Literatur

Was würde Tucholsky heute sagen? In Rheinsberg wird danach gefragt

Deutschland in den 1930ern und das Erbe der DDR sind Themen des 1. Kurt-Tucholsky-Literaturfestivals ab 18. September. Was erwartet das Publikum noch?

Cornelia Geißler
Cornelia Geißler
7 Min
Im Schloss Rheinsberg ist das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum beheimatet.

Im Schloss Rheinsberg ist das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum beheimatet.

© Soeren Stache/dpa

Ein Zitat von Kurt Tucholsky, „Wir wollen uns Erinnerungen machen, die Funken sprühen!“, steht auf der Website eines Festivals, das Mitte September in Rheinsberg stattfindet. Tucholsky gehörte zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Die Nationalsozialisten haben seine Texte verboten.

In Rheinsberg in Brandenburg, wo er einst glücklich war, findet nun das Kurt-Tucholsky-Literaturfestival statt. Wir sprachen darüber mit Peter Graf, der es kuratiert.

Herr Graf, Berlin hat gerade das Internationale Literaturfestival und ist auch sonst nicht arm an Lesungen. Was könnte Berliner zur Literatur nach Rheinsberg locken?

Es kann natürlich sein, dass all diese Autoren, die jetzt in Rheinsberg auftreten, irgendwann auch in Berlin lesen. Aber hier kommen sie zusammen, an drei Tagen. Nicht nur unser Museum als einziges Literaturmuseum zum Werk und Leben von Kurt Tucholsky lohnt den Besuch, auch die anderen Veranstaltungsorte. Und wir haben hier eine außergewöhnliche Landschaft. Das ist eine besondere Empfehlung für das Wochenende: Man begegnet der Literatur, den Autorinnen und Autoren in einer anderen Umgebung.

Ist Rheinsberg auch darauf eingestellt, dass Leute übernachten könnten während der Festivalzeit?

Klar, im September ist alles sehr ausgelastet. Aber es gibt noch Kapazitäten, auch in den umliegenden Ortsteilen, in Ferienwohnungen, Pensionen, auf Campingplätzen, da findet sich etwas.

Und wenn man von Berlin nach Rheinsberg fährt und nicht das Auto nehmen will, wie lange braucht man da?

An- und Abreise für den Eröffnungsabend ist ganz unkompliziert mit dem Regionalexpress. Wir laden zu einer Gala mit Anna Thalbach und Robert Stadlober zu Tucholsky. Für den Sonnabend haben wir einen Shuttle-Service vom Bahnhof Gransee morgens und abends nach der letzten Veranstaltung organisiert. Man kann also ein Tagesticket kaufen und dann diesen Shuttle-Service für ganz wenig Geld mit buchen. Unterwegs kann man Tucholskys „Bilderbuch für Verliebte“ hören, das spielt in Rheinsberg und ist bei ARD-Sounds kostenlos abrufbar. Dieser Text ist ungefähr so lang, wie die Fahrt von Berlin nach Rheinsberg dauert.

Zur Person und zum Festival
Markus Wächter/Berliner Zeitung

Zur Person und zum Festival

Peter Graf, geboren 1967, leitet den Verlag Das Kulturelle Gedächtnis und die Verlagsagentur Walde+Graf. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Suche nach vergessenen Texten vor allem der Exil-Literatur, um sie heutigen Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen. Im Juli 2025 hat er die Position als literaturwissenschaftlicher Projektmanager am Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg übernommen, das von 1993 bis März 2024 von Dr. Peter Böthig aufgebaut und geleitet wurde.

Das erste Tucholsky-Literaturfestival findet vom 18. bis 20. September 2026 in Rheinsberg statt. 

Orte: Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum, Schlosstheater, Schlossmuseum, Remise, Musikbrennerei, Seepavillon.

Anreise & Tickets: Bahnhof Rheinsberg bzw. Bahnhof Gransee, zusätzlich Bus bzw. Shuttle. Eröffnungsgala 27 Euro, Festival-Samstag-Tagesticket 38 Euro (einzelne Veranstaltungen 10 Euro), Matinee am Sonntag 17 Euro.

Alle Infos: tucholsky-literaturfestival.de

Vor zwei Jahren gab es Aufregung um das Tucholsky-Museum, als Peter Böthig seinen Posten als Direktor abgeben musste, er hätte gern noch ein bisschen weitergearbeitet. Und da gab es auch politische Querelen. Jetzt leiten Sie das Museum. Wie geht es Ihnen in Rheinsberg?

Ich leite das Museum nicht. Ich bin zuständig für die Inhalte – für das Archiv, die Sammlung, für die Stadtschreiber, für das Veranstaltungsprogramm. Es gab sehr viel, zum Teil negative Berichterstattung darüber, was passiert ist. Doch die Stadt bekennt sich zu dem Museum, wozu gehört, dass meine Stelle eingerichtet wurde. Vielleicht mag man das eine Lehre aus dem Streit nennen. Die Kommune, das Ministerium und der Kreis stellen gemeinsam das Budget für das Museum zur Verfügung und gewährleisten den Betrieb. Der Anteil der Stadt liegt bei etwa 75 Prozent. Was für eine Kommune dieser Größe mehr als beachtlich ist.

Aber nun machen Sie nicht einfach nur Programmarbeit, mit gelegentlichen Lesungen, sondern gleich ein ganzes Festival. Wie hat die Stadt reagiert, dass Sie nach einem Jahr im Amt so in die Vollen gehen?

Die Stadt und der Kreis unterstützen dieses Festival mit finanziellen Mitteln. Die Idee, dass man einmal im Jahr das, was im Museum passiert, wie hier das Werk und das Leben Tucholskys gepflegt werden, auch in eine größere Öffentlichkeit trägt, wurde sehr gut aufgenommen. Rheinsberg lebt vom Tourismus, die Kultur ist maßgeblich mitverantwortlich, dass die Stadt von so vielen Menschen besucht wird.

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„Wir schauen auch auf die Literatur der DDR“

Und wie kuratiert man ein erstes Festival? Sie sind ja Verleger und Herausgeber und haben vermutlich keine Übung darin?

Lesungen habe ich immer wieder organisiert, unter anderem auch in meiner Buchhandlung in Prenzlauer Berg. Und Festival klingt auch sehr groß: Wir haben die Gala am Freitag, den ganzen Sonnabend über Veranstaltungen und dann noch zwei am Sonntag. Was mich bei der Zusammenstellung interessierte, ist inzwischen zu unserem Motto geworden: „Wo Gegenwartsliteratur auf das Werk Tucholskys trifft“.

Wie trifft beides zusammen?

Ich wollte zum einen Gäste einladen, die in etwa in derselben Richtung arbeiten, wie Tucholsky das gemacht hat – also engagierte, auch politisch interessierte und engagierte Autorinnen und Autoren. Daniela Dröscher ist dabei mit ihrem Buch über das Sprechen, Heike Geißler mit „Michaela Kohlhaas“, Paula Fürstenberg mit „Niewiedervereinigung“. Und das andere ist: Rheinsberg liegt in Brandenburg in der ehemaligen DDR. Bei der Matinee am Sonntag geht es um die Buchkultur und Bedeutung der Literatur in der DDR und um die Frage, welche Bedeutung der Literatur gegenwärtig bei den gesellschaftlich und politisch relevanten Debatten zukommen kann und sollte. Da kommt Christoph Hein mit seinem Roman „Das Narrenschiff“ und Carsten Gansel spricht über das Verschwinden der DDR-Literatur.

Das Festival findet am Wochenende der Berliner Abgeordnetenhauswahl und der Landtagswahlen bei Brandenburgs nördlichen Nachbarn statt. In Sachsen-Anhalt wurde gerade die als rechtsextrem eingestufte AfD der große Wahlsieger. Tucholsky hatte Anfang der 1930er-Jahre sehr vor dem Aufstieg der NSDAP gewarnt. Greifen Sie dieses politische Thema auf?

Ja, natürlich. Jens Bisky ist zum Beispiel eingeladen, um direkt in die damalige Zeit zu gehen und über mögliche Parallelen zu sprechen. In seinem Buch „Die Entscheidung – Deutschland 1929 bis 1934“ geht es dezidiert darum. Und wir haben mit „Feldgrauer Kongress“ ein Theaterstück von Peter Miklusz nach Motiven von Kurt Tucholsky um Fragen nach Krieg und Frieden.

Noch mal zurück zum Anfang: Sie wünschen sich ja schon auch Berliner Publikum. Wird Ihre und andere Kulturarbeit auch in Rheinsberg selbst wahrgenommen?

Alles, was rund ums Schloss passiert, also mit der Musikkultur, dem Museum und der Literatur sowie den anderen Kulturakteuren, wird hier sehr wahrgenommen. Das ist ein Verdienst der Menschen, die das hier seit der Nachwendezeit aufgebaut haben. Es gibt einen großen Zuspruch, auch Zulauf, wenn es Veranstaltungen gibt. Es gab zum Beispiel am Tag der Bücherverbrennung eine Lesung im Schlosshof. Da haben Bürger auf Initiative der Rheinsberger Friedensrunde aus Rheinsberg Texte vorgelesen. Nicht nur von Tucholsky, auch von ganz anderen Autorinnen und Autoren aus der Zeit. Wir werden jetzt in der Vorbereitung von sehr vielen Menschen ehrenamtlich unterstützt. Ein Gastronom gibt uns kostenlos einen Raum für eine Veranstaltung, andere verteilen Plakate oder Flyer.

Dann brauchen Sie also nur noch gutes Wetter, dass die Leute auch in Ausflugsstimmung sind.

Ja, das wäre toll.

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