Mecklenburg-Vorpommern

Webasto, Philips, Audi und Volkswagen: Alle wollen die Clausohm-Software Made in Neverin

Die Geschichte von Katharina Clausohm ist nicht nur die Geschichte einer Unternehmerin. Es ist die Geschichte einer Frau, die gelernt hat, mit wenig auszukommen und Krisen auszuhalten.

Danilo Vitense
Danilo Vitense
6 Min
2026 wird Katharina Clausohm beim Landeswettbewerb „Unternehmer des Jahres“ mit dem Preis in der Kategorie „Unternehmenspersönlichkeit“ gewürdigt. Es ist auch eine Auszeichnung für eine Familiengeschichte, die vor 36 Jahren in einem Wohnhaus in Neverin begann.

2026 wird Katharina Clausohm beim Landeswettbewerb „Unternehmer des Jahres“ mit dem Preis in der Kategorie „Unternehmenspersönlichkeit“ gewürdigt. Es ist auch eine Auszeichnung für eine Familiengeschichte, die vor 36 Jahren in einem Wohnhaus in Neverin begann.

© Lisa Massow

Nördlich von Neubrandenburg liegt der beschauliche Ort Neverin, der auf keiner Touristenkarte zu finden ist. Man sucht ihn nicht, man findet ihn – inmitten von Feldern, vorbei an Alleen und mit Blick in die unendliche mecklenburgische Weite. Und dann, in diesem Dorf angekommen, taucht plötzlich ein Gebäudekomplex auf, der hier so deplatziert wirkt wie ein Rechenzentrum im Kuhstall. Drei Häuser, alle schick, modern.

Drinnen sitzen Dutzende Menschen und schreiben an Software für Audi, VW und Kunden auf vier Kontinenten. Industrieautomatisierung, Cybersecurity, Künstliche Intelligenz. Es gleicht einem kleinen Silicon Valley, angesiedelt tief in der Mecklenburgischen Seenplatte. Mittendrin ist Katharina Clausohm, Geschäftsführerin der Clausohm-Software GmbH, Frau des Jahres 2020 des Landes Mecklenburg-Vorpommern und seit diesem Jahr Preisträgerin in der Kategorie „Unternehmerpersönlichkeit“ beim Landeswettbewerb „Unternehmerin und Unternehmer des Jahres“.

Die Chefin des erfolgreichen Software-Unternehmens empfängt im Besprechungsraum. Es ist kein Designerbüro, aber die Einrichtung verrät, wer hier das Sagen hat: jemand, der Wert auf Atmosphäre legt, weil er weiß, dass Menschen in schönen Räumen mit viel Licht, Holz und Pflanzen besser arbeiten. „Ich habe das so eingerichtet, wie ich das auch zu Hause gerne hätte“, sagt sie. Und der Satz passt zu ihr. Denn wer verstehen will, wie aus einem kleinen Betrieb in Neverin ein international tätiges Software-Unternehmen wurde, muss bei den Menschen anfangen. Und bei den Schafen.

Erst Schäferin, dann erfolgreiche Unternehmerin

Katharina Clausohm wird 1961 in Oschersleben geboren und wächst ab 1968 in Neubrandenburg auf. In der DDR lernt sie Schäferin, später wird sie Zuchtmeisterin und sie studiert Pflanzenproduktion. Sie war in der Natur zuhause und konnte mit wenig effizient umgehen – eine Kompetenz, die ihr die DDR beibrachte und die ihr später helfen würde.

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Computer spielen in ihrem Leben zunächst eine andere Rolle. Eine, mit der sie möglichst wenig zu tun haben will. Ihre Mutter leitet die EDV-Abteilung in Neubrandenburg. Als Vierzehnjährige darf Katharina dort Lochbänder doppeln. „So todlangweilig“, erinnert sie sich. Sie schwört: Das werde sie niemals beruflich machen. Und Katharina Clausohm hält dieses Versprechen erstaunlich lange, bis zum Jahr 1989.

Ein Computer für ein paar hundert D-Mark

Die Wende traf die Menschen unterschiedlich. Manche verloren sich, ihren Beruf, ihre Sicherheit, ihre Richtung. Andere erkannten plötzlich Möglichkeiten, die es vorher nicht gegeben hatte. Katharina und ihr Mann Michael gehörten zur zweiten Gruppe.

Michael Clausohm hat Informationstechnik studiert, ist Techniker, Tüftler und Visionär. Als die Mauer fällt, ist für ihn klar: Jetzt wird er selbstständig. Die Familie legt ihr Begrüßungsgeld zusammen. Ein paar hundert D-Mark, von Eltern, Kindern und Eheleuten zusammengetragen. Dann fahren sie in den Westen und Michael kommt mit einem Computer zurück.

Am 10. April 1990 melden die Clausohms ihr Gewerbe an. Der Firmensitz wird das eigene Wohnhaus in Neverin. Das Büro kommt im Keller und in der Garage unter. „Das typische Garagending“, sagt Katharina Clausohm und lächelt. Aber das sei damals gar nichts Besonderes gewesen. „Das Besondere ist, dass es die Firma noch gibt.“

Ihr Mann programmierte, zwei Mitarbeiter halfen und Katharina managte mit Leidenschaft und einem Sinn für Struktur, den sie aus der Landwirtschaft mitbrachte. Sie war die Frau der Pläne und Entscheidungen, hielt den Laden zusammen. Er war der Mann der Ideen und der Ausdauer. Zusammen waren sie ein Unternehmen.

Krisen gehören zur Geschichte der Software-Schmiede

Der Weg dorthin ist aber alles andere als geradlinig. Der erste Auftrag kommt vom Sirokko-Ölheizgerätewerk in Neubrandenburg. Später folgen Webasto, Philips, schließlich Audi und Volkswagen. Doch zwischendurch gibt es immer wieder Momente, in denen die junge Firma aus Neverin auf der Kippe steht.

Die Währungsunion 1990 ist einer der Momente. Jetzt zählt die Westmark und plötzlich wollen viele westdeutsche Unternehmen nicht mehr für Ostdeutschland zahlen. „Keiner wollte die Westmark für den Ossi ausgeben“, sagt Katharina Clausohm. Das Ehepaar fährt nach Nordrhein-Westfalen. Weit genug weg von den Vorurteilen, die damals noch zwischen Ost und West liegen. Sie sprechen Unternehmen an und überzeugen.

Dann folgt 2008 die Weltwirtschaftskrise, sie trifft die Schaltschrankfertigung. Aufträge brechen weg, Stellen müssen abgebaut werden, das Unternehmen muss sich neu erfinden. Clausohm konzentriert sich auf das, was sie für die Zukunft hält: Ingenieursleistungen und Softwareentwicklung. „Mit der Konzentration auf das, was wir wirklich können, konnten wir uns wieder gut aufstellen“, erzählt sie weiter.

Corona wird 2020 zum nächsten Stresstest. Für viele Unternehmen beginnt damals das Experiment Homeoffice. Für Clausohm-Software ist es kaum eines. Arbeiten auch von zu Hause aus gehört in der IT längst zum Alltag. Während andere improvisierten, schaltet Neverin einfach um und hinterlässt eine sichtlich stolze Geschäftsführerin.

Katharina Clausohm im Gespräch mit der OAZ

Katharina Clausohm im Gespräch mit der OAZ

© Lisa Massow

Neverin statt München

Heute hat die Clausohm-Software GmbH Standorte in Neverin, Berlin und Aachen. Mehr als 2000 Softwareeinsätze gibt es weltweit. Und trotzdem bleibt Neverin das Zentrum. Die Entscheidung fiel nicht aus Sentimentalität, sondern aus purer Überzeugung.

„Mir fehlt als Mensch der Horizont, wenn ich woanders bin“, sagt Katharina Clausohm. Sie meint das zum einen wörtlich: die weite Seenplatte, die Alleen, die Stille. Und sie meint es auch übertragen: Wenn nachts um drei jemand gebraucht werde, wisse man, wen man anrufen könne. „Das habe ich hier in Mecklenburg.“

Ihr Mann hatte in Aachen bereits ein Büro aufgebaut, alles vorbereitet. Sie hat es versucht und ist zurückgekommen. Die Zeit hat ihr recht gegeben. Man kann von Neverin aus Software für die Automobilindustrie entwickeln. Man muss dafür nicht in München, Stuttgart oder Frankfurt sitzen. Das ist vielleicht die größte Geschichte hinter der Firma. Dass Internationalität nicht zwangsläufig bedeutet, die Heimat zu verlassen.

Vielleicht liegt das Erfolgsrezept von Katharina Clausohm auch darin, dass sie nicht in Quartalen, sondern in Jahren denkt.

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