Es ist ein Fall, der derzeit weltweit für Entsetzen sorgt: Eine ehemalige Studentin der amerikanischen Cornell University im Bundesstaat New York wirft sieben Mitgliedern der Studentenverbindung Chi Phi vor, sie im Oktober 2024 in einem Verbindungshaus über Stunden sexuell missbraucht zu haben.
Die damals 20-Jährige, in den Medien „Jane Doe“ genannt, sei stark alkoholisiert gewesen und soll anschließend zum Konsum von Ketamin gedrängt worden sein. Nach ihrer Darstellung war sie dadurch nicht mehr in der Lage, ihre Einwilligung zum Sex zu geben.
Gruppenchat mit 57 Mitgliedern
In einem Gruppenchat der Verbindung soll die ehemalige Studentin noch weiteren Männern angeboten worden sein. Während der mutmaßliche Übergriff noch andauerte, schrieb ein Mitglied dort: „Free pussy upstairs“. In einer späteren Nachricht fragte ein anderer, ob „das Geschäft noch offen“ sei, was bejaht wurde. Der Gruppenchat hatte zu diesem Zeitpunkt 57 Mitglieder.
Auch der Umgang der Universität mit den Beschuldigten sorgt für Kritik. Die Universität Cornell leitete nach der Meldung der Studentin eine interne Untersuchung ein. Zwei Beschuldigte wurden von der Universität ausgeschlossen, zwei weitere suspendiert und einige der Beschuldigten hätten als „Strafe“ lediglich Aufsätze schreiben müssen. Die Verbindung Chi Phi wurde vom Campus ausgeschlossen.
Die Vorwürfe sind Gegenstand einer Zivilklage. Nachdem die strafrechtlichen Ermittlungen zunächst ohne Anklage beendet worden waren, wird der Fall inzwischen erneut untersucht.
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Im Netz hat die Geschichte eine hitzige Debatte ausgelöst. Mich hat sie sofort an meine eigene Zeit an einer amerikanischen Universität erinnert.
In den USA ein riesiges System, bei uns kaum bekannt
2023 war ich für einen Studierendenaustausch einige Wochen an der Indiana University in Bloomington, kurz IU. Ich war gerade einmal 22 Jahre alt und kannte das amerikanische System von Bruderschaften und Schwesternschaften – auf Englisch Fraternities und Sororities genannt – kaum. Dann lief ich durch Bloomington, eine vergleichsweise liberale Stadt mitten in einem konservativen Bundesstaat, und stand plötzlich vor der sogenannten Greek Road: einer Straße voller riesiger Studentenverbindungshäuser.
Fraternities und Sororities sind ein fester Bestandteil des amerikanischen Campuslebens. Zurzeit existieren in den Vereinigten Staaten rund 27.000 registrierte studentische Verbindungen und Ortsgruppen mit 750.000 aktiven Mitgliedern – zusammen mit allen ehemaligen Mitgliedern (Alumni) sind es neun Millionen Menschen.
Die Verbindungen tragen griechische Buchstaben im Namen, haben eigene Häuser und verstehen sich als Gemeinschaften. Es geht um Freundschaften, gemeinsames Wohnen und Partys, aber auch um Netzwerke, akademische Unterstützung und Karriere.
Teil dieser Welt zu werden, kostet Geld – und zwar nicht wenig. Je nach Verbindung können die Mitgliedsbeiträge zwischen Hunderten bis mehreren Tausend Dollar pro Jahr liegen. Wer im Verbindungshaus wohnt, kann mit zusätzlichen fünfstelligen Kosten pro Jahr rechnen. An der Indiana University ist „Greek Life“, so der Oberbegriff für das Verbindungssystem, besonders groß: Rund 8000 Studierende gehören dazu – etwa ein Viertel der Undergraduates.
Was von außen wie eine amerikanische Variante des typischen Studentenlebens aussieht, sollte ich in Bloomington schnell von einer anderen Seite kennenlernen.
„Geh da auf keinen Fall hin“
Ich lief gemeinsam mit Molly, damals IU-Studentin und Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Senders WTIU in Bloomington, durch die Greek Road. Links und rechts standen die Häuser: Alpha Sigma Phi, Delta Kappa Epsilon, Pi Kappa Phi, Chi Omega, Delta Gamma, Kappa Kappa Gamma und so weiter. Große Gebäude. Gepflegte Vorgärten. Teilweise standen Löwenstatuen vor den Eingängen. Namen und Wappen prangten an den Fassaden.
Eine Studentenverbindung auf der Greek Road in Bloomington, Indiana im April 2023
© Jacqueline Albrecht/Berliner Zeitung
Molly zeigte auf einzelne Häuser. „Geh nicht dahin.“ Ein paar Meter weiter: „Auf gar keinen Fall da rein.“ Und dann: „Die sind besonders schlimm.“ Und letztendlich: „Dort wirst du definitiv vergewaltigt.“
Molly selbst war in keiner Verbindung. Trotzdem hatte sie eine klare Meinung über das System. „Man kauft sich Freunde“, sagte sie mir. Tatsächlich sind viele Verbindungen historisch von wohlhabenden Familien geprägt. „Und wer nicht aufgenommen wird, gilt schnell als uncool. Das sind dann alle diejenigen, die in dieser Welt einfach nicht dazugehören“, ergänzt Molly.
Ich hatte das vorher nie so betrachtet. Für mich waren Fraternities und Sororities bis dahin vor allem ein amerikanisches Klischee gewesen: große Häuser, Collegepartys, griechische Buchstaben. In Bloomington merkte ich, dass dahinter ein enormer sozialer Druck stehen kann. Ich sah junge Frauen nervös vor Räumen sitzen, in denen ihre Aufnahmegespräche stattfanden. Sie wollten unbedingt dazugehören, Teil einer Gruppe sein, einen Platz in einer Gemeinschaft bekommen, die auf dem Campus sichtbar Macht und Prestige besaß.
Aufnahmerituale, die teilweise tödlich enden können
Hat man es dann wirklich geschafft, ist man drin. Man gehört zu den Privilegierten, zu denen, die es sich leisten können, zu einer vermeintlichen Gemeinschaft. Doch die Neuen müssen sich erst einmal einer Reihe von Aufnahmeritualen unterziehen – darunter auch solche mit gefährlichem Alkoholkonsum, die in der Vergangenheit für einige Studenten tödlich endeten.
Lizzy, die ebenfalls bei WTIU arbeitete, erzählte mir von einem Aufnahmeritual speziell für Frauen. Es trägt den Namen „blow or blow“: Entweder zieht eine Frau eine Line Kokain oder sie befriedigt einen Mann aus einer Bruderschaft oral. Dass mir eine junge Frau so etwas als Teil ihrer Campusrealität erzählte – und das auch noch mit einem Kichern und einer vermeintlichen Normalität in ihrem Ausdruck –, schockierte mich.
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Ich nahm Kontakt zu Amy auf, einer Studentin, die Mitglied der Schwesternschaft Sigma Kappa war. Im April 2023 besuchte ich sie in ihrem Verbindungshaus. Im Eingangsbereich hingen Bilder früherer Mitglieder, das Haus war hübsch geschmückt. Amy erzählte mir von den Aufnahmeprüfungen. Bewerberinnen müssten unter anderem das Gründungsbuch mit seinen Regeln kennen – und würden anschließend dazu befragt.
Dann erzählte sie mir von einer Regel, die mich besonders irritierte: In ihrem Sorority-Haus durften die Frauen keinen Alkohol trinken und keine Partys veranstalten. In den Fraternity-Häusern der Männer gab es diese Regeln nicht. Ich fragte mich: Wenn Frauen selbst nicht feiern dürfen – wohin gehen sie dann?
Die Antwort lag für mich auf der Hand: zu den Partys der Männer. Und was in deren Häusern potenziell alles passieren kann, sehen wir am Fall Cornell.
Frat-Partys: Strenge Einlassregeln, wilde Exzesse
Mein 22-jähriges Ich war neugierig. Ich wollte unbedingt einmal sehen, was hinter den berühmten amerikanischen „Frat-Partys“ steckt. An einem Samstagabend machte ich mich mit Molly, ihrem Freund und zwei weiteren deutschen Frauen aus meinem Austauschprogramm auf den Weg zur Greek Road.
Es dauerte nicht lange, bis wir die erste Menschenmenge, offensichtlich partywillig, sahen. Wir schlossen uns der Menge an, bis wir vor der Tür der bekannten Fraternity Pi Kappa Phi standen. Dort wurden wir kontrolliert. Die beiden Männer aus der Verbindung machten schnell klar: Die Frauen dürfen hinein, Mollys Freund nicht. Aufgrund unserer Neugierde akzeptierten wir es.
Das Haus war groß und auf den ersten Blick beeindruckend. An den Wänden hingen viele Bilder ehemaliger Mitglieder, über dem Kamin ein großes Porträt des Gründers, überall standen Pokale und Auszeichnungen. Alles erinnerte daran, dass hier Generationen von jungen Männern gewohnt und gefeiert hatten.
Wir wurden direkt in Richtung Garten geleitet, wo die Party stattfand. Auf dem Weg dorthin kamen wir unter anderem durch einen großen, leer stehenden Raum mit fleckigen Wänden, der Boden war nass und klebrig. Überall lagen leere Plastikbecher und es roch stark nach Erbrochenem.
April 2023: Durch diesen Raum ging es zur Frat-Party im Garten.
© Jacqueline Albrecht/Berliner Zeitung
Draußen sahen wir die Meute: junge, partywütige Studierende, die meisten von ihnen mindestens angetrunken, manche in verrückten Kostümen, manche mit Cowboyhüten, die Frauen knapp bekleidet. Rote Plastikbecher, alle gefüllt mit Alkohol, und natürlich USA-Flaggen, wohin das Auge reichte.
Auf kleiner Fläche waren zu viele Menschen – viele von ihnen Frauen, die Männer anscheinend alle aus dieser oder befreundeten Bruderschaften. Die Musik war ohrenbetäubend. Wir hielten es nicht einmal fünf Minuten draußen aus und gingen wieder hinein. Auf der Toilette sahen wir mehrere Studentinnen, die sich bereits übergaben. Es war gerade einmal 23 Uhr.
Die anderen beiden deutschen Frauen fühlten sich ebenfalls zunehmend unwohl. Also begannen wir, uns im Haus umzusehen. Wir liefen durch die Räume, betrachteten die Bilder und wollten irgendwann wissen, wie die jungen Studenten dort lebten. Wir dachten nicht darüber nach, ob uns dort oben etwas passieren könnte. Wir gingen einfach die Treppe hinauf.
„Are there any sluts here?“
Vor dem Eingang zur zweiten Etage saß ein junger Mann auf einem Stuhl. Zunächst dachten wir, er sei eine Art Security. Wir erklärten ihm, dass wir aus Deutschland kämen und uns nur das Haus ansehen wollten. Er reagierte kaum. Er war so betrunken, dass wir uns nicht sicher waren, ob er überhaupt verstand, was wir sagten.
Wir gingen an ihm vorbei. Oben war es plötzlich still. Links und rechts waren die Türen zu den Schlafzimmern, manche von ihnen standen offen. Die Wände waren kahl und weiß. Wir genossen die Ruhe und liefen den Flur entlang. Dann hörten wir Schritte.
Ein junger Mann kam die Treppe herauf, öffnete die Tür zur zweiten Etage und rief laut durch den langen Flur in Richtung seiner Frat-Kollegen: „Are there any sluts here?“ – „Sind hier irgendwelche Schlampen?“
Molly, die beiden anderen Frauen und ich bekamen direkt Panik. Uns wurde bewusst, wie ausgeliefert wir der Situation waren. „We immediately need to get the fuck out of here“, sagte eine der anderen beiden Deutschen. Wir rannten die Treppe hinunter. Raus aus dem Haus. Raus auf die Straße. Zurück zum Auto, wo Mollys Freund wartete. Die Party war für uns vorbei.
Einige Tage später sprach ich auf dem Campus mit einer weiteren Studentin. Ich erzählte ihr, dass ich aus Deutschland sei und deshalb vorher keinerlei Berührungspunkte mit dem System der Bruder- und Schwesternschaften gehabt hatte – und dass ich überrascht war, wie groß Greek Life an der IU ist. Und ich schilderte, was uns auf der Party widerfahren war. Dann sagte sie einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe:
Gefühlt jedes Semester stirbt hier jemand an Alkoholmissbrauch, und jedes Semester wird eine vergewaltigt. Aber das interessiert hier niemanden wirklich, weil die Universitäten viel Geld von den Verbindungen bekommen.
Studentin der Indiana University
Sie erzählte mir das so, als wäre es nichts. Als wäre es normal. Ich war extrem schockiert.
Ich recherchierte und fand heraus, dass Universitäten in den USA tatsächlich teils stark von den Verbindungen profitieren. Über direkte Gebühren, Mieten und vor allem spätere Alumni-Spenden können erhebliche Geldsummen an die Hochschulen fließen. Gleichzeitig fand ich viele Artikel über „vermeintliche“ Vorfälle in Verbindungshäusern – und bei vielen von ihnen war dieser eine Artikel vielleicht das Einzige, was der Vorfall an Aufmerksamkeit und Konsequenzen mit sich brachte.
Ich fragte mich zum ersten Mal, wie viel Macht ein System bekommen kann, wenn Geld, Einfluss, Tradition und das Schweigen einer ganzen Gemeinschaft zusammenkommen.
Und jetzt lese ich vom Fall Cornell.
Von einer jungen Frau, die nach eigener Darstellung in einem Verbindungshaus über Stunden sexuell missbraucht wurde. Von einem Gruppenchat mit 57 Mitgliedern. Von der Nachricht „Free pussy upstairs“.
Und plötzlich ist diese Welt, die ich 2023 in Bloomington zum ersten Mal gesehen habe, wieder sehr nah.
Nicht, weil ich behaupten würde, dass Cornell für alle amerikanischen Universitäten steht. Sondern weil ich mich an dieses Gefühl erinnere: an eine Welt, in der Alkohol, Macht und die Gefahr von sexualisierter Gewalt erschreckend nah beieinanderlagen.
Und an den Moment, in dem ich in der zweiten Etage eines Fraternity-Hauses stand und begriff, dass ich dort gerade nicht sein sollte.
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