Von diesem Dienstag an ist in deutschen Apotheken erstmals ein Medikament zur Gewichtsregulierung erhältlich, das geschluckt statt gespritzt wird. Novo Nordisk bringt Wegovy zum 1. September als Tablette auf den Markt. Zum Stichtag ist das Präparat in der Lauer-Taxe gelistet, wie das PTA-Magazin unter Berufung auf den Hersteller berichtet. Die Zulassung der Europäischen Kommission datiert von Mitte Juli.
Der Wirkstoff ist derselbe wie in der bekannten Abnehmspritze: Semaglutid, ein GLP-1-Rezeptoragonist, der den Appetit dämpft und das Sättigungsgefühl verlängert. Neu ist allein die Darreichungsform. Weil Semaglutid als Eiweißbaustein im Magen-Darm-Trakt größtenteils abgebaut wird, bevor es ins Blut gelangt, braucht die orale Form höhere Dosen: Die Erhaltungsdosis liegt bei 25 Milligramm täglich, bei der Spritze sind es 2,4 Milligramm wöchentlich.
Für wen das Präparat gedacht ist
Zugelassen ist die Tablette ausschließlich für Erwachsene mit Adipositas, also mit einem Body-Mass-Index (BMI) ab 30, oder mit Übergewicht bei einem BMI zwischen 27 und 30. Zudem muss mindestens eine Begleiterkrankung vorliegen, die auf das Gewicht zurückzuführen ist, zum Beispiel ein gestörter Fettstoffwechsel, Diabetes Typ 2 oder Bluthochdruck.
Die Zulassung basiert auf einer Studie namens „Oasis 4“. Dafür nahmen 307 Erwachsene ohne Diabetes 64 Wochen lang täglich 25 Milligramm orales Semaglutid oder ein Placebo ein. Das Gewicht sank in der Wirkstoffgruppe im Mittel um 13,6 Prozent, in der Placebogruppe um 2,2 Prozent. Nach dem Absetzen des Präparats nahm ein erheblicher Teil der Probanden wieder zu.
Der Vorteil und der Preis dafür
Der größte Vorteil besteht darin, dass die Injektion entfällt. Das dürfte Menschen ansprechen, die sich nicht selbst spritzen wollen oder können.
Bequemer ist die Pille deshalb nicht zwangsläufig. Sie muss täglich eingenommen werden, mittels Spritze wird Wegovy dagegen nur einmal pro Woche verabreicht. Die Tablette sollte möglichst direkt nach dem Aufwachen eingenommen werden, nüchtern, unzerkaut und mit einem Schluck Wasser. Danach gilt eine Wartezeit von mindestens 30 Minuten, bevor gegessen, getrunken oder ein anderes Medikament eingenommen werden darf, wie es in der Fachinformation heißt.
Wegovy ist ausschließlich zur Gewichtsregulierung zugelassen, nicht zur Diabetestherapie. Für Typ-2-Diabetes gibt es mit Rybelsus seit Jahren eine orale Semaglutid-Tablette in niedrigerer Dosierung, dazu die Spritze mit dem Präparat Ozempic. Eine eigene Zulassung zur Senkung des Herz-Kreislauf-Risikos, wie sie die US-Behörde FDA nach der Select-Studie erteilt hat, gibt es in der EU nicht.
Zahlt die Krankenkasse?
Arzneimittel zur Gewichtsreduktion sind als sogenannte Lifestyle-Arzneimittel vom Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen ausgeschlossen. Dies gilt auch, wenn die Behandlung als medizinisch notwendig erachtet wird. Die Darreichungsform spielt dabei keine Rolle.
Erstattet wird Semaglutid nur in der Diabetesindikation, also über Ozempic oder Rybelsus. Das Sozialgericht Mainz wies 2025 eine Klage auf Kostenübernahme ab. Privat Versicherte müssen im Einzelfall mit ihrem Versicherer klären, ob gezahlt wird.
Das kostet die Therapie
Die Tabletten zu 1,5 und 4 Milligramm kosten in der Packung zu 30 Stück jeweils 172,73 Euro für vier Wochen, die 9-Milligramm-Packung 233,23 Euro, wie Apotheke Adhoc berichtet. Der Preis für die Erhaltungsdosis von 25 Milligramm steht noch nicht fest: Diese Dosierung ist zum Marktstart nicht gelistet. Wer jetzt beginnt, weiß also nicht, was die Therapie ab dem vierten Monat kostet. Auf ein Jahr hochgerechnet liegen die Kosten für Selbstzahler je nach Dosierung bei rund 2500 bis 3300 Euro.
Wie viele Menschen in Berlin infrage kommen
Nach den jüngsten verfügbaren Landesdaten sind 46,7 Prozent der erwachsenen Berliner übergewichtig, 15,2 Prozent haben eine Adipositas. Die Zahlen stammen aus der RKI-Studie „GEDA 2019/2020“, ausgewertet von der Gesundheitsberichterstattung der Senatsverwaltung. Berlin liegt damit unter dem Bundesdurchschnitt für Adipositas von 19 Prozent.
Die Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), Sonja Optendrenk, hatte zuletzt eine Kostenübernahme bei schwerer Adipositas ins Gespräch gebracht. AOK-Bundesverbandschefin Carola Reimann hielt dagegen: Würden alle gesetzlich Versicherten mit einem BMI ab 30 regelmäßig behandelt, entstünden hochgerechnet rund 45 Milliarden Euro Kosten pro Jahr, sagte sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Bei einem BMI ab 35 wären es noch rund 14 Milliarden. Zur Einordnung: Die Arzneimittelausgaben der Kassen lagen zuletzt bei 58 Milliarden Euro.
Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) warnt unterdessen vor Online-Angeboten der Wegovy-Tablette.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]