Websites von Berliner Straßen und Plätzen informieren über die Gegend vor der eigenen Haustür

Kiezklatsch

Oliver Heilwagen
4 Min

Willkommen in der virtuellen Nachbarschaft! Während die stadtweiten Internet-Portale berlin.de, berlinonline.de und meinberlin.de ständig erweitert werden, geht seit einiger Zeit ein Trend auch in Richtung Rückbesinnung auf den Kiez. Immer mehr Berliner Straßen und Plätze sind im Netz mit einer Website vertreten und liefern dem Besucher Informationen über die Gegend vor der eigenen Haustür.Den Anfang machte Richard Schumann: Seit Oktober 1999 betreut der 21-jährige Webdesigner die Seite www.simon-dach-strasse. de. Aus der anfänglichen Schnapsidee für Freunde ist inzwischen eine recht umfangreiche Domain geworden. Man kann einen bebilderten Rundgang durch die Kneipenmeile von Friedrichshain unternehmen, Fotos ihrer Interieurs als elektronische Postkarte versenden oder die Geschichte der Straße und ihres Namensgebers kennen lernen. Elf Bewohner stellen sich mit ihren Homepages vor und unter der Rubrik "Anekdoten für Idioten" findet sich der neueste Kiezklatsch neben Beispielen für reichlich unterleibsfixierten Humor. Kneipen brauchen keine WerbungNur mit dem Nutzwert hapert es noch: Weder das Forum noch die Wohnungsangebote oder Kleinanzeigen weisen viele Einträge auf. Mit der Resonanz ist Schumann dennoch zufrieden: Bis zu 200 Besucher pro Tag klickten die Seite an, von denen viele die Chat-Funktion nutzten. Eine virtuelle Schnitzeljagd, bei der man Details aus dem Straßenbild wiedererkennen muss und dafür mit Preisen belohnt wird, soll im September das Interesse noch steigern. Die Hoffnung, die Seite mit seiner Firma "Creativberlin" kommerziell verwerten zu können, musste Schumann allerdings begraben: "Die Kneipen in unserer Straße laufen so gut, dass sie Werbung gar nicht nötig haben." Das kann ein benachbartes Senatsbüro nicht von sich behaupten: Unter http://boxhagenerplatz.de berichtet das dortige Quartiersmanagement von seinen Aktivitäten. Versprüht Schumanns Seite noch den Charme einer erweiterten WG-Küche, so verfolgt Thomas Dreyer einen semiprofessionellen Anspruch. Unter der Adresse www. oranienstrasse.de hat der Kreuzberger das umfassendste Informationsangebot aller Berliner Straßen-Websites zusammengetragen. Eineinhalb Stunden täglich widmet sich Dreyer unbezahlt der Pflege seiner virtuellen Oranienstraße: "Damit lässt sich kein Geld machen", sagt er.Herzstück seines Internet-Auftritts ist ein Terminkalender für zwei Wochen im Voraus, der täglich aktualisiert wird. "Berlin.de ist mir zu unübersichtlich, da finde ich mich nicht zurecht", begründet der 35-jährige TU-Student seine Initiative: "Außerdem werden viele kleinere Veranstaltungen in den einschlägigen Stadtmagazinen gar nicht aufgeführt." Mehr als 60 Einrichtungen sind auf der optisch ansprechenden Seite vertreten: Das Spektrum reicht dabei von den Szene-Institutionen SO36-Disco und fsk-Kino über Geschäfte und Vereine in den Seitenstraßen bis zur Stadtteil-Bibliothek. Eintrittskarten können online vorbestellt, Presseartikel mit lokalem Bezug nachgelesen und kostenlose Mailboxen eingerichtet werden. Bald soll auch noch ein kleines E-Commerce-Kaufhaus für Anwohner und Händler hinzukommen. Damit übertrifft die virtuelle Oranienstraße bei weitem die Kreuzberger Konkurrenz im Gräfekiez (http://members.aol.com/ graefek) und an der Oberbaumbrücke (www.oberbaum.de): Beide Adressen enthalten kaum etwas Anderes als die Einladung zur Mitarbeit. Mehr zu bieten hat ein Verein in der Wrangelstraße, der mit seinem Auftritt (www.wrangelvision.de) leer stehende Ladenlokale vor der Verödung bewahren will. Dass nur lokalpatriotisches Engagement eine Straßen-Website in Schwung bringt, mussten auch Sybille Schmidt und Daniele Beciri erfahren: Seit Monaten warten sie vergeblich auf Werbetreibende für www.wittenbergplatz.de. Ähnlich ergeht es der Snafu-Tochterfirma Interactive Networx, die sich die prestigeträchtigen Adressen www. friedrichstrasse.de, potsdamer-platz.de und kurfuerstendamm.de gesichert hat: Mangels anderer Inhalte zeigen alle drei Seiten Webcam-Aufnahmen vom Bahnhof Zoo. Kudamm.de wirkt ausgestorbenMit Berlins berühmtestem Boulevard buhlen noch zwei weitere Unternehmen um Aufmerksamkeit: www.kudamm.com von Pertek + Partner macht einen ausgestorbenen Eindruck. Die Termine wurden seit April nicht mehr erneuert. Etwas lebendiger wirkt www.berlinkurfuerstendamm.de vom Ingenieurbüro Prehm & Co.: Ausführliche Adressenlisten weisen auf Boutiquen, Restaurants und Hotels hin, die Links zum Theater am Kurfürstendamm und zur Schaubühne funktionieren. Biegt man ab, bleibt man aber sofort stecken: Sowohl www.fasanenstrasse.de als auch www.tauentzien.de sind noch Baustellen, an denen der Multimedia-Designer Sebastian Becker seit Monaten ebenso wie an www.unter-den-linden.de und www.oranienburger-strasse.de werkelt. Und an seinem Savignyplatz gehen die Lichter gänzlich aus: Wer ihn auf dem Bildschirm ansteuert, sieht nur noch schwarz.Berliner Straße online // Das umfassendste Informationsangebot aller Berliner Straßen-Websites ist unter der Adresse www. oranienstrasse. de zu finden. Mehr als 60 Einrichtungen werden optisch ansprechend vorgestellt.Auch gut gemacht: Die Seite www. simon-dach-strasse. de des 21-jährigen Webdesigners Richard Schumann.Enttäuschend sind die Auftritte so prestigeträchtiger Adressen wie www. friedrichstrasse. de, www. potsdamer-platz. de und www. kurfuerstendamm. de. Alle drei Seiten zeigen lediglich Webcam-Aufnahmen vom Bahnhof Zoo.BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER An der Oranienburger Straße wird noch gewerkelt - zumindest im Internet.

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