was halten Sie von der Flut der Jahresrückblicke im Fernsehen?

Lieber Herr Thadeusz,

Jörg Thadeusz
3 Min

Das Fernsehen meint es eigentlich gut mit seinen Zuschauern und ist oft ganz nah dran am Leben. Die 35-jährige Publizistik-Studentin aus Friedrichshain möchte wissen, ob sie am nächsten Tag endlich ihre Gummistiefel mit den lustigen Blumen tragen kann. Das Fernsehen verspricht ihr im Wetterbericht einen prächtigen Dauerregen. Der 39-jährige Verkaterte aus Pankow kann am Sonntagvormittag seine Geisteskraft noch nicht komplett abrufen. Das Fernsehen beruhigt ihn mit einer unaufgeregten Bildregie und sonor brummenden Journalismus-Schlaumeiern im ARD-Presseclub.Manchmal macht das Fernsehen aber auch Sachen, die mit unserem Leben überhaupt nichts zu tun haben. Meine Freunde wären verstört, wenn ich Sat.1-Britt einladen würde, damit wir ihr gestehen, wann wir klauen oder welche Schimpfwörter wir im Bett benutzen. Was hübsche Jungs und stramme Mädchen in "Taff" oder "Blitz" vom Teleprompter ablesen, ist für uns verzichtbare Prosa aus einer Parallelwelt.Wohl für jeden total lebensfern ist aber der Jahresrückblick. Vielleicht sollte das aber so nicht bleiben. Günther Jauchs "Millionärs"-Spiel habe ich schon in einer Großfamilie mitgespielt. Kennzeichen der wahnhaften Atmosphäre war die Tatsache, dass der Vater immer ankündigte, er würde jetzt seine Tochter Annika als Telefonjoker anrufen, obwohl die nur eine Armlänge von ihm entfernt saß. Wieso sollte sich dann nicht auch Günther Jauchs Jahresrückblick mit Begeisterung zu Hause nachspielen lassen?Die Sache mit HolgerSelbstverständlich dürfen die Rubriken Ihrer privaten Rückschau nicht so zugespitzt sein wie bei Herrn Jauch. Wenn Sie nämlich den "Glückspilz des Jahres" ausrufen, müssen sie auch den Pechvogel nennen. Davon gibt es in jedem Bekanntenkreis meistens mehr als einen. Versetzen Sie sich bitte für einen Moment in die unbehagliche Situation: Die Gäste Ihres Jahresrückblicks haben mit Wonne das von Ihnen zubereitete Bouef Bourgignon gegessen, auch ihr langjähriger Freund Holger. Den müssen Sie aber jetzt anmoderieren, weil Sie alle nicht einfach so zusammensitzen, sondern jahresrückblicken. Sie müssen also sagen: "Holger, du hast dir im Februar auf dem PC eures Lehrerzimmers Erotikseiten runtergeladen, weil du irrtümlich annahmst, das würde keiner merken. Nach deiner Suspendierung ist dir in deinem neuen Job als Paketfahrer gleich wieder ein Missgeschick passiert. Als du bei der gelben Ampel dachtest 'Das schaff' ich noch', hast du leider die fünf Hunde übersehen, die der Hundeausführer hinter sich herzog. An dem Schadensersatz wirst du noch bis 2009 abzahlen. Im Herbst hat dich dann Sabine im elften Jahr eurer Ehe für einen Mann verlassen, der erst im Februar 30 wird. Dein diesbezüglicher Selbstmordversuch schlug fehl. Was, glaubst du, findet sie an ihm, außer dass er gebaut ist wie ein Olympionike?"Was bei Ihnen mit Sicherheit besser wird als in irgendeinem Fernsehrückblick: Sie dürfen so lange und so viel trinken, bis Ihnen auch in einer "Holger"-Situation das Jahr 2007 wie ein Erfolgsjahr erscheint.------------------------------Foto : Jörg Thadeusz moderiert dienstags die Gesprächssendung "Thadeusz" im RBB- Fernsehen und sonnabends die Wissensshow "Die Profis" auf Radio Eins.

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