Welche Hilfe braucht Afrika?

Wolfgang Kunath
3 Min

Mit 20 Milliarden Dollar will die G8 auf Initiative von US-Präsident Barack Obama den Hunger in den ärmsten Ländern bekämpfen. Werden solche Beschlüsse wenigstens noch ordentlich in Aktendeckeln abgeheftet, oder fliegen sie gleich in den Papierkorb? Zum Beispiel 2005 Gleneagles in Schottland: Die Teilnehmer des G8-Gipfels bekräftigen ihr Ziel, bis 2015 der Entwicklungshilfe 0,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts zu widmen. Was soll man von diesem Gelöbnis samt dem dazugehörigen frommen Augenaufschlag halten? Die 0,7 Prozent sind seit sage und schreibe 1970 als Zielmarke staatlicher Entwicklungshilfe-Zahlungen festgelegt! Deutschland hat es nicht einmal bis zur Hälfte gebracht. Wieso also sollten, nach 40 Jahren leerer Versprechungen, die jetzigen Beschlüsse von L'Aquila mehr als Lippenbekenntnisse sein?20 Milliarden Dollar. Das ist nicht gerade viel Geld. Dutzende afrikanische Länder sind durch die Wirtschaftskrise um Jahrzehnte zurückgeworfen. Mehr als eine Milliarde Menschen hungern weltweit, hundert Millionen davon sind allein letztes Jahr durch die Krise hinzugekommen.Alle paar Jahre erscheinen Streitschriften, meist junger afrikanischer Intellektueller, gegen die Entwicklungshilfe. Aber interessanterweise beklagen sie - anders als die Hilfsorganisationen der Industrieländer - weniger die knappe finanzielle Ausstattung als vielmehr die Art der Entwicklungshilfe: Sie lade die lokalen Eliten zur illegalen Bereicherung geradezu ein, übergehe das Talent und die Kenntnisse der Einheimischen, gebe fremde Konsum- und Kulturnormen vor, mache lokale Märkte kaputt.Wie auch immer die Vorwürfe lauten, wie berechtigt sie sein mögen - in diesem Zusammenhang ist interessant, dass Obama mit dem Anti-Hunger-Programm ausdrücklich die heimische Agrarproduktion in den von Armut und Hunger gegeißelten Ländern fördern will, und zwar zu- lasten der reinen Nahrungsmittelhilfe. Nicht, dass das ein revolutionär neuer Ansatz wäre - im Gegenteil, die Lieferung von amerikanischem (oder europäischem) Mais oder Weizen ist ein quasi tödliches Instrument, das den Bauern vor Ort den Garaus macht. Das gehört zum - wenigen - gesicherten Wissen der Entwicklungspolitik. Bloß bis nach Washington hatte sich das bisher noch nicht herumgesprochen.Man wird sich genau anschauen müssen, was Obama mit seinem 20-Milliarden-Programm wirklich will: Eine neue Grüne Revolution mit Turbo-Saatgut zum Nutzen und Frommen der amerikanischen Patentinhaber? Die Förderung von Weltmarkt-Produkten wie Soja, die die großen US-Getreidehändler vermarkten würden? Eine Big-Business-Landwirtschaft, die die Kleinbauern und damit die meisten Menschen in Afrika zu elenden Randfiguren eines Modernisierungsprozesses macht?Oder geht es um die Förderung kleiner Projekte - ein Wasserreservoir hier, eine Saatgut-Kreditgenossenschaft da, eine Kooperative zur Vermarktung dort? Geht es der US-Regierung statt um große Produktionsziffern um Ziele wie Ernährungssicherheit, Gesundheit, Bildung, Umweltschutz? Das wäre in jedem Fall neu. Bisher - und am schlimmsten unter Bush - war die US-Auslandshilfe entweder ideologisch motiviert, oder sie erfüllte die Forderungen der US-Farmer, deren Überschussproduktion durch staatlichen Aufkauf subventioniert und dann - humanitär verbrämt - als Nahrungsmittelhilfe deklariert wurde.

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