BERLIN, 7. November. Hätten die Römer geahnt, wie es auf dem Planeten Venus aussieht, hätten sie ihm vermutlich nicht den Namen ihrer Liebesgöttin gegeben. Denn mit Romantik und Anmut hat die Venus, die am Himmel leuchtet, wenig zu tun. Unter ihrem dichten gelblichen Schleier ist es Tag und Nacht 450 Grad Celsius heiß, und Vulkane haben stinkendes Schwefeldioxid in die Atmosphäre geblasen. Dass dort einmal Wasser oder gar Leben gefunden wird, scheint ausgeschlossen.Heute vergleichen Planetenkundler die Venus lieber mit einem Dampfkochtopf. Damit spielen sie nicht auf den Luftdruck an, der dort neunzigmal höher ist als auf der Erde. Sie denken vielmehr an das, was im Innern der Venus brodelt. "Die Oberfläche ist vergleichsweise jung, größtenteils nur 500 oder 600 Millionen Jahre alt", sagt zum Beispiel Jörn Helbert vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin-Adlershof. "Es hat daher fast den Anschein, als sei die Oberfläche auf einen Schlag geschaffen worden."Ein Blick unter dicke WolkenGenauer wissen es die Fachleute nicht. Während in den vergangenen 15 Jahren zwölf Sonden zum Mars geschickt wurden, flog keine einzige zur Venus. Im kommenden April wird Helbert aber zu den Forschern gehören, die einen Blick durch die dicken Wolken der Venus werfen. Denn dann soll die europäische Sonde Venus Express, die morgen früh startet, in eine Umlaufbahn um den Nachbarplaneten der Erde einschwenken. Für seine Untersuchungen steht Helbert das Spektrometer Virtis zur Verfügung, das die Sonde mit sich führt. Es registriert Infrarotlicht bestimmter Frequenzen, das die Atmosphäre der Venus durchdringt.Aus der Infrarotstrahlung können die Forscher berechnen, wie heiß der Venusboden ist. Außerdem wollen sie wissen, ob die Oberfläche erodiert wird. Auf der Venus geschieht das nicht wie auf der Erde durch Wind und Wasser, es geht vielmehr um chemische Prozesse. Die letzte Venus-Sonde Magellan, die den Planeten 1990 erreichte, hat zum Beispiel eine helle, dünne Schicht auf einigen Bergen ausgemacht - sie wird in Fachkreisen "metallischer Schnee" genannt. Inzwischen haben Forscher von der US-amerikanischen Washington University in St. Louis herausgefunden, dass dieser "Schnee" aus dem Mineral Bleiglanz besteht.Vielleicht wird Helbert auch Regionen entdecken, die von den gewaltigen Eruptionen vor 500 Millionen Jahren verschont blieben und die Venus so zeigen, wie sie vorher war. Doch am meisten hofft er, besonders heiße Stellen auf der Oberfläche zu finden - aktive Vulkane. "Das wäre das Schönste." Denn dann wäre klar, dass die Schlote kontinuierlich Gase wie Schwefeldioxid in die Venusatmosphäre blasen. Bislang gehen Fachleute davon aus, dass sich die Zusammensetzung der Venusluft im Laufe der Jahrmillionen kaum geändert hat.Auch andere Forscherteams werden nach Lava spuckenden Vulkanen Ausschau halten; man spricht von einem Wettstreit unter Freunden. Horst Uwe Keller wird dazu die kleine Kamera von Venus Express nutzen. Sie wurde am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Katlenburg-Lindau gebaut, an dem er arbeitet. Die Kamera ist kaum größer als ein Schuhkarton, ihre Optik würde sogar in einen Spielwürfel passen. Mit ihr soll vor allem das Wettergeschehen auf der Venus beobachtet werden. Dazu gehört ein Phänomen, das Superrotation heißt: In 50 Kilometer Höhe über dem Venusboden stürmen Winde mit 360 Stundenkilometern in nur vier Tagen einmal um den Planeten.Keller und seine Kollegen wollen die Stürme beobachten und berechnen, wie viel Energie in ihnen steckt. "Dann kann man Vermutungen darüber anstellen, wo die Energie herkommt", sagt Keller. Zudem verfügt die Kamera über vier Farbfilter. Mit einem der Filter soll die Verteilung einer unbekannten Substanz gemessen werden, die blaues und ultraviolettes Licht absorbiert - und daher die Venus gelb erscheinen lässt.Angesichts der unwirtlichen Bedingungen auf der Venus drängt sich die Frage auf, wie es dort soweit kommen konnte. Schließlich sollen sich Venus und Erde nach ihrer Entstehung vor 4,5 Milliarden Jahren sehr geähnelt haben. Für Planetenforscher stellt sich diese Frage jedoch anders. "Vergleicht man Venus, Erde und Mars, dann fällt die Erde aus der Reihe", sagt Jörn Helbert. Der rote und der gelbe Nachbarplanet hätten zum Beispiel keine Kontinentalplatten, deren Bewegung kontinuierlich die Oberfläche verändert. Da Wasser ein gutes Schmiermittel zwischen den Kontinentalplatten sei, vermutet Helbert, dass die Ozeane den Blauen Planeten so besonders machen.Informationen zur Mission:venus.esa.int------------------------------Die ungleiche Schwester der ErdeVenus Express soll am Mittwoch um 4.33 Uhr mitteleuropäischer Zeit vom russischen Weltraumbahnhof Baikonur abheben. Eine Sojus-Trägerrakete bringt sie ins All.Im April 2006 soll die Sonde in eine Umlaufbahn über Nord- und Südpol der Venus einschwenken. Sie kommt jeweils bis auf 250 Kilometer an die Oberfläche des Planeten heran und entfernt sich auf 66 000 Kilometer.------------------------------Grafik: Die Reise der Venus // Fünf Monate dauert die 400 Millionen Kilometer lange Reise. ------------------------------Grafik: Ein Tag auf der Venus dauert 243 Erdentage - und ist damit länger als ein Venusjahr (rund 225 Erdentage). Die Sonne geht auf der Venus im Westen auf und im Osten unter.------------------------------Foto: In Größe und Gewicht ähnelt die Venus der Erde. Doch sonst sind die Planeten sehr verschieden: Auf der Venus ist es wegen des starken Treibhauseffekts sehr heiß und trocken.------------------------------Foto: Mit drei Kilometer Höhe ist Gula Mons einer der großen Vulkane der Venus. Das Bild wurde aus Radarmessungen erstellt.
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