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Was Trump und Putin in der Arktis vorhaben und was das für Grönland und Europa bedeutet

Der Hohe Norden ist kein Randgebiet mehr. Er steht im Fokus amerikanischer und russischer Sicherheitspolitik. Und Europa? Steht unter enormem Handlungsdruck.

Svetlana Alexeeva
8 Min
In Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, protestiert eine Frau gegen die Stationierung von US-amerikanischen B-2-Bombern auf der Pituffik Space Base.

In Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, protestiert eine Frau gegen die Stationierung von US-amerikanischen B-2-Bombern auf der Pituffik Space Base.

© Peng Ziyang/Imago

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Die gerade vom Pentagon veröffentlichte National Defense Strategy (NDS) – das US-Verteidigungsministerium firmiert darin neuerdings unter dem Label „Department of War“ – definiert die Arktis als strategischen Handlungsraum und Grönland als Schlüsselterrain. Damit steht das autonome Gebiet innerhalb des Königreichs Dänemark abermals im Rampenlicht einer neu entfachten geostrategischen Debatte.

Die neue Verteidigungsstrategie, 34 Seiten lang, knüpft an die im November von der zweiten Administration von Donald Trump erneuerte Nationale Sicherheitsstrategie an und führt diese gewissermaßen auf eine stärker operative Ebene über. Schon die Leitmission in der Einleitung ist unmissverständlich formuliert: „Wir werden unser Heimatland verteidigen und sicherstellen, dass unsere Interessen in der westlichen Hemisphäre geschützt sind.“

Es folgen zwei Hauptteile – ein Kapitel zum Sicherheitsumfeld mit China, Russland, Iran und Nordkorea als Gegnern sowie eines zu strategischen Ansätzen. Auffällig prominent fällt der Bereich Raketen- und Luftverteidigung aus, unter anderem mit dem Programm „Golden Dome for America“. In diesem Zusammenhang rücken als „key terrain“ deklarierte Schlüsselräume in den Fokus: der Panamakanal, der „Golf von Amerika“ – und eben auch Grönland. Amerikanische Sicherheitsinteressen in der westlichen Hemisphäre erforderten es, so der erklärte Anspruch der NDS, militärischen wie kommerziellen Zugang zu diesen Gebieten sicherzustellen.

Es wirkt, als sei die Arktis plötzlich und scheinbar ohne Anlass zu einem brisanten Thema im Verhältnis zwischen EU und USA geworden, begleitet von politischer Zuspitzung bis hin zu offen ausgesprochenen Drohungen. In Wirklichkeit ist die Arktis längst kein Randgebiet mehr, sondern ein geostrategisch hochrelevanter Kernraum. Legt man also eine übergeordnete Logik zugrunde, lässt sich die Bedrohungslage im Hohen Norden auch sachlich betrachten.

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Eine schleichende Transformation der arktischen Region hat zunächst mit dem Klimawandel zu tun. Das Eis schmilzt, die Eisfläche schrumpft, Seewege sind, übers Jahr gerechnet, länger befahrbar und leichter zugänglich. Frachtschiffe können, ohne von einem Eisbrecher begleitet zu werden, die Nordwest- oder Nordostpassage entlang der sibirischen Küste befahren. Zudem erleichtert die Eisschmelze den Zugang zu Erdöl- und Erdgasvorkommen sowie zu anderen Bodenschätzen wie Gold, Zink, Nickel und Eisen, was Begehrlichkeiten globaler Bergbauunternehmen weckt.

Die Arktis als enorme strukturelle Herausforderung

Russland, das in der Grönland-Debatte regelmäßig als Referenz für eine mögliche Bedrohung auftaucht, ist zusammen mit Norwegen, Dänemark (über Grönland), Kanada und den USA (über Alaska) einer der fünf Anrainerstaaten des Arktischen Ozeans. Unter den sogenannten „Arctic Five“ verfügt Russland über die längste arktische Küstenlinie von rund 24.000 Kilometern. Um die betreffenden Küstenabschnitte und die vorgelagerten Meeresgebiete abzusichern, zu entwickeln und zu bewirtschaften, hat Moskau 2020 eine nationale Arktisstrategie verabschiedet. Sie bildet einen klaren politischen Rahmen, der die Sicherheitsinteressen des russischen Staates sowie Prioritäten und Entwicklungslinien für die Region bis 2035 benennt.

Die Umsetzung ist jedoch angesichts des robusten arktischen Klimas alles andere als trivial. Die Erderwärmung erleichtert die Schifffahrt, doch zugleich steigen ökologische, infrastrukturelle und sozioökonomische Risiken für die hier lebende Bevölkerung. Große Teile des russischen Staatsgebiets liegen in hohen Breiten, vielfach in Permafrostzonen und Regionen mit langen, harten Wintern – ihre Erschließung und Bewirtschaftung bleibt eine enorme strukturelle Herausforderung.

Entsprechend ist die Arktispolitik in der Russischen Föderation auf hoher Ebene angesiedelt: Seit 2019 liegt die Zuständigkeit für die Region beim Ministerium für die Entwicklung des Fernen Ostens und der Arktis.

Die Kola-Halbinsel nimmt eine besondere Stellung ein

Neben sozialen und wirtschaftlichen Zielen spielen auch Fragen der Militärpräsenz, in Moskaus Darstellung auch als Reaktion auf beobachtete Nato-Aktivitäten im Hohen Norden, eine wichtige Rolle. Mit erheblichem Aufwand wurden in den vergangenen Jahren Grenz- und Küstenschutz ausgebaut und arktische Standorte modernisiert. In der Summe ist Russland damit relativ gut darauf vorbereitet, mit den Folgen der globalen Erwärmung umzugehen, die die Region bereits heute spürbar treffen.

Die Kola-Halbinsel nimmt im russischen Arktisraum eine besondere Stellung ein. Dort liegt Murmansk, die größte Stadt nördlich des Polarkreises, die Russlands wichtigsten arktischen Hafen beherbergt. Der Seehafen bleibt dank des warmen Nordatlantikstroms ganzjährig eisfrei und fungiert als multimodaler Verkehrsknotenpunkt für Industrie- und Rohstofflogistik ebenso wie für zivilen und militärischen Bedarf.

Auf der Halbinsel ist zudem die Nordflotte stationiert, die als Kern der seegestützten Nuklearabschreckung Russlands gilt. Sie umfasst nuklear angetriebene Angriffs-U-Boote ebenso wie strategische Submarinen, die ballistische Raketen tragen können. Im Krisenfall kann die Nordflotte in der Barentssee und Norwegischen See operieren und in den Nordatlantik ausgreifen. In diesem Zusammenhang ist das GIUK-Gap zwischen Grönland, Island und Großbritannien als maritimer Transit- und Überwachungsraum besonders relevant.

Murmansk, die größte Stadt nördlich des Polarkreises, die Russlands wichtigsten arktischen Hafen beherbergt.

Murmansk, die größte Stadt nördlich des Polarkreises, die Russlands wichtigsten arktischen Hafen beherbergt.

© Dmitry Feoktistov/Imago

Spekulationen über neue russische Waffensysteme

Vor diesem Gesamthintergrund wird klar, warum Grönland in Washington seit einiger Zeit als sicherheitspolitisch relevantes Gebiet wahrgenommen wird. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Pituffik Space Base (ehemals Thule Air Base), ein US-Stützpunkt, der für Raketenwarnung, Raketenverteidigung und Weltraumüberwachung genutzt wird, also für jene Sensorik, die für frühe Detektion potenzieller Bedrohungen aus nördlichen Anflugrichtungen entscheidend ist. Die rechtliche Grundlage bildet das US-dänische Abkommen zur Verteidigung Grönlands von 1951. Aufbauend auf den Gesprächen beim Weltwirtschaftsforum 2026 in Davos sollen nun mögliche Anpassungen – etwa in Umfang, Nutzung oder Modernisierung von Fähigkeiten – verhandelt werden.

Die jüngsten Debatten werden nicht selten auch von Spekulationen über neue russische Waffensysteme wie „Oreshnik“ überlagert. Nach einschlägigen Experteneinschätzungen handelt es sich dabei um eine mobile, bodengestützte ballistische Rakete mittlerer Reichweite von bis zu 5000 Kilometern. In dieser Größenordnung wäre das US-Kernland von der Kola-Region aus nicht oder kaum zu erreichen; Ziele im Nordatlantikraum – einschließlich Grönland – lägen hingegen grundsätzlich im Reichweitenfenster.

Damit steht fest, dass Russland seine militärischen Aktivitäten im Hohen Norden in den vergangenen Jahren ausgebaut hat, konzentriert diese jedoch überwiegend auf die eigenen Küstenabschnitte in der Barents- und Karasee. Ein unmittelbar bevorstehendes Angriffsszenario gegen Grönland oder die USA ist derzeit nicht erkennbar. Dies ist allerdings eine Momentaufnahme. Mit fortschreitendem Klimawandel und neuer Waffentechnologie dürften die Rivalitäten arktischer Anrainerstaaten und ihrer Verbündeten zunehmen. Umso wichtiger werden Resilienz, Prävention und belastbare politische Konsultationsmechanismen, die im Krisenfall Deeskalation ermöglichen und Fehlkalkulationen vorbeugen.

Grönland als Beobachtungsknoten

Die Sicherheitsarchitektur in der Arktis wird damit in wesentlichen Punkten neu justiert. Washington verfolgt hier – der Logik der NDS 2026 folgend – mehrere Handlungsstränge. Erstens zeichnet sich ein Update des Verteidigungsabkommens über Grönland von 1951 ab. Ziel ist, den operativen Zugang zu verbessern und die Handlungsoptionen rund um die bestehende Präsenz – perspektivisch auch an weiteren Standorten – zu erweitern.

Zweitens geht es der US-Regierung offenbar darum, klare Regeln und verlässliche Abläufe für den Betrieb grönländischer Stützpunkte zu verhandeln. So will man sicherstellen, dass diese Standorte instandgehalten, modernisiert und im Bedarfsfall ohne politische Verzögerungen genutzt werden können.

Drittens soll Grönland wegen seiner geografischen Lage stärker als eine Art Beobachtungsknoten im arktisch-nordatlantischen Raum dienen. Washington will dafür die Voraussetzungen schaffen, um potenzielle ballistische Bedrohungen aus nördlichen Richtungen früher zu erkennen und besser einzuordnen. Pituffik soll in diesem Verständnis noch enger in ein vernetztes Gesamtsystem eingebunden werden.

Viertens soll diese Sicherheitsarchitektur eng mit Norad (North American Aerospace Defense Command), dem gemeinsamen Luft- und Raumverteidigungskommando der USA und Kanadas, verzahnt werden. Die beiden Nachbarländer treiben die Modernisierung ihrer Luft- und Raketenabwehr in diesem Rahmen seit einiger Zeit voran. Als Klammer dient, so der Plan, die geplante nationale Raketenabwehr „Golden Dome for America“, die auch in der NDS 2026 als Teil der Heimatverteidigung auftaucht.

US-Vizepräsident J.D. Vance und seine Frau Usha besuchen im März vergangenen Jahres Grönland.

US-Vizepräsident J.D. Vance und seine Frau Usha besuchen im März vergangenen Jahres Grönland.

© Handout/White House/Imago

Alle Gesprächskanäle müssen genutzt werden

Für Europa stellt sich nun die Frage, ob es diese Interessenlage nicht nur nachvollziehen kann, sondern auch bereit ist, sie im Sinne gemeinsamer Sicherheit und Verteidigung mitzutragen und zu operationalisieren. Trotz aller Verstimmungen zwischen Nato-Verbündeten in der Grönland-Frage wären die Europäer gut beraten, auf Überdramatisierung zu verzichten und alle Gesprächskanäle zu nutzen. Ein mögliches Verhandlungsformat wurde bereits im Zuge der jüngsten amerikanisch-dänisch-grönländischen Konsultationen in Washington unter Beteiligung von Vizepräsident J. D. Vance und Außenminister Marco Rubio und rund um das Weltwirtschaftsforum in Davos angestoßen.

Am Ende wird sich Europas Handlungsfähigkeit nicht an Worten oder moralisch aufgeladener Rhetorik messen lassen, sondern an kohärenter Politik und an der Fähigkeit, Interessen auszutarieren, Prioritäten zu setzen sowie militärische und zivile Instrumente sinnvoll zu verbinden. In diesem Sinn bietet die neue US-Verteidigungsstrategie Anknüpfungspunkte für eine konstruktive Diskussion, auch innerhalb der Nato.

Europa steht damit vor der Aufgabe, diese Entwicklung vor dem Hintergrund der geopolitischen Umbrüche, die sich vor unseren Augen in Echtzeit abspielen, nicht nur zu kommentieren, sondern aktiv mitzugestalten. Dass die Europäische Kommission einen Prozess zur Aktualisierung ihrer Arktispolitik aus dem Jahr 2021 gestartet hat und eine öffentliche Konsultation bis Mitte März durchführt, kann als ein Schritt in diese Richtung gelesen werden.

Svetlana Alexeeva ist unabhängige Publizistin, Osteuropaexpertin und Inhaberin von Digital Insight Cis.

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