Weil den Staaten das Geld ausgeht, veräußern sie das Letzte, was ihnen bleibt: ihr Land

Ausverkauf in Afrika

Marc Engelhardt
4 Min

NAIROBI. In wenigen Wochen ist es soweit: Dann wird der saudische Konzern Hadco auf seinen Feldern im Sudan die erste Ernte einfahren. Gemüse, Weizen und Viehfutter von 10 000 Hektar Land sollen helfen, den seit Jahren steigenden Bedarf an Lebensmitteln in Saudi-Arabien zu decken. Denn während die ohnehin knappen Wasservorkommen in den arabischen Staaten schrumpfen und damit auch die landwirtschaftlich nutzbare Fläche, wächst die Bevölkerung stetig: In den sechs Golfstaaten leben heute 35 Millionen Menschen, kommendes Jahr sollen es bereits 39 Millionen sein. Hadcos afrikanische Ernte ist deshalb sehr willkommen.Nomaden ohne RechteFür das Land an den fruchtbaren Bänken des Nils hat Hadco unbestätigten Informationen zufolge 95 Millionen US-Dollar Pacht an die Regierung in Khartum gezahlt - und das soll nur der Anfang sein. Sudans Regierung hat den Golfstaaten angeblich bereits 900 000 Hektar bestes Farmland zugesagt, für 99 Jahre Pacht. Offiziell will das in Khartum freilich niemand bestätigen. Denn der Verkauf von Ackerland an ausländische Investoren ist bei den Bürgern, die in Afrika immer noch überwiegend Kleinbauern sind, nicht sonderlich beliebt. Doch weil Erz- und Ölpreise gesunken sind, Investoren und Touristen ausbleiben und afrikanische Auswanderer immer weniger Geld aus dem Ausland nach Hause überweisen können, suchen Regierungen verzweifelt nach anderen Wegen, um dringend benötigte Devisen zu bekommen. 700 Milliarden US-Dollar, so schätzt die Weltbank, werden den ärmsten Ländern bis Ende des Jahres fehlen. Dass ein Weltbank-Gipfel, bei dem Finanzminister heute und am Mittwoch im tansanischen Daressalaam über die Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf den ärmsten Kontinent beraten, daran etwas ändern wird, glaubt niemand.Was sich verkaufen lässt, wird verkauft. Der koreanische Mischkonzern Daewoo will auf Madagaskar Futtermais und Ölpalmen anbauen - 1,3 Millionen Hektar hat die Regierung des bettelarmen Inselstaats dafür bereitgestellt. In Kenias Tana-Flussdelta sollen 40 000 Hektar Land an den Golfstaat Katar verpachtet werden - zum Anbau von Früchten und Gemüse. Die Nomaden in dem Delta, das nicht nur als hoch naturschutzwürdig gilt, haben kein Recht auf Landbesitz und können problemlos enteignet werden. Im Gegenzug für die Verpachtung will Katar einen Großhafen vor Kenias Küste finanzieren.Ein Viertel Ersparnis gegenüber dem Weltmarktpreis erwarten die Regierungen, die mit den Verpachtungen praktisch ihr Hoheitsgebiet erweitern. Von "Neo-Kolonialismus" sprechen denn auch Kritiker wie der britische Umweltschützer George Monbiot. "Früher haben die reichen Nationen Kanonenschiffe und Glasperlen eingesetzt, heute sind es Anwälte und Scheckbücher", so Monbiot. "Der Westen will sich mit aller Kraft vor der drohenden Nahrungsmittelkrise retten, auch wenn das heißt, das Menschen anderswo verhungern werden."Doch diese Kritik teilen nicht alle. Beim Gipfeltreffen der Umweltminister vor einigen Wochen betonte der Nahrungsmittelexperte des UN-Umweltprogramms, Christian Nellemann, es führe kein Weg daran vorbei, die vorhandenen Ackerflächen besser zu nutzen. "Wir müssen verhindern, dass mehr als der Hälfte aller geernteten Güter bei Transport und Lagerung verloren gehen", so Nellemann. "Aber wir müssen auch die Ernteerträge erhöhen, wenn wir die angesichts des Bevölkerungswachstums drohende Hungerkrise aufhalten wollen."Mary Fosi, Staatssekretärin in Kameruns Umweltministerium, bettelt förmlich um Investoren: "Hauptsache, jemand entwickelt unsere Landwirtschaft." Tatsächlich ernährt sich Afrika überwiegend von dem, was Kleinbauern ernten: In Kenia etwa bauen mehr als eine Million Farmer den Mais an, der das Hauptnahrungsmittel im Land ist. Fast alle sind auf Regenfälle angewiesen, künstliche Bewässerungssysteme oder gar Gewächshäuser haben sie nicht. Die Folge: Nach anhaltenden Dürren und mehreren Korruptionsskandalen hungert ein Viertel von Kenias Bevölkerung. "Natürlich wäre es schöner, wenn wir Unterstützung beim Aufbau unserer eigenen Landwirtschaft bekämen", gibt Fosi zu. "Aber wir können es uns eben nicht aussuchen."Unter den derzeitigen Modellen profitiert die lokale Bevölkerung allenfalls von Jobs auf den Farmen, von deren Produkten sie nichts abbekommen. Ziel der Investoren ist es schließlich, Agrargüter aus Billiglohnländern zu günstigen Preisen in Hochpreisländer zu verkaufen. Viele von Afrikas Regierungen haben ihrerseits ganz eigene Interessen, ihr Land zu verpachten. Kenias größte Landbesitzer sind nicht etwa weiße Farmer aus Kolonialzeiten, sondern die politische Elite. Wird dieses Land verpachtet, fließt der Gesamterlös nicht nur in die Staatskasse, sondern in die Taschen der Politiker.------------------------------Hungersnot führt zu AufständenPreise: Nahrungsmittel sind knapp und werden deshalb immer teurer. Während die Weltbevölkerung wächst, schrumpft die landwirtschaftlich nutzbare Fläche. Die Folge: Zwischen 2005 und 2008 sind die Nahrungsmittelpreise weltweit um mehr als 50 Prozent gestiegen.Getreide: Am drastischsten gestiegen in den vergangenen drei Jahren sind die Preise für Weizen, nämlich um gut 130 Prozent. Der Preis für Mais erhöhte sich um mehr als 110 Prozent, ebenso der Preis für Gerste. Die Reis- und Sojapreise stiegen ebenfalls deutlich.Auswirkungen: Während der Preisboom bei Weizen, Reis oder Soja in den Industrieländern lediglich zeitweise die Inflationsrate nach oben drückt, sind die Folgen in Afrika verheerend. Immer häufiger kommt es in den Ländern aus diesem Grund zu Hungeraufständen.------------------------------Foto: Farmer in Kenia: Immer mehr Land in Afrika wird von Konzernen für die Produktion von Lebensmitteln aufgekauft

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