Warum zwei Emirate englische Fußballklubs besitzen wollen

Und Mike Tyson gibt es obendrauf

Martin Henkel
4 Min

BERLIN. Schon wieder Holger Heims. Ende vergangener Woche erst hatte der deutsche Firmenberater ausgeplaudert, er prüfe im Auftrag von Kunden den Einstieg bei einem europäischen Fußballklub, auch beim FC Chelsea, Klub des jüngst ein wenig verarmten Oligarchen Roman Abramowitsch. Und nun, nicht einmal fünf Tage später, trat er wieder auf den Plan. Dieses Mal verkündet der Deutsche: "Ja, wir werden Chelsea ein Angebot unterbreiten." In aller Freundschaft, versteht sich, eine feindliche Übernahme käme nicht in Betracht.Die wäre auch gar nicht drin. Denn was Abramowitsch nicht verkaufen will, kann Heims ja gar nicht erwerben: Chelsea hat keine Aktien am Markt. Doch war dieser Zusatz schon kein Raisonnement mehr wert. Die Weltpresse titelte: Deutscher will den FC Chelsea kaufen!An der Stamford Bridge hat man es nach dem heftigen Dementi vorigen Freitag nun am Dienstag vorgezogen, zu schweigen. Wieso sollen sie auch ernst nehmen, was ökonomisch so unsinnig erscheint, wie der Versuch, im englischen Fußball Renditen zu erzielen, gar mit dem FC Chelsea, der Abramowitsch seit seinem Einstieg vor 2003 Jahren keinen einzigen Penny eingebracht hat. Und was ja so augenscheinlich weniger auf Rendite ausgerichtet ist, sondern auf Aufmerksamkeit.Der Wert der öffentlichen Wahrnehmung durch die Akquise eines Premier-League-Vereins ist hoch, selbst der Versuch bringt Schlagzeilen, Bilder und Texte. Dr. Sulaiman Al-Fahim könnte das bezeugen, auch Scheich Mansur Bin Sajid al-Nahjan. Beide stehen seit vergangenen Sommer Manchester City vor: Scheich Mansur als Präsident und Financier, Al-Fahim als sein Statthalter. In Großbritannien sind sie bekannt wie Premier Gordon Brown und, seit einer 125-Millionen-Euro-Offerte für den Brasilianer Kaka vom AC Mailand, auch weltweit.Scheich Mansur ist der Halbbruder von Scheich Khalifa bin Sajid al-Nahjan, dem Herrscher von Abu Dhabi. Das Emirat am Persischen Golf sitzt auf neun Prozent der weltweit bekannten Erdölvorkommen. Nur, wie lange noch? Geologen zufolge sind die Vorkommen in 70 bis 90 Jahren erschöpft. Um sich selbst und die 850 000 Einwohner auf diese Zeit vorzubereiten, treibt die Scheichfamilie die Unabhängigkeit vom Öl voran. Unter anderem gründete sie die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA), den weltweit größten Staatsfonds mit einem Investitionsvolumen von geschätzten 850 Milliarden Dollar.Die Fondseinlagen fließen in den Bau künstlicher Inseln (Al Lulu), neuer Stadtteile (New Khalifa City), Hotels (Emirates Palace), Museen (Guggenheim, Louvre-Ableger) oder Universitäten (Filialen der New York University und der Sorbonne). Über die ADIA hält Abu Dhabi Anteile an Banken (Citi-group), an Autoherstellern (Ferrari) und Filmstudios (Warner Brothers). Was bislang fehlte: das Emirat als eigenständige Marke abzugrenzen gegen den Nachbarn Dubai, der sich vor Jahren schon als Finanz- und Tourismusplatz Nummer eins im Nahen Osten etabliert hat.Seit Gründung der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) 1971 dominieren Dubai und Abu Dhabi die weiteren fünf Emirate zwischen Persischem Gold und Golf von Oman. Und sie pflegen eine lange währende Rivalität. Nirgendwo ist die Gegnerschaft sichtbarer als im Sport, ob im Tennis, im Golf, im Reiten, in der Formel 1 oder eben im Fußball. Dubai, dessen Ölfelder in knapp 20 Jahren trocken sein werden, hatte dabei die Aufmerksamkeit der Welt lange auf sich gezogen. Doch Abu Dhabi hat aus den Versäumnissen gelernt. 2008 sicherte sich das Emirat die Rechte am Abschlussrennen der Formel-1-Saison. Den dritten Boxkampf zwischen Evander Holyfield und Mike Tyson gibt es in der Nacht vor dem Start obendrauf.Im Fußball, speziell in der englischen Liga, ist Abu Dhabi mittlerweile sogar präsenter. Bereits der Kauf von Manchester City hat den der Namensrechte am Stadion des FC Arsenal über die Dubaier Fluggesellschaft Emirates in den Schatten gestellt. Die angepeilte Verpflichtung von Kaka war der zweite Streich.Mit dem angeblichen Kauf von Chelsea folgt nun der dritte. Dass die Statuten der Uefa es untersagen, zwei Vereine aus dem gleichen Wettbewerb zu besitzen und deshalb auch nur einer der beiden Klubs an der Champions League teilnehmen könnte, dürfte den Arabern egal sein: Die Scheinwerferkegel bleiben vorerst auf sie gerichtet.Doch Vorsicht ist geboten: Scheich al-Maktum schaut dem Treiben des Rivalen nicht tatenlos zu. Schon 2006 hatte Dubais Regent dem FC Liverpool ein Angebot unterbreitet, sich nach Gesprächen der Klubspitze mit den heutigen Besitzern Tom Hicks und George Gillet jedoch wieder zurückgezogen. Nun bereitet er eine zweite Offerte vor, zumal sich Hicks verkaufswillig zeigt. Spätestens im Sommer soll der Deal über die Bühne gehen.------------------------------Der Wert der öffentlichen Wahrnehmung durch die Akquise eines Premier-League-Klubs ist hoch, selbst der Versuch bringt Schlagzeilen.------------------------------Foto : Der Scheich ist reich: Ein englischer Fan gibt Manchester Citys Financier Mansur.

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