ein Wesen, das alle Geheimnisse durchschaut
Die Geschichte beginnt mit einer Zeichnung: einer Riesenschlange, die einen Elefanten verschluckt hat. Erwachsene sehen darin nur einen Hut. Von da an hört der Pilot auf zu zeichnen – bis er dem kleinen Prinzen begegnet.
Auf der Erde trifft der kleine Prinz als erstes Wesen ebenfalls auf eine goldene Schlange. Sie sagt zu ihm: „Auch unter Menschen wirst du dich einsam fühlen.“ „Ich bin mächtiger als der Finger eines Königs.“ „Ich kann dich an einen sehr fernen Ort bringen.“ Am Ende ist es die Schlange, die dem kleinen Prinzen hilft, zu seinem Planeten zurückzukehren.
Der Fuchs lehrte den kleinen Prinzen, das goldene Weizenfeld zu lieben und den Wind darin zu hören. Die Schlange hingegen bleibt wie ein Wesen, das alle Geheimnisse durchschaut. Sie scheint seine Gedanken zu kennen, noch bevor er sie selbst ausspricht.
Was Jesus seine Jünger lehrte
Auch in einem anderen der meistgedruckten Bücher der Welt, der Bibel, erscheint die Schlange bereits am Anfang. Sie besitzt eine übermenschliche Weisheit und kennt das Geheimnis des Baumes der Erkenntnis. In den Sprüchen heißt es sogar: „Der Weg der Schlange auf dem Felsen ist unerforschlich.“ Moses fertigte auf Gottes Geheiß eine eherne Schlange an; wer sie anschaute, wurde geheilt. Und Jesus lehrte seine Jünger: „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“
In der westlichen Zivilisation steht die Schlange somit zugleich für Versuchung, Weisheit, Heilung und Erlösung. In der chinesischen Schöpfungstradition ist sie sogar ein göttliches Urwesen.
In alten Überlieferungen erscheinen Fuxi und Nüwa als Wesen mit Menschengesicht und Schlangenkörper. Sie erschufen die Acht Trigramme und brachten die Ordnung der Welt hervor. Die Schlange steht hier für Lebenskraft, Erneuerung und die zyklische Natur des Seins.
Das Emblem der Weltgesundheitsorganisation zeigt eine Schlange, die sich um einen Stab windet, den sogenannten Asklepiosstab.
© Andreas Haas/Imago
Mythologisch enge Verbindung zum Drachen
In China wird die Schlange oft als „kleiner Drache“ bezeichnet. Der Drache selbst ist mythologisch eng mit der Schlange verbunden. Im „Shanhaijing“ finden sich zahlreiche Wesen, die mit Schlangen in Verbindung stehen. Die Legende der „Ba-Schlange, die einen Elefanten verschluckt und erst nach drei Jahren die Knochen ausspeit“ verstärkt ihr geheimnisvolles Bild.
Bis heute ist die Schlange tief in der menschlichen Kultur verankert. Das Emblem der Weltgesundheitsorganisation zeigt eine Schlange, die sich um einen Stab windet. Der Stab des Asklepios im antiken Griechenland ist bis heute ein Symbol der Medizin. Auch der Caduceus des Hermes mit den zwei Schlangen steht für Handel, Austausch und Frieden. Mit zunehmendem Alter habe ich noch einen weiteren Grund entdeckt, warum mich Schlangen faszinieren.
Ich blicke oft in den Nachthimmel. Dort sehe ich die Rose vom Planeten des kleinen Prinzen – und auch meine Katze Wukong, die bereits zur „Katzensternwelt“ gegangen ist. Jedes Mal, wenn ich hinaufschaue, spüre ich einen leichten Schmerz in den Augen.
Ich blicke auch oft auf die Weizenfelder. Goldene Wellen im Wind erinnern mich an das Haar des kleinen Prinzen. Der Fuchs lernte, das Weizenfeld zu lieben, doch für mich ist es oft mit Sehnsucht und Traurigkeit verbunden.
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Die Weisheit des Malers
Das Leben ist manchmal so: Gerade wenn man sich zum Gehen wendet, begegnet man plötzlich wieder jemandem. Und dieser Name wird zu einer der weichsten Stellen im Herzen. Dann denke ich an die Schlange.
Die Schlange weiß zu schlafen, zu schweigen und ihre Wunden in langen Wintern zu verbergen. Sie ist kühl und still, doch unter der Oberfläche vollzieht sie eine stille Verwandlung: Sie häutet sich, lässt die alte Haut zurück und wird neu. Wenn der Frühling kommt, kriecht sie wieder ans Licht.
Die erwachte Schlange erinnert sich vielleicht noch an den Schmerz, doch ihr Inneres ist ruhig geworden – so ruhig wie stehendes Wasser. Vielleicht liegt genau darin ihre Faszination. Sie verkörpert eine seltene Lebenskraft: Gelassenheit, Unabhängigkeit, innere Stärke und die Fähigkeit zur ständigen Erneuerung.
Die Schlange zeigt sich nicht laut. Sie beobachtet, wartet und handelt im richtigen Moment. Sie gehört keiner Gruppe an und folgt keiner, sie geht ihren eigenen Weg. Vor allem aber besitzt sie die Fähigkeit, sich immer wieder zu erneuern. Indem sie ihre Haut abstreift, lässt sie die Vergangenheit hinter sich und beginnt von Neuem.
Vielleicht bewundern wir die Schlange nicht wegen ihres geheimnisvollen Äußeren, sondern wegen dieser Eigenschaften: Weisheit, Ruhe, Unabhängigkeit, innere Kraft und den Mut zur Wiedergeburt. Der chinesische Maler Huang Yongyu sagte einmal: „Der Weg ist kurvenreich – deshalb habe ich einen weichen Körper.“
Liqun Martz wurde in der V.R. China als Liqun Yang geboren. Sie war zunächst als Projektbeauftragte und Devisenhändlerin im Bankwesen tätig und lebt seit 1999 in Deutschland. Heute ist sie im Bereich der internationalen Geschäftsentwicklung für ein Berliner Auktionshaus tätig und Mitgründerin von Time Matter Lab™, einem internationalen Kultur- und Business-Projekt, das Berlin mit Asien verbindet. Sie findet Schlangen intelligent, ruhig, unabhängig, flexibel und faszinierend und sammelt selbst Schmuck, Kunstgegenstände und Literatur, die sich mit diesen Reptilien beschäftigen.
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