Weltstars von morgen

Sabine Vogel
2 Min

Zehn Tage und Abende lang ging es aufs Wort konzentriert und meistens feingeistig und leise zu. Aber zum Schluss wird es traditionell etwas lauter und körperbetonter. Am Sonntagabend, ab 20 Uhr, geht das neunte Internationale Literaturfestival Berlin im Haus der Festspiele mit einem HipHop-Musical zu Ende. Die von AfricAvenir präsentierte Performance aus Texten, Vorstadtsound und Choreografie erinnert an "Die vergessenen Befreier", an jene Millionen Soldaten aus den französischen Kolonien, die 1914-18 für Frankreich und im Zweiten Weltkrieg gegen den Faschismus kämpften. Besinnlicher, mystisch-meditativer, dürfte das Konzert am Sonnabendabend ablaufen: Der Sänger Bachar Zarkhan aus Syrien wird mit seinem Ensemble vertonte arabische Lyrik, unter anderem vom großen Dichter Mahmoud Darwish, vortragen.Wenngleich das Festival dieses Jahr vermutlich keine Rekordzahlen an Besuchern einfahren wird, war es doch das beste in seiner Geschichte. Es fehlten nämlich die ganz großen Namen, die Promis, die Säle immer füllen, ganz gleich, ob sie noch etwas Interessantes zu sagen haben, es fehlten die Schlangen von Autogrammjägerinnen, die den in Würde gealterten Stars ihre zerlesenen Bücher unter den Füllfederhalter schoben. Stattdessen bot das Festival eine ungeheure Vielzahl von jüngeren Autorinnen und Autoren, die in naher Zukunft mit Sicherheit die Weltstars sein werden.Es fing bereits am ersten Abend an. Nach Arundhati Roys furioser Eröffnungsrede las Alexandar Hemon. Hemon? Der 1964 in Sarajewo geborene Bosnier wurde 1992 in Chicago vom Krieg in seiner Heimat überrascht. Er blieb dort, jobbte, schrieb drei Jahre später schon Kurzgeschichten auf Englisch für den New Yorker, 2002 erschien sein Migrantenroman "Nowhere Man" und vor kurzem sein umjubeltes Meisterwerk "Lazarus".Ob die Londoner Autorinnen Kamila Shamsie (geboren 1973 in Pakistan) oder Monica Ali (geb. 1967 in Dhaka), ob Hanif Kureishi (geb. 1954 in London), Tim Parks (geb. 1954 in Manchester), dessen "Träume von Flüssen und Seen" über einen Anthropologen in Indien soeben herauskam, der israelische Araber Sayed Kashua (geb. 1975), der seinen ersten Roman "Tanzende Araber" auf Hebräisch verfasste, und, und, und. All diese Autoren sind Nomaden, gehören einer Generation der 30- bis 50-Jährigen an, sie haben große Preise erhalten, ihre Romane wurden in viele Sprachen übersetzt und sie sind längst nicht mehr "zu entdecken". Und zuletzt soll für Sonnabend noch eine dringende Empfehlung für den Besuch der Lesung des wunderbaren Erzählers Colum McCann (geb. 1965 in Dublin) abgegeben werden: sein neuer Roman "Die große Welt" - schon wieder ein Meisterwerk.

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