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An diesem Sommertag war ich die Erste zu Hause. Mein Bruder war noch in der Schule oder mit seinen Freunden unterwegs, meine Mutter, die Staatsanwältin, hatte noch zu tun in ihrer Arbeit. Meine Aufgaben waren, den Müll runterzubringen und mein Zimmer aufzuräumen. Dazu hatte ich gar keine Lust.
Auf dem Balkon lagen in Unkrautex getauchte Wattebäusche zum Trocknen. Gelbliche Häufchen, gelagert auf Packpapier. Mein Bruder hatte gesagt: „Wehe, du gehst da ran!“ Ich hatte brav genickt, seine Anspannung gespürt und gewusst, wenn ich nicht gehorchte, würde er mich verdreschen.
Mit seinen Freunden experimentierte er mit Raketentreibstoff für kleine, selbstgebaute Raketen aus Fahrradrohr und einer Brennkammer aus Stahl, die sie heimlich im polytechnischen Unterricht gedreht hatten. Die Zündkammer bestand aus einer abgeknipsten Fahrradbirne, verbunden mit einem Klingeldraht, der in die Brennkammer gesteckt wurde, um den Treibstoff aus gebührender Ferne mit Strom zu entzünden. Es klang sehr aufregend, er nahm mich aber nie mit zu den Experimenten.
„Warum wird hier so viel gelächelt?“ – ein Sommertag auf Hiddensee
Illegal Unkrautex aus dem Westen besorgt
Nun trocknete die neu entwickelte Treibstoffmischung auf unserem Balkon. Einer der Freunde hatte sich illegal Unkrautex aus dem Westen besorgen lassen. Es sah so harmlos aus. Fast niedlich, wie diese Wattehäufchen in regelmäßigen Reihen vor sich hin trockneten. Wie eine Armee von Zipfelmützchen von Wichtelmännern. Es war heiß an diesem Tag. Gute Chancen, dass sie bald trocken wären.
Dieses Tüfteln an wirksamem Treibstoff für die Raketen und andere Experimente waren monatelang die Nachmittagsbeschäftigung meines Bruders und seiner Freunde. Einmal kam mein Bruder, es muss noch kalt gewesen sein, völlig nasstriefend und bibbernd nach Hause. In einem kleinen Schlauchboot hatte er versucht, ein an einer langen Sehne befestigtes, von seinen Freunden selbstgebautes Boot mit einem rasenden Propeller um sich kreisen zu lassen. Plötzlich schoss das unberechenbare kleine Boot durch einen falschen Ruck an der Sehne auf ihn zu und bohrte seine Spitze in das Schlauchboot, das sofort Luft verlor und samt meinem armen Bruder im Orankesee kläglich versank. Lachend erzählte er uns das; er liebte es, aus seinen Niederlagen lustige Geschichten zu zaubern, während er den heißen Tee trank, den meine sorgenvolle Mutter ihm gemacht hatte.
Seine Freunde trugen alle Jeans und Kutten. Wenn sie nicht Raketen bauten, gingen sie zum Jazz. Oder sie schossen im Zimmer meines Bruders mit einer Bolzenpistole auf die Tür. Ich liebte das Zimmer meines Bruders. Da waren die Bolzenpistole, ein Säbel, der an der Wand hing, und ein Bild von einem Stier, eine Bleistiftzeichnung von ihm. Wenn seine Freunde da waren, durfte ich nicht mit hinein, aber wenn ich allein zu Hause war, holte ich den Säbel von der Wand und focht damit gegen eine Heerschar von Feinden. Mit der Bolzenpistole traute ich mich doch nicht zu schießen, aber das Luftdruckgewehr hielt ich kurz aus dem Fenster und zielte auf einen Mann auf der anderen Straßenseite, ohne abzudrücken.
An besagtem Sonnabend schlich ich mich also auf den Balkon zu den Wattebäuschen, die in der Sonne trockneten. Und der Tag war heiß. Meine Mutter hatte immer Streichhölzer in der Küche, um das Gas vom Herd anzuzünden, ich holte die Streichholzschachtel, nahm ein kleines Wattebäuschlein, „nur ein ganz klitzekleines, mal sehen, was es macht, ob es schon trocken ist, ob der Raketentreibstoff schon zündet“.
Der Chemiebaukasten „Der kleine Chemiker“ des VEB Anker-Steinbaukasten Rudolstadt
© Karina Hessland
Mit dem Spaten gegen die Flammen
Ich legte es etwas abseits, zündete ein Flämmchen an, und ehe ich mich versah, entzündeten sich alle ausgelegten Häufchen Watte, einschließlich der Streichholzschachtel in meiner Hand, die ich sofort fallen ließ. Beherzt nahm ich einen Spaten, den mein Bruder immer zum Zelten mitnahm, und schlug auf die Flammen ein – die aber, als lachten sie über meine verzweifelten Schläge, sich munter immer wieder aufs Neue entzündeten.
Da hörte ich den Schrei einer Nachbarin: „Feuer!“ Ich dachte noch: „Du blöde Kuh, das Feuer wird doch gleich ausgehen, wenn ich weiter mit dem Spaten auf die Flammen einschlage. Ich hab’ das schon im Griff!“ Da hörte ich auch schon das Tatütata von vielen, vielen Feuerwehren, es klingelte an der Tür, ich öffnete zögerlich, da stand ein Feuerwehrmann vor mir mit einem Schlauch in der Hand: „Wo ist das Feuer?“ Und schon rannte er in das Balkonzimmer, etliche Feuerwehrmänner folgten ihm, ich hinterher, das Feuer war aber schon am Erlöschen.
Sie brauchten nicht einmal mehr Wasser fließen zu lassen. Draußen vor unserem Balkon hatte sich eine Zahl neugieriger Nachbarn versammelt. Die Feuerwehrleute sahen sich in der Wohnung um, ich schämte mich, mein Bett hatte ich noch nicht gemacht, auf meinem Nachttisch lagen verstreute Cornflakes, eine halb ausgegessene Schale mit Milch. Der Feuerwehrmann nahm die Cornflakes und roch daran: „Was ist das?“, fragte er. Er vermutete weitere geheimnisvolle Feuergefahren. „Cornflakes. Knusperflocken“, verbesserte ich mich, weil er mir nicht glaubte oder nicht wusste, was Cornflakes sind.
Die Neugier der Nachbarn
Ich müsse meine Mutter anrufen, sagte der Feuerwehrmann. Also rief ich an und gestand nun meiner Mutter, dass die Feuerwehr bei uns war, es gebrannt hatte, aber alles gelöscht und es alles halb so schlimm wäre, nur dass ich mein Bett noch nicht gemacht und den Mülleimer auch nicht runtergebracht hätte. Wie ich aus dem Fenster sah, standen bestimmt drei Feuerwehren vor unserer Tür.
Meine Mutter war unglaublich schnell zu Hause, zusammen mit ihrer Kollegin, die als Staatsanwältin zuständig war für Verkehrsunfälle und Brandstiftung. „Genossin Herzberg“, sagte sie streng, „ich muss eine Hausdurchsuchung machen.“ „Ja, ja, Maria“, sagte meine Mutter ergeben. Und dann nahm die Genossin Maria Janocha, die Kollegin und Freundin meiner Mutter, den Säbel von der Wand, die Bolzenpistole meines Bruders und den Chemiebaukasten mit sowie einige Einweckgläser mit Chemikalien.
„Oje, wenn mein Bruder nach Hause kommt – was habe ich da angerichtet.“ Jetzt erst bemerkte ich, dass ich weiche Knie hatte, so etwas kannte ich nur aus meinen Romanen. Und ich fing an zu weinen. Über mich brauste etwas dahin, das mit mir nichts mehr zu tun hatte. Die auch von mir geliebten Dinge meines Bruders verschwanden in einer Kiste der Staatsanwältin, und jedes Mal, wenn die Genossin meine Mutter pflichtbewusst ansah, nickte meine Mutter. „Nimm alles mit.“
Die Wohnungstür stand noch immer offen, da schauten die Nachbarn zu, wie alle Schubladen geöffnet wurden. Stummes Zuschauen. Bisher hatte ich überhaupt keine Rolle gespielt, es war unklar, wieso sich das Zeug entzündet hatte, es wurde auch nicht danach gefragt. Es war hoch entzündliches Material, es war ein sehr heißer Tag. Da hatte es gebrannt, die Ursache war der Raketentreibstoff, gemixt von meinem Bruder.
Dann kam er endlich nach Hause. Als er sah, dass alle seine geliebten Dinge verpackt wurden, um sie wer weiß wo einzulagern, das Protokoll geschrieben und unterschrieben war, da schrie mein Bruder die Staatsanwältin Janocha an: „Gebt uns doch Labors, damit wir uns im Zeitalter des Sputniks auf Weltraumexperimente vorbereiten können.“ Niemand reagierte.
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Ein Gespräch mit Staatsanwaltschaft und Chemielehrer
Die Feuerwehr zog die Schläuche zurück, die Nachbarn hatten sich verzogen. Die Wohnungstür wurde geschlossen. Meine Mutter, blass und selbst wie ausgebrannt, trocknete sich ihre Tränen, auch meine waren getrocknet. Meine Mutter machte Abendbrot. Der Übeltäter war mein Bruder, der saß mit roten Ohren am Tisch und verschlang das Essen.
Meine Mutter wurde fast sanft, wirkte irgendwie erlöst sogar, endlich war die Gefahr gebannt und fort aus der Wohnung. Ein kurzes, heftiges Feuer hatte ihre Ängste entzündet und vielleicht auch gelöscht, die Ängste, die sie immer hatte, wenn die Jungen experimentierten, mit diesem Teufelszeug. Beide Kinder heil und unverletzt. Jetzt erst, am Abendbrottisch, sagte meine Mutter, dass ich gezündelt hätte. Ich hatte es ihr wahrscheinlich am Telefon gestanden. Da empörte sich mein Bruder und wollte mich schlagen, meine Mutter hielt kurz ihre Hand auf seiner. Wortlos.
Was dann noch passierte: ein Gespräch in der Staatsanwaltschaft mit den Jungen und ihrem Chemielehrer, der versicherte: „Ich hab’ euch immer gesagt, Jungs, ihr solltet besser mit Luftdruck arbeiten.“ Der Versuch, die Jungen von der Oberschule zu werfen, scheiterte, sie gaben sich einsichtig, doch ihr Erfindergeist war gebrochen.
Meine Mutter gab ihre Arbeit als Staatsanwältin auf, um sich mehr um ihre Kinder zu kümmern. Sie machte Übersetzungen, arbeitete zu Hause. Es gab regelmäßig warmes, gutes Abendbrot, mein Bruder machte, wenn auch recht und schlecht, sein Abitur. Er entwickelt bis heute zündende Ideen, wie man die Welt verändern könnte.
Wera Herzberg, Jahrgang 1948, hat in Berlin studiert. Sie hat an verschiedenen Theatern als Schauspielerin und Regisseurin gearbeitet und war Dozentin für Schauspiel und Regie an Schauspielschulen in Berlin, Potsdam und Hannover.
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