Jürgen W. Möllemann war der begabteste Berufspolitiker der FDP. Über Jahrzehnte hat er immer wieder die Definition Richard von Weizsäckers bestätigt, ein Berufspolitiker sei "im Allgemeinen weder ein Fachmann noch ein Dilettant, sondern ein Generalist mit dem Spezialwissen, wie man politische Gegner bekämpft". Niemand hat gezählt, wie viele Gegner - vorzugsweise in der eigenen Partei - Möllemann ausgeschaltet, weggestoßen, matt gesetzt und überrumpelt hat. "Du intrigantes Schwein" war mehr als nur die wütende Beschimpfung einer unterlegenen Rivalin, das Wort brachte die politische Existenz Jürgen W. Möllemanns nahezu auf den Begriff. Doch zur Vollendung führte er die Technik, jeden Gegner mit jedem Mittel zu beseitigen, erst in diesen Tagen an sich selbst: Ohne Jürgen W. Möllemann hätte Guido Westerwelle noch lange seinen Kopf fordern können - hätte Möllemann mit der Spendenaffäre nicht selbst den Kopf auf den Richtblock gelegt, würden die tapferen Führungskräfte der FDP vermutlich noch immer über die Formulierung der Anklage, die Besetzung des Gerichts, den Zeitpunkt des Urteils und den Ort der Vollstreckung beraten. Möllemann hat sich selbst erledigt - blitzschnell und brutal, wie es seine Art ist -, sein politischer Selbstmord verdient bestimmt keinen Respekt, aber eben doch die Bemerkung, dass er sich selbst darin noch als Berufspolitiker seinen innerparteilichen Widersachern turmhoch überlegen zeigte.Gewiss, er war untragbar. Aber das war er schon lange, so lange schon, dass man sich wundern durfte, wie lange die FDP ihn trug. Die Partei ließ ihn nicht fallen, als er seinen Streifzug im Dickicht antisemitischer Ressentiments begann, sie distanzierte sich von ihm, aber ließ ihn nicht fallen, als der - längst vergessene - Herr Karsli, der Kritik an Israel und kruden Antisemitismus so beklagenswert schlecht auseinander zu halten vermochte, mit Protektion Möllemanns in die Düsseldorfer Landtagsfraktion der FDP aufgenommen werden sollte.Und Westerwelle, was tat Westerwelle? Er hat gezeigt, dass manche Berufspolitiker nicht einmal die geringe Qualifikation erfüllen, die von Weizsäckers Definition verlangt. Zu spät hat er begriffen, dass Möllemann mehr war als ein ewiger Störenfried. Er war der rücksichtsloseste politische Gegner seiner Karriere. Zu spät hat er gelernt, dass der Vorsitzende einer Partei Autorität nicht durch die Bekundung von Entschlossenheit gewinnt, sondern durch Entschlossenheit, und viel zu spät hat er sich auch an die Losung erfolgreicher Berufspolitiker erinnert: "Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um. " Möllemann hat den Kampf verloren, aber Westerwelle hat ihn nicht gewonnen. Denn in Erinnerung wird nicht bleiben, dass Möllemann schließlich im Sumpf einer Spendenaffäre verschwand, merken wird man sich, dass er trockenen Fußes über die Kloake seiner diffusen antisemitischen Ausflüsse wandelte. Nicht der Ekel über diese Form des politischen Wettbewerbs hat den Bruch mit Möllemann bewirkt, sondern erst die - nicht unbegründete - Sorge, den Wettbewerb damit auf Dauer nicht gewinnen zu können. Und selbst der Bruch, den Westerwelle noch am Abend der für die FDP desaströsen Bundestagswahl verkündete, hat Möllemann nicht zu stürzen vermocht - nicht das antiisraelische Wahlkampf-Flugblatt hat über sein Schicksal entschieden, erst die Vermutung trüber Quellen, aus denen es sich finanzierte.Das Problem Jürgen W. Möllemann hat sich von selbst erledigt, das Problem Guido Westerwelle aber wird bleiben. Einerseits hat sich der FDP-Vorsitzende als mutloser Zauderer erwiesen, dem vielleicht nicht die notwendige Härte, im entscheidenden Augenblick aber die Übersicht fehlt, andererseits ist außer ihm weit und breit kein FDP-Politiker in Sicht, der den Führungsanspruch zumindest rhetorisch so überzeugend zu formulieren verstände. Nicht nur die Partei hat dadurch ein Problem mit Westerwelle, der Vorsitzende hat eines mit der FDP - nach dem Abgang Möllemanns hat sie auf Bundesebene kaum noch Spitzenpolitiker vorzuweisen, die sich dem Publikum als interessant empfehlen. Die Provinzialisierung der deutschen Politik, seit Jahren bei allen Parteien unübersehbar, findet in der FDP ihren dramatischsten Ausdruck - in einzelnen Bundesländern verfügt sie über einige passable Figuren, deren Renommee und Perspektive an den Landesgrenzen enden, doch wer die Bundestagsfraktion betrachtet, erkennt nach dem Abgang der bunt schillernden Figur Jürgen W. Möllemanns nur noch - gedecktes Grau."Du intrigantes Schwein" war mehr als nur die wütende Beschimpfung einer unterlegenen Rivalin, das Wort brachte die politische Existenz Möllemanns nahezu auf den Begriff.
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