Es ist ein schöner Spätsommertag im September. Eine perfekte Kulisse für die Präsentation des GICON-Höhenwindturms im brandenburgischen Schipkau. Die Anlage sprengt alle Dimensionen. Nach der endgültigen Fertigstellung soll das weltweit einzigartige Pilot- und Demonstrationsprojekt eine Gesamthöhe von 365 Metern erreichen und damit nur drei Meter kleiner sein als der Berliner Fernsehturm.
Da herkömmliche Kräne für diese Dimensionen nicht ausreichen, basiert die Anlage auf einem innovativen Teleskopprinzip des verstorbenen Leipziger Ingenieurs Horst Bendix: Ein massiver Außenturm aus Stahlgitter dient als Führung, in dem ein schlankerer Innenturm samt der bereits vormontierten Turbine über ein spezielles Litzenhubsystem mit einer Geschwindigkeit von neun Metern in der Stunde mechanisch nach oben geschoben wird.
Doch dieser Prozess kommt immer wieder ins Stocken und das Ausrufen des Weltrekords musste auch am Sonntag wieder vertagt werden. Wegen anhaltend instabiler Wetterbedingungen und unberechenbarer Windböen konnte die Anlage die geplante maximale Nabenhöhe von 300 Metern auch in den vergangenen Tagen noch nicht erreichen. Die Projektverantwortlichen betonten, dass Sicherheit in dieser extremen Höhe konsequent vor Geschwindigkeit gehe.
Ein wichtiger Meilenstein ist dennoch geschafft: Der Innenturm wurde bereits sicher auf eine Zwischenhöhe von 250 Metern angehoben. Damit misst die Anlage inklusive der Rotorblätter aktuell 315 Meter – was sie schon jetzt zum höchsten Windrad der Welt macht. Während der Hubprozess pausiert, nutzen Ingenieure die Zeit auf der Zwischenetappe für planmäßige technische Arbeiten.
Der Höhenwindturm in der Niederlausitzer Braunkohleregion wird am Ende der Montage nur drei Meter kleiner sein als der Berliner Fernsehturm.
© Michael Bahlo/dpa
Realisiert wird das Megaprojekt von der Dresdner GICON-Gruppe im Auftrag der beventum GmbH, einer Tochtergesellschaft der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND). Die enormen Dimensionen spiegeln sich auch in den Kosten wider. Rund 20-25 Millionen Euro an staatlichen Fördermitteln fließen in die Entwicklung und den Bau dieses Prototyps. Das wirtschaftliche Versprechen hinter dem finanziellen Aufwand ist so groß wie der Turm selbst: In 300 Metern Höhe wehe der Wind deutlich stärker und konstanter als in bodennahen Luftschichten, argumentieren die Entwickler. Sie erwarten bei gleichem Rotordurchmesser mehr als den doppelten Energieertrag im Vergleich zu einer herkömmlichen Onshore-Anlage.
Mit einer Nennleistung von 3,8 Megawatt soll der Gigant jährlich rund 30–33 Millionen Kilowattstunden sauberen Strom produzieren – genug, um etwa 7.500 Vierpersonenhaushalte nahezu grundlastfähig zu versorgen. Langfristig soll die Serienfertigung die Stromgestehungskosten auf unter fünf Cent pro Kilowattstunde drücken, so das Versprechen.
Trotz der technologischen Aufbruchstimmung formiert sich jedoch auch Kritik. Lokale Luftsportvereine wie der nahegelegene Aero-Club Schwarzheide sahen die Sicherheit des Segelflugs gefährdet und versuchten den Bau gerichtlich zu stoppen – die Klage wurde letztlich aus formalen Gründen abgewiesen. Zudem geben Experten zu bedenken, dass Windräder dieser Größenordnung zunehmend militärische Flughöhen tangieren, was künftige Genehmigungsverfahren stark erschweren könnte.
Teures Prestigeprojekt mit unklaren Erfolgsaussichten
Auch die Raumplanung steht vor neuen Hürden: Durch die extreme Höhe greifen strenge gesetzliche Regelungen zur optischen Bedrängung, weshalb wesentlich größere Mindestabstände zu Wohnsiedlungen eingehalten werden müssen. Dies verknappt die ohnehin raren potenziellen Bauflächen in Deutschland erheblich. Natur- und Artenschützer sorgen sich zudem um die möglichen Folgen für Vögel, Fledermäuse und Insekten in diesen bisher unberührten Luftschichten sowie um den massiven Ressourcenverbrauch für das gigantische Fundament.
Ob sich das Konzept des Höhenwindrads trotz dieser ökologischen, rechtlichen und logistischen Hürden im großen Maßstab durchsetzen kann, soll die Testphase nach dem finalen Hub zeigen. Zumal auch die wirtschaftliche Tragfähigkeit in Frage steht. Ob sich das aufwendige Teleskopverfahren und die massiven Stahlgittertürme im Vergleich zu klassischen Windrädern in der Serienfertigung rentieren, muss sich in den nächsten Jahren erst noch zeigen.
Betreut wird das Projekt von der Bundesagentur für Sprunginnovationen SPRIND. Es handelt sich um eine staatliche Agentur der Bundesrepublik Deutschland, die im Jahr 2019 gegründet wurde. Von Leipzig aus soll sie hochinnovative Ideen entdecken, finanzieren und so zur Marktreife bringen. Finanziert wird die Agentur aus Steuermitteln und zwar recht großzügig. 2025 lag das veranschlagte Budget bei rund 401 Millionen Euro. Bei der Gründung beschloss das Bundeskabinett für die erste zehnjährige Experimentierphase von 2019 bis 2029 ein geplantes Gesamtbudget von rund einer Milliarde Euro. Aufgrund des gestiegenen Bedarfs und neuer Innovationswettbewerbe wurde dieser Rahmen mittlerweile jedoch deutlich angehoben.
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