BERLIN. Ein Exemplar des am Wochenende von der Birthler-Behörde bekannt gemachten Schießbefehls für die an der innerdeutschen Grenze eingesetzten Angehörigen einer Stasi-Sondereinheit ist offenbar schon kurz nach der Wiedervereinigung gefunden worden. Einem Bericht der Zeitung Die Welt zufolge hatte die Stasi-Unterlagenbehörde 1993 die Staatsanwaltschaft Berlin von dem Fund unterrichtet. Die Birthler-Behörde räumte zudem ein, dass 1996 auch das Landgericht Berlin über den Fund eines solchen Schießbefehls informiert worden sei.Auch die öffentliche Verbreitung des Dokuments war größer als bislang angenommen und von Behördenchefin Marianne Birthler dargestellt. Nach Informationen der Berliner Zeitung ist das Buch "Dokumente zur DDR-Geschichte", in dem ein Mitarbeiter der Behörde den Schießbefehl publiziert hatte, seit 1997 vom Links Verlag und von der Bundeszentrale für politische Bildung insgesamt 50 000 Mal verkauft worden.Akten überführen?Für Irritation sorgt nun auch der Umstand, dass das im Magdeburger Stasi-Archiv aufgefundene Exemplar des Schießbefehls der Behördenleitung in Berlin bereits seit letztem Juni vorlag. Dass Marianne Birthler den Schießbefehl am Wochenende fälschlich als neu entdecktes Dokument bezeichnet hatte, weil eine gründliche Prüfung des Papiers in der Behörde offenbar versäumt wurde, sorgt weiter für Diskussionen. In der Debatte geht es dabei zunehmend auch um die Zukunft der Stasi-Unterlagenbehörde.Sachsens Landesbeauftragter für Stasi-Unterlagen, Michael Beleites, wertete den Vorgang als Beleg dafür, dass die Erschließung des Stasi-Aktenbestandes noch schneller und vor allem professioneller erfolgen müsse. "Wenn man ein solches Grundsatzdokument schon einmal gefunden hat, dann muss gesichert sein, dass es jederzeit wieder auffindbar ist, um es mit neuen Aktenfunden zu vergleichen", sagte Beleites der Berliner Zeitung. Weil das in der Birthler-Behörde offenbar nicht klappe, sei eine engere Kooperation mit dem Bundesarchiv und anderen staatlichen Archiven bei der Aktenerschließung notwendig.Beleites befürwortete eine Übergabe der Stasi-Akten an das Bundesarchiv und die Landesarchive in naher Zukunft. "Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, also etwa die Bearbeitung persönlicher Akteneinsichtsanträge gewährleistet ist und das Bundesarchivgesetz so verändert wurde, dass es den besonderen Charakter der Stasi-Akten berücksichtigt, dann muss man nicht mehr ewig warten", sagte Beleites.Auch der Historiker Bernd Faulenbach sprach sich für eine Umlagerung der Stasi-Akten ins Bundesarchiv "in einer überschaubaren Zeitspanne" aus. "Die Birthler-Behörde hat durch ihre Geschichte und ihre Größe sicher ein Eigengewicht, was uns aber nicht von der Frage abhalten darf: Wie lange brauchen wir sie noch in der bisherigen Struktur?", sagte Faulenbach, Vize-Vorsitzender der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.Aus seiner Sicht würde eine Bündelung aller zeitgeschichtlichen DDR-Akten und damit auch der Stasi-Unterlagen im Bundesarchiv eine wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit SED- und DDR-Geschichte erleichtern. "Der Forschungsbereich der Birthler-Behörde hat in den letzten Jahren eine gute und wichtige Arbeit geleistet, auch wenn man schon manchmal die Frage stellen muss, ob die Schwerpunkte immer richtig gesetzt waren", sagte der Historiker. Aber gerade diese Verengung auf die Stasi-Problematik sei auch ein Problem. "Die SED-Diktatur lässt sich nicht allein aus Stasi-Akten heraus erklären, dafür braucht man einen breiteren wissenschaftlichen Ansatz. Das könnte durch die Bundesarchiv-Lösung erleichtert werden", sagte Faulenbach.------------------------------Schießbefehl für Stasi-GrenzerDas am Wochenende bekannt gewordene MfS-Dokument umfasst sieben Seiten. Die Passage mit dem Schießbefehl für Stasi-Grenzer lautet:"Es ist Ihre Pflicht, Ihre Einzelkämpfer- und tschekistischen Fähigkeiten so zu nutzen, dass Sie die List des Grenzverletzers durchbrechen, ihn stellen bzw. liquidieren, um somit die von ihm geplante Grenzverletzung zu vereiteln. Handeln Sie dabei umsichtig und konsequent, da die Praxis die Gefährlichkeit und Hinterhältigkeit der Verräter mehrfach beweist. Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zu nutze gemacht haben."------------------------------Foto: Marianne Birthler gedenkt gestern Abend der Maueropfer des SED-Regimes an der Glienicker Brücke in Berlin.
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