Weises Urteil gefragt

Sebastian Preuss
2 Min

Noch hat Berlin den Verlust von Ernst Ludwig Kirchners "Straßenszene" nicht verwunden, da bahnt sich erneut ein kapitaler Restitutionsfall in der Stadt an. Heute wird sich entscheiden, ob das Deutsche Historische Museum (DHM) rund 4 500 kostbare Plakate aus den Pioniertagen der modernen Gebrauchsgrafik an den Sohn des einstigen Besitzers zurückgeben muss. Zwischen 1896 und 1922 hatte der jüdische Berliner Zahnarzt Hans Sachs über 12 000 Blätter zusammengetragen. Alle große Namen des neuen Kunstmediums waren in der Kollektion vertreten, darunter Stücke von Manet und Toulouse-Lautrec, Slevogt und Käthe Kollwitz. Die Nationalsozialisten beschlagnahmten 1938 die damals schon legendäre Sammlung, bald darauf emigrierte der Sammler, völlig verarmt, in die USA.Seine Plakate glaubte Hans Sachs verloren. 1961 sprach ihm die Bundesrepublik 225 000 Mark an Wiedergutmachung zu, eine damals beachtliche Summe, die alle seine Ansprüche gedeckt habe, wie er fünf Jahre später in einem Brief versicherte. Und dies obgleich er in der Zwischenzeit erfahren hatte, dass ein Teil seiner Sammlung im Ost-Berliner Zeughaus lagerte. Hans Sachs starb 1974. Sein Sohn Peter, heute 70-jähriger Rentner in Florida, stieß erst 2005 auf die Sammlung im DHM und verlangt sie nun zurück. Das Museum und sein Anwalt, Ex-Kulturstaatssekretär Lutz von Pufendorf, berufen sich jetzt auf Hans Sachs' Zufriedenheit über die Entschädigung. Vergeblich habe man zu Beginn der Neunziger versucht, mit dem Erben Kontakt aufzunehmen. Peter Sachs hingegen beteuert, er wolle die Sammlung nicht "verhökern", wie es DHM-Direktor Hans Ottomeyer vorschnell argwöhnte, sondern in Erinnerung an seinen Vater endlich dem Publikum zugänglich machen.Auf Betreiben von Kulturstaatsminister Bernd Neumann soll jetzt die unabhängige "Limbach-Kommission" eine Lösung finden. Unter Vorsitz der ehemaligen Verfassungsgerichtspräsidentin haben Richard von Weizsäcker, Rita Süssmuth sowie angesehene Historiker, Kunsthistoriker und Rechtsphilosophen ein salomonisches Urteil zu fällen. Es wird ihnen nicht leicht fallen, denn die öffentliche Stimmung ist seit der Rückgabe des Kirchner-Bilders gegenüber Restitutionen aufgeheizt; auch einige unangenehme antijüdische Zwischentöne waren zu hören. Zudem geht es um die heikle Frage, wie künftig mit Entschädigungsfällen der Nachkriegszeit umzugehen ist.Der Fall Sachs ist vertrackt; zu wünschen ist ein Kompromiss, der beide Seiten zufrieden stimmt. Gelänge der Kommission solch ein weiser Schiedsspruch, dann wäre ihr in Zukunft hohe moralische und rechtliche Autorität sicher.

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