BERLIN. Lange Zeit sah es im Finale dieser Weltmeisterschaft nicht so aus, als würde die Sache ein glückliches Ende für Italien nehmen. Die Mannschaft von Marcello Lippi war platt, obwohl sie einen Tag länger Pause gehabt hatte als das französische Veteranenteam, das erstaunlicher Weise frischer wirkte. Schon eine Viertelstunde vor Ende der regulären Spielzeit versiegte das Spiel der Italiener, aber eines konnten sie immer noch - verteidigen. Das genügte, um die Franzosen in Schach zu halten und das Elfmeterschießen zu gewinnen.Italiens Team war eine seltsame Mischung: der im Besitz eines italienischen Passes befindliche Teil der Defensive von Juventus Turin, das Mittelfeld des AC Mailand, garniert mit ein bisschen Rom, Florenz und Palermo sowie Inters berüchtigtem Haudegen Materazzi. In der WM-Vorbereitung hatte Lippi oft ein lupenreines 4-3-3 spielen lassen, dann verließ ihn der Mut und er leitete eine Juventisierung ein. Der amputierte Angriff bestand bloß noch aus Luca Toni, das Zentrum des Spiels verlagerte sich nach hinten. Die Protagonisten hießen nun Gattuso, Pirlo, Cannavaro, Materazzi und natürlich Torhüter Buffon. Jeder einzelne könnte als Symbolfigur dieses WM-Turniers dienen, das eine Menge bot, aber eines ganz gewiss nicht: schönen, nach vorne gerichteten Fußball.Variante des einsamen CowboysDie mangelnde Attraktivität des Turniers spiegelte sich auch im Untergang der Spieler mit den großen Namen wieder. Bei Italien war es Francesco Totti, um dessen gebrochene Wade sich monatelang das ganze Land gesorgt hatte. In Deutschland spielte er unauffällig, schoss ein Elfmetertor und wurde im Endspiel fast beiläufig ausgewechselt. Anderen Giganten ging es nicht besser. Am Ende eines jeden Jahres lässt der Fußball-Weltverband Fifa eine Expertenkommission den Weltfußballer des Jahres wählen. 18 der 20 Erstplatzierten von 2005 waren in Deutschland dabei, doch die wenigsten schafften es, jene Klasse zu zeigen, die in ihren Vereinsspielen regelmäßig zu bewundern ist. Einige wie Kaka (8.), Drogba (10.), Ballack (11.) oder Zidane (13.) spielten phasenweise gut, andere wie Beckham (18.) oder Ronaldo (12.) mäßig. Ganz übel sah es bei den Spitzenreitern aus. Ronaldinho (1.), Lampard (2.), Adriano (5.), Schewtschenko (6.) und Gerrard (7.) waren, gemessen an ihren Fähigkeiten, Totalausfälle. Ganz er selbst war nur Thierry Henry (4.), was auch daran lag, dass er im französischen Team exakt die Rolle spielte, die er auch bei Arsenal ausübt: Alleinunterhalter im Angriff.Fast immer sind die Spieler, die bei derartigen Wahlen am besten abschneiden, im Angriff tätig. Ihr kollektives Scheitern bei dieser WM zeigt, dass es kein Turnier der Stürmer war. Die Helden von 2006 hießen Cannavaro, Thuram, Ricardo Carvalho, Vieira, Pirlo, Maniche, Frings, Grosso, Zambrotta, Lahm. In einer Top Twenty der stärksten WM-Spieler wäre kaum ein Angreifer zu finden. Die Weltmeisterschaft lag damit voll im Trend der fußballerischen Entwicklung, die schon länger stringent Richtung Defensive geht. Ohnehin sind es längst keine Turniere von Nationalmannschaften mehr, die innovative Ansätze und neue Konzepte bringen.Diese werden von den erfolgreichen Vereinen geliefert. Das letzte klar auf Offensive ausgerichtete Modell war vor einigen Jahren Real Madrid, nach seinem Scheitern setzte sich zunehmend die Philosophie eines José Mourinho durch, der erst den FC Porto, dann den FC Chelsea in ungeheuer effektive und erfolgreiche Abwehrbollwerke verwandelte. Wagenburgen, aus denen heraus schnelle Stürmer überfallartige Angriffe inszenierten. Selbst Arsène Wengers FC Arsenal, einst Hort des fröhlichen Angriffsfußballs, mauert sich inzwischen besonders in Auswärtsspielen komplett ein und erreichte das letzte Champions-League-Finale vornehmlich dank einer stabilen Defensive. Dort verloren die Londoner gegen den FC Barcelona, der zwar für seine großartigen Stürmer gerühmt wird, aber ebenfalls aus einer massierten Abwehr heraus agiert.Einer der schärfsten Kritiker des zeitgenössischen Fußballs ist Johan Cruyff. Er wetterte schon bei der EM 2004 gegen das allgemein praktizierte 4-2-3-1-System, das er für einen Sargnagel attraktiven Fußballs hält. Damals hatten Tschechen, Engländer und Portugiesen den Trend zur Einigelung noch kaschiert, bei der WM trat er erbarmungslos zu Tage.Die Trainer der Nationalteams übernehmen die Strategien aus den Klubs, sind aber meist noch ängstlicher als ihre Kollegen in den Vereinen, weil der Druck in jedem Spiel extrem hoch ist. Die Dreierkette in der Abwehr ist praktisch ausgestorben, überall stehen vier Leute in der hinteren Reihe. Fast alle postieren inzwischen noch zwei Abräumer vor die Kette, dies tat mit Ballack und Frings auch der Offensivapostel Jürgen Klinsmann. Der ließ aber noch zwei Spitzen spielen, während sich bei den meisten Teams die Variante des einsamen Cowboys durchgesetzt hat. Die Zahl der Stürmer ist aber gar nicht so wichtig, entscheidender ist, wie schnell bei eigenem Ballbesitz aufgerückt wird und wie viele Spieler zur Absicherung hinter dem Ball bleiben. In der Regel waren das fast alle.Umfassende TorgefährlichkeitBei eingespielten Vereinsteams kann aus einem solchen System durchaus attraktiver Tempofußball entstehen, was besonders in der englischen und italienischen Liga der Fall ist. Mit Nationalmannschaften ist die Sache schwieriger. Da funktioniert zwar die Defensive, weil die Vereine in diesem Bereich fast überall gleich spielen, mit dem Angriff sieht es anders aus. Um eine massive Deckung auszuhebeln, braucht es Improvisation, aber auch Verständnis sowie eingeübte Spielzüge und Laufwege. Jeder muss genau wissen, was der andere tut. In einem kurzen Trainingslager lässt sich so etwas nicht lernen.Es war kein Zufall, dass am Ende jene Teams übrig blieben, deren Offensive schon länger zusammenspielt. Portugal fand sich bei der EM, Deutschland beim Confederations Cup, Frankreich reanimierte sein altes Erfolgsteam. Immer besser spielten sie zusammen, was auch für den Weltmeister gilt, der zudem über eine besondere Qualität verfügte: umfassende Torgefährlichkeit. Italiens zwölf Tore erzielten zehn verschiedene Spieler.------------------------------Foto: Der Schatz: Italiens Nationaltrainer Marcello Lippi mit der begehrtesten aller Fußball-Trophäen.------------------------------Foto: Erschöpft, erstaunt, erleichtert, entzückt: So ein Triumph bei der Fußball-Weltmeisterschaft muss erst einmal begriffen werden - die Squadra Azzurra ist gerade dabei.
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